Schön, aber zwecklos

Jim Jarmuschs „The Limits of Control“
116 Minuten, USA, 2009.

Jim Jarmuschs Filme erzählen Geschichten, ohne über einen Plot zu verfügen. Und damit hatte ich’s schon besser als Kollege R. mit Gallo, wo man auf beides verzichten muss.

Wozu auch der Plot, wenn jeder Charakter, jede Kadrage, jede Beleuchtung eine Geschichte birgt — hundert Geheimnisse, die vom Zuschauer entdeckt werden wollen. Und von jedem auf seine Weise.

Isaach de Bankolé, der fast jede Einstellung beherrschende Protagonist von „The Limits Of Control“, bemüht seine Lippen gefühlt alle zehn Minuten um ein Wort – die Ausstrahlung dieses bemerkenswerten Charakters sagt auch mehr als die sprichwörtlichen Tausend. Nach dem selben Prinzip, welchem die Zeichnung dieser Figur — der einsame Mann — folgte, sind auch die restlichen konstruiert: Die Nackte, die Blondine, der Kreole, der Ami, der Franzose, der Mexikaner. Allesamt sind sie Archetypen, deren Profil sich aus einem fundamentalen Grundwesenszug ergibt — eine Personifikation von Prinzipien, wie sie dem antiken Drama entlehnt sein könnte.

Der Lone Man führt einen Auftrag aus. Dabei trifft er nach und nach auf das oben benannte Personal in Form einer illustren Runde an Mittelsmännern, die mit ihm offenbar geheime Informationen austauschen, dabei (pseudo-)philosophische Exkurse führen und deren Funktion sich in Jarmuschs Logik aus ihnen selbst ergibt. Sie existieren um dieser Bedeutung willen. Der Einsame fließt nicht durch diesen Strom, er wird mit stoischer Ruhe von ihm umflossen — er ist der Anker, an dem der Zuschauer hängt. Man entwickelt unweigerlich Sympathie für diesen Monolithen. Selbst, als er am Ende The American tötet (eine kurze, aber beeindruckende Rolle von Bill Murray) — fast glaubt man, Altpunk Jarmusch möchte hier tatsächlich jenes Prinzip tot sehen.

Jarmusch — ein Œuvre auf der Metaebene: Bewusst oder unbewusst — oder als Nebeneffekt — ist dieses Spiel mit den Grundsätzen des Filmemachens ein Kommentar auf die eigene Tätigkeit: Mit der Bereitstellung aller Grundbausteine des Films, ohne diesem Struktur im Sinne des Storytelling zu verleihen, wird das alles verbindende Element namens Plot vernachlässigt, dieses gelungene — fertige? — Kunstwerk vollends auf den Zuschauer übertragen. Jarmusch bekennt sich zu einer seltenen Arbeitsweise, bei der Charaktere zu bestimmten Schauspielern entworfen werden und manchmal ein wenig Plot-Kitt drumherum geschmiert wird — der Großteil der Filmemacher, auch im Autorenfilmer-Segment, arbeiten genau diametral entgegengesetzt. Inspirierend und von eigentümlicher Poesie ist das Produkt, dieses leicht krude Gedankenspiel, allemal — besonders eins: Schön. Bloß ein Film ist das noch nicht.

Die Handlung ist das grundlegendste Element eines Films; belichtetes Zelluloid benötigt sie, um per Definition zu einem zu werden. Jarmusch lässt den Zuschauer ein stetes Crescendo erleben, der nun jederzeit die Kumulation all der kryptischen Bilder zu einem passenden Ganzen erwartet. Doch es kommt nicht.

PS: Der Autor möchte Achtung dafür, dem Reiz widerstanden zu haben, diesen Text bspw. “Limits of Storytelling” o.ä. zu benennen.

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