Idylle – brutale Realität.

Jorge Sánchez-Cabezudos „Die Nacht der Sonnenblumen“ – „La noche de los girasoles“
Spanien, 2006

Ein Feld herrlichster sattgelber Sonnenblumen. Das Glühen der Sonne am Tag lässt sich nur noch durch den blass-rosanen Schimmer am Horizont erahnen. Was für ein herrlich paradiesisches Fleckchen Erde.
Ein Auto hält. Der Fahrer entsorgt eine Leiche im Sonnenblumenfeld. Er fährt davon.
Der Einstieg in den in sechs Episoden unterteilten Film des spanischen Regisseurs Jorge Sánchez-Cabezudo könnte nicht stärker kontrastiert sein und verdeutlicht mit all seiner Härte: Keine leichte Kost erwartet den Zuschauer, sondern brutale Realität.

Gabi und ihr Mann Esteban erfahren nur am Rande aus den Nachrichten, dass eine weitere Frau Opfer der Vergewaltigungs- und Mordesserie der letzten Wochen geworden ist.
Esteban ist Höhlenforscher und hat den Auftrag erhalten, in ein kleines Dorf in den Pyrenäen zu reisen, da einige Anwohner eine Höhle entdeckt haben – dabei würde er viel lieber Zeit mit seiner Frau verbringen.
Die Einwohner des Dorfes, allen voran aber Beni, erhoffen sich Großes von der Höhle. Sie erhoffen sie sich als Touristenmagnet, der ihr nahezu ausgestorbenes Dorf neu beleben soll, da von den ohnehin schon wenigen Einwohnern immer mehr das Weite suchen.
Tomás, Polizist in diesem Dorf, und Raquel, Tochter des Polizeichefs Amadeo, haben gerade geheiratet. Doch Tomás fühlt sich bereits nicht mehr zu seiner Frau hingezogen. Stattdessen schläft er mit Rosa, die mit ihm das Dorf verlassen will. Tomás wiederum bereitet dies viel Kopfzerbrechen, zumal ihm Amadeo langsam auf die Schliche zu kommen scheint.
Zwei alte Bauern, Cecilio und Amós, liegen sich ständig in den Haaren. Etwas abseits des Dorfes führen beide einen mehr oder minder verhassten Kleinkrieg, tatsächlich verbindet beide aber eher eine Hassliebe. Sie sind im Dorf quasi die letzten ihrer Art.
Und auch der Vergewaltiger, ein unscheinbarer Staubsaugervertreter, wird aufgrund einer Auseinandersetzung mit einem eifersüchtigen Mann in das Dorf geschickt, in dem mittlerweile auch die Höhlenforscher und Gabi eingetroffen sind – und auf Gabi trifft er schließlich auch in einem Wald, vermeintlich ungestört.

Jorge Sánchez-Cabezudo geht es in seinem Debütfilm also nicht um spannende Ermittlungsarbeiten, die sich mit der Suche nach dem Täter beschäftigt. Dafür ist viel zu schnell klar, wer der Vergewaltiger ist. Stattdessen legt er Wert darauf, seine sechs Erzählstränge nacheinander an den Mann zu bringen, ohne dass sich auf den ersten Blick sonderliche Überschneidungen vermuten lassen, um sie letztendlich aber mit voller Wucht aufeinandertreffen zu lassen.
Dabei sieht sich der Zuschauer mit Fragen nach Schuld, Rache und Gerechtigkeit konfrontiert, die nicht oder kaum zu beantworten sind, denn es wird schnell klar, dass kaum jemand seine Hände in Unschuld waschen kann.

Der Film verknüpft seine Episoden so geschickt, dass trotz oder gerade aufgrund der asynchronen Erzählung immer wieder neue, unerwartete und zum Teil schockierende Aspekte zu der Geschichte beigetragen werden, die so manchen Sympathieträger in ein völlig anderes Licht rücken.
Die Aufklärung der Geschehnisse erfolgt dabei nur nach und nach, wie ein Puzzle, dessen Motiv sich erst nach einiger Zeit erahnen und später erkennen lässt.

Sánchez-Cabezudo verlässt seinen Zuschauer schließlich mit einer Sequenz, die an ihrer brutalen Bedeutungskraft kaum zu überbieten ist und nach all den Erlebnissen, die geschildert wurden, völlig unerwartet und überraschend erscheint.
Ein trostloses Ende, das zum Nachdenken anregt, wie der gesamte Film, der auf den ersten Blick folgende Nachrichten übermittelt: Es kann jeden treffen. Sei Dir nicht zu sicher, es kann der sein, von man Du es nicht erwartest. Allerdings geht er bei näherer Betrachtung noch um einiges weiter.

„Die Nacht der Sonnenblumen“ ist ein verstörender, ungeschönter Film, der seinem Zuschauer Einiges abverlangt. Aber er ist trotzdem unglaublich beeindruckend, was an dem Gespür des Regisseurs für starke und interessante Charaktere liegt. Zuweilen hat der Film den Stil einer Charakterstudie, die dank der starken Schauspieler völlig überzeugt. Sehr sehenswert!

„Die Nacht der Sonnenblumen“, erhältlich auf DVD in spanischer Spracher und englischen Untertiteln oder zuweilen zu sehen auf Arte (z.B. in der Nacht vom 24. auf den 25.04.09, 0:55) in spanischer Sprache und mit deutschen Untertiteln.

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