Mehr als ein Geheimtipp

Gus Van Sants „Milk“
USA, 2008

Der Politiker Harvey Milk, der bis zu seinem 40. Lebensjahr kein besonderes Interesse an Polititk oder Aktivismus zeigte, wurde als erster bekennender Schwuler in der Politik der USA bekannt und zog als erster Homosexueller 1977 in den Stadttag San Franciscos ein.
Milk, der erst sieben Jahre zuvor von New York nach San Francisco gezogen war, gelang es innerhalb dieser sieben Jahre, Kalifornien und die gesamten USA durch den offenen Umgang mit seiner Homosexualität auf sich aufmerksam zu machen, und erreichte zudem gemeinsam mit anderen Politikern den Erhalt der Gleichberechtigung der Homosexuellen in Kalifornien.
Im Jahre 1978, ein Jahr nach der Ernennung zum Stadtrat, wurde er schließlich von dem frustrierten Ex-Stadtrat Dan White, seinem früheren Freund, erschossen.

Gus Van Sant beschäftigt sich in seinem neuesten Film „Milk“ mit den letzten acht Lebensjahren des Harvey Milk, beginnend an seinem 40. Geburtstag, an dem Milk zusammen mit seinem späteren Lebensgefährten Scott Smith beschließt, etwas zu tun, auf das er später stolz sein würde, endend an dem Tag der Ermordung durch Dan White.
In der Zwischenzeit erfährt der Zuschauer eine Menge über die Ideale dieses Mannes, der so sehr für die Gleichberechtigung der Homosexuellen, aber auch für andere Minderheiten in San Francisco und letztendlich auch in den restlichen USA kämpfte.

Immer wieder hält er flammende Reden vor kleinem und großem Publikum, die er stets mit seinem Slogan „Mein Name ist Harvey Milk und ich will Euch rekrutieren!“ beginnt. Immer wieder schafft er es, selbst Zuhörer, die Homosexuellen skeptisch gegenübertraten, von seinen Idealen zu überzeugen. Immer wieder zieht er bis zur völligen Erschöpfung in den Wahlkampf, um einen Sitz im Stadtrat zu erreichen, und schafft es letztendlich durch seine liebenswerte, überzeugende und dabei sehr charismatische Art, all seine Mitstreiter und Befürworter ausgehend von seinem Fotokameraladen im Castro-Viertel, das mehr und mehr zum Zentrum der Schwulenbewegung wird, zu motivieren und mitzureißen. Milk denkt dabei nie ans Aufgeben.
Zusammen mit seinen Mitstreitern motiviert er letztendlich genug Bürger, die ihn in den Stadtrat wählen. Später schafft er es sogar, so viele Kalifornier zu motivieren, gegen die schwulenfeindliche Briggs-Initiative zu stimmen, dass diese mit einer großen Mehrheit abgelehnt wird.
Bis kurz vor seiner Ermordung durch Dan White organisiert Harvey Milk Demonstrationen gegen die Verletzung der Rechte der Schwulen und versucht alles, um auch den letzten zu überzeugen.

Seine Feinde während seiner Zeit als Politiker und Aktivist sind zunächst homophobe Nachbarn, dann prügelnde Polizisten und später eine fundamentalistische Christenvereinigung unter Vorsitz der Sängerin Anita Bryant sowie der ultrakonservative Politiker John Briggs.
Immer wieder müssen sich die Aktivisten unter Führung von Harvey Milk die lächerlichen Argumentationen Anita Bryants und John Briggs’ anhören, die den Homosexuellen sogar die Schuld an einer Dürreperiode geben.
Trotz der Fassungslosigkeit, die sich beim Zuschauer breit macht, sorgen diese Szenen immer wieder für ein Schmunzeln, besonders wenn die Reaktionen Milks und dessen Bekannten auf die neusten Gemeinheiten der Opposition gezeigt werden.

Van Sant wählt in seinem Biopic eine interessante Erzählperspektive: Nach dem Einstieg in den Film mit einigen Fernsehaufnahmen über Milks politische Aktivitäten, setzt Sean Penn als Harvey Milk ein, der dabei ist, sein politisches Testament zu diktieren.
Immer wieder wird zwischen dieser Szene und der eigentlichen Handlung gewechselt, sodass der Eindruck entsteht, Harvey Milk würde seine eigene Geschichte erzählen.
Zudem erhält der Film zusätzlichen Realismus durch die als Fernsehbilder gezeigten Realaufnahmen aus Harvey Milks Zeit als Politiker. Manchmal ereilt den Zuschauer der Eindruck, er würde sich gerade eine Dokumentation ansehen und nicht einen mit Schauspielern produzierten Film.

„Milk“ ist ein bewegender Film, der zurecht zwei Oscars gewonnen hat und für sieben weitere nominiert war.
Besonders Sean Penn spielt in diesem Film großartig auf und stellt Harvey Milk absolut überzeugend dar, aber auch die anderen Schauspieler wie Josh Brolin, der den verzweifelten Stadtrat und späteren Attentäter Dan White darstellt, oder James Franco, der als Scott Smith zu überzeugen weiß.
Es handelt sich bei „Milk“ um mehr als nur einen Geheimtipp, wie er immer wieder bezeichnet wurde. Ansehen ist Pflicht!

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