Von der Wall Street in den Slum

Erstaunliches bei den Academy Awards 2009

Nirgends zeigt sich Verwobenheit von Finanzwelt und Kulturbetrieb in Hollywoods Mikrokosmos so offenkundig wie bei den Oscarverleihungen. Seit der für die Kunst so schicksalhaften Epochenwende der Ablösung des New Hollywood durch das Blockbusterkino des Spielberg und Lucas hat sich die einstige Fachveranstaltung vollends zum medien- und kassenwirksamen Jahrmarkt der Eitelkeiten degradiert. Doch nun, in diesen finanziell unsicheren Zeiten, werden wir Zeuge eines durchaus amüsanten Schauspiels: Die Traumfabrik muss sparen, der rote Teppich ist kürzer, der Schampus wärmer. Die Kurse sinken! Bis in den Slum.

Dies hat offenbar, in einem seltenen Akt der Selbstreflexion, zu einer Rückbesinnung auf die eigentliche Funktion einer solchen Auszeichnung geführt: Verhielt man sich in früheren Jahren stets affirmativ und krönte vor Allem in den Hauptkategorien etablierte Favoriten, so stellt die Ernennung von Slumdog Millionaire eine erstaunlich progressive Entscheidung dar: Ein Schritt aus der fachlichen Irrelevanz. Die gar nicht mal so kühne Behauptung, Benjamin Button hätte noch vor einem Jahr das Rennen gemacht, drängt sich geradezu auf.

Außerdem handelt es sich um eine sehr amerikanische Entscheidung. Der dort gegenwärtige Trend zu politischem Aktivismus, bedingt durch „Obamania“ etc., schlägt sich also auch in der Branche nieder, während man gleichzeitig in der breiten Masse einen wieder erblühenden Nationalstolz entwickelt. Tatsächlich möchte man wieder brisant sein, Gesprächsstoff liefern: Das Pitt’sche Rührstück kann da kaum gegen Kinder in Wellblechhütten anstinken – der Tellerwäscher, das Streben nach Glück, das Aufstehen des am Boden liegenden. American way of life in Mumbai.

Sind die Hintergründe dieses Trends auch verschlungene Pfade, und ist es noch nicht ersichtlich, ob er wirklich Gutes (wahre Brisanz statt sich ebenso andeutender amerikanistischer Sozialromantik) bringen sollte, so steht eines zumindest fest: Interessanter ist es nun auf jeden Fall. Aber so relevant wie Cannes noch lange nicht.

Ein Wort zum deutschen Gewinner Jochen Alexander Freydank (Kurzfilm Spielzeugland) sei gestattet: Jedem deutschen Filmemacher, der seine Chancen auf einen Oscar potenzieren will, möchte ich anraten, bloß nicht unsere unselige Vergangenheit zu verleugnen – immer schön aufarbeiten. NS geht immer, gell? Diesem Mann aber, der von Filmhochschulen mehrmals abgelehnt wurde, ist der Erfolg zu gönnen.

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Ein Kommentar

  1. Lennart
    Erstellt am 2. April 2009 um 00:10 | Permanent-Link

    Sparmaßnamen bei der Oscarverleihng haben allerdings allehöchstens symbolischen Charakter, denn manche Branchen leiden nicht oder profitieren gar von Wirtschaftskrisen. Wie zum Beispiel Schokoladenhersteller. Ich denke, dass die Leute in den Zeiten der Krise immer noch genauso oft ins Kino gehen oder sich eine DVD kaufen. Somit beruht ein kürzerer Roter Teppich lediglich auf der Scheinheiligkeit Hollywoods, über die auch nicht die Kür von Slumdog Millionaire hinwegtäuschen kann.

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