Jean-François Richets „Public Enemy No.1 – Mordinstinkt“ – „Mesrine : L’instinct de mort“
Frankreich, 2008
Jacques Mesrines Taten hielten in den 1960er- und 70er-Jahren eine Menge Menschen in Atem.
Banküberfälle, Gefängnisausbrüche, Morde. Und erst 1979 nach zwei Jahrzehnten, in denen er nahezu uneingeschränkt Straftaten verüben konnte, gelang es der Polizei seiner endgültig habhaft zu werden – durch seine Erschießung in seinem BMW mitten auf der Straße. Zuvor war es ihm mehrfach geglückt aus hochsicheren Gefängnissen auszubrechen. Nach seiner Erschießung kommt es zu Protesten unter der Bevölkerung Frankreichs: Es handele sich um eine Hinrichtung, nicht um Notwehr seitens der Polizei. War Mesrine, der Raubmörder, etwa ein Idol? Ein Held? Gar ein Retter der Armen?
Richet gibt im ersten Teil seines Zweiteilers um den späteren Staatsfeind Nr. 1 in Frankreich und Kanada keine klare Antwort darauf. Es gelingt ihm, die Wertung dem Zuschauer zu überlassen. Er kann und soll sich ein eigenes Bild machen.
In „Mordinstinkt“ werden keine Sympathien für Mesrine (Vincent Cassel) geweckt. Immer wieder bekommt man sein Temperament, sein cholerisches Wesen zu sehen und durch die Intensität der Bilder Richets fast zu spüren. Es wird kein Hehl daraus gemacht, dass Mesrine, dessen Tod viele Franzosen bedauerten, durchaus seine Schattenseiten hatte. Der Zuschauer bekommt zu sehen, wie Mesrine brutalste Gewalt anwendet, um einzuschüchtern, auszurauben oder zu morden. Besonders deutlich wird dies in der Zeit, in der er für den Pariser Untergrundboss Guido, gespielt von Gérard Depardieu, Aufträge erfüllt und schnell eine feste Größe in dessen Kartell wird. Der erste Gefängnisaufenthalt lässt allerdings auch nicht lange auf sich warten.
Vincent Cassel spielt seine Rolle exzellent und zeigt den Verbrecher Jacques Mesrine von zwei Seiten. Zum einen seine raue, brutale, zuweilen sadistische Seite, wenn er raubt und mordet. Zum anderen seine sanfte und ruhige Seite, wenn es um Frauen und Familie geht. Doch mit dem Verlauf der Handlung wird deutlich, dass sich Mesrine, der als junger Mann im Krieg in Algerien Folter und Mord mit ansehen und verüben musste, unberechenbar und aufbrausend reagiert, wenn ihm jemand nicht genügend Respekt entgegenbringt oder anderer Meinung ist als er. Dies müssen auch Frau und Kinder immer öfter am eigenen Leib erfahren – bis er schließlich zu weit geht und ihm seine Frau Sofia davonläuft. Allerdings dauert es nicht lange und er findet in Jeanne Schneider eine Geliebte, mit der er diverse Überfälle begeht.
Mit ihr flieht er schließlich nach Kanada, wo er allerdings nach einer Entführung erneut ins Gefängnis muss. Und es trifft ihn besonders hart, denn er landet in einem Hochsicherheitsgefängnis mit brutal unmenschlichen Haftbedingungen, Isolationshaft, Prügelstrafe. Hier empfindet der Zuschauer schließlich Mitleid mit dem Schwerverbrecher, der fast völlig gebrochen in seiner Zelle kauert und aufgegeben zu haben scheint. Aber tatsächlich ist er nur wild entschlossen, das Gefängnis so schnell wie möglich hinter sich zu lassen – was ihm auch nach seiner Isolationshaft auf spektakuläre Weise gelingt. Doch damit nicht genug: Er plant außerdem, später zum Gefängnis zurückzukehren und seine Mithäftlinge zu befreien.
Die Gewaltdarstellung des Films ist explizit und erschreckend real, was die verstörende Wirkung des Films unterstreicht. Immer wieder muss der Zuschauer Mesrines Taten mit ansehen. Fast nicht auszuhalten sind die Szenen psychischer Folter im kanadischen Hochsicherheitsgefängnis, die der Zuschauer miterleben muss. Dabei wird nichts geschönt, nichts idealisiert.
Allerdings gelingt es Richet, Mesrine weder zu idealisieren, noch als verachtenswerten Psychopathen darzustellen. Denn das ist nicht das Ziel dieses Films. Das ist vielmehr, Mesrines Leben von einem neutralen Standpunkt zu zeigen und dem Zuschauer zu überlassen, wie er dazu steht.
Zu einem endgültigen Schluss kann dieser aber erst nach dem am 21. Mai anlaufenden zweiten Teil („Todestrieb“) kommen, der Mesrines Weg weitere sechs Jahre bis zu seinem Tod 1979 zeigt.
Bis dahin wird der Zuschauer mit Eindrücken über einen kontroversen Charakter zurückgelassen, die es zu verarbeiten gilt. Richets Versuch, eine neutrale Betrachtungsweise des Verbrechers Jacques Mesrine abzuliefern, ist gelungen.













