Das Theater der Träume

SCHLEICHENDER TOD ODER RENAISSANCE?
EIN PLÄDOYER FÜR DAS LICHTSPIELHAUS

Hat die Institution Kino eine Zukunft? Ist der Cinématographe dem Kampf mit Filesharing, YouTube, Home oder gar Mobile Entertainment gewachsen?
Lässt man das Kino in den en vogue-Disziplinen Unmittelbarkeit, user generated content, mashup-ability sowie all dem ganzen anderen Tand gegen modernere Medien — bei denen Kunst, niedere Unterhaltung, Journalismus und Kommunikation zusehends verschwimmen — antreten, dann ist es ein Auslaufmodell.
Weist man ihm eine neu definierte Rolle im Kulturbetrieb zu, so steht ihm eine blühende Zukunft bevor.

Wie könnte diese nun aussehen?

Der Stellenwert des Kinos im Feuilleton hat analog zum künstlerischen Wert der Filmproduktionen im oberen Segment abgenommen; diese Koinzidenz ist kein Zufall. Spielberg hat mit aller Macht zunichte gemacht, was Kubrick mühsam aufgebaut hat. Einst hatte ein Kinobesuch ähnlichen Rang wie jene in Museen oder der Oper, besaß die Aura des Besonderen. Heute ist es ein besseres Fernsehen.

Was unterscheidet das Kino vom Fernsehen? Dieser Tage könnte man meinen: Inhaltlich nichts, lediglich der äußere Rahmen ist anders festgelegt. Das Kino bietet jenen, die nicht über ein anständiges heimisches „Sound System“ verfügen, eine Alternative des professionellen Einlullens: Das Multiplex als Ort des sinnlichen Exzesses und der Geistlosigkeit. Kino und Fernsehen sind identisch geworden — das intellektuelle Niveau eines Blockbuster-Streifens ist kein anderes als das einer Gameshow. Unterhaltung ist Unterhaltung. Jedoch ist der Auftrag des Kinos im Kern ein künstlerischer und jener des Fernsehens ein journalistischer (dem freilich auch nur sporadisch Genüge getan wird, wie sich in den Worten Ed Murrows widerspiegelt: „Während der Hauptsendezeit isoliert uns das Fernsehen hauptsächlich von der Realität unseres Lebens“ – oder mit Woody Allen zur Debattenkultur: „Am zuverlässigsten unterscheiden sich die einzelnen Fernsehprogramme noch immer durch den Wetterbericht“).

Was unterscheidet den guten Film vom durchschnittlichen Film? Der Durchschnittliche erscheint vom Handydisplay über den Heimcomputer-Flachbildschirm bis zur Leinwand durchgängig gleich blass — der gute beginnt auf Letzter zu leuchten. Er korrespondiert mit dem erhabenen Rahmen.

Der bewusste Konsument hat sich im cineastischen Sektor bereits in die wenig beachtete Nische des Programmkinos zurückgezogen, wo er das Dasein eines Veganers im Keller eines Tante-Emma-Ladens fristet, während das gesellschaftliche Leben bei Lidl stattfindet. Wenn sich das Kino — jeglicher Couleur — darauf rückbesinnt, ein Topos des Kulturbetriebs zu sein, eine gesellschaftliche Verantwortung zu besitzen, dann mag es nach niederen betriebswirtschaftlichen Maßstäben (da evt. ausbleibende „Kunden“) an „Wert“ verlieren, doch im Sinne einer künstlerischen Funktion als Säule einer intakten Gesellschaft würde es zweifelsohne an Wert gewinnen.

Das Kino ist ein magischer Ort — seine wohlverdiente Würde kann es nur zurückerlangen, indem Berufene diese dorthin zurücktragen. Nicht durch einen kultischen Ritus zu dessen Besuch, nicht durch festlichen Dresscode, nicht durch den Habitus der intellektuellen Elite. Einzig durch eine klassisch ästhetische Geisteshaltung.

Das gescholtene Medium wird vom Autoren dieses Artikels instrumentalisiert. Wie ironisch.

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