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„Il Gattopardo, Schauspielhaus Zürich | Rosa von Praunheim |

Schauwert im Schiffbau

Double Feature 01/26

Willkommen im Jahr 2026 – nach diesen Zwischenraum-Tagen, in denen man sich selbst teilweise wie ein Entwurf vorkommt, eine Skizze, die im folgenden Jahr weiter ausgeführt werden könnte.

Im ZEIT-Wissen-Interview mit Mel Robbins geht es nicht um Pathos, sondern um Startenergie. Und sie empfiehlt sechs Fragen als Jahres-Reset: „Was waren die Höhepunkte?“, „Was waren die Tiefpunkte?“, „Was hast du über dich selbst gelernt?“ – plus das klare Dreierpack Stop / Start / Continue: Was lässt du, was beginnst du, was führst du fort? So könnte man die Skizze für das neue Jahr, für den Weg zu einem glücklichen 2026 füllen, oder?  

Genau, das Glück: „Es ist auf den ersten Blick oft sehr klein, dieses Glück.“ (…) „Wo lag es auf dem Weg, habe ich es bemerkt?“ fragt Volker Weidermann ebenfalls in der ZEIT. Vielleicht finden wir es 2026 eben gerade auch dort, wo wir Kultur gemeinsam erleben: im Saal, im Gespräch danach, in dieser leisen Synchronisierung.

Und schliesslich die Realität, die zwischen Coup d´Etat, Brandinferno und stromloser Hauptstadt bereits einen Auftritt mit Aplomb im begonnenen Jahr hingelegt hat. Dennoch heisst es: „Durchhalten: Wie hält man durch?“ – „die große Frage zum Jahreswechsel“.  Der Text von dem stets lesenswerten Adam Soboczynski in der – ihr habt es erraten – ZEIT macht das Wort wieder präzise: Durchhalten ist nicht Pose, eher Arbeit an der eigenen Impulsivität. Nicht sofort kontern. Nicht alles sofort lösen. Aushalten, bis ein sinnvoller Moment zum Handeln da ist. Gerade weil „Durchhalten“ historisch nach Parole klingen kann, entscheidet 2026 der Zweck: dranbleiben, ohne hart zu werden.

Also, weich bleiben – und dabei hilft uns: die Kultur. Abstand gewinnen, einordnen, verbinden. Den Dingen auf den Grund gehen, den Menschen auf den Geist – und sich davon ermutigen und aufrütteln lassen. 

In diesem Sinne wünsche ich uns und euch ein kulturreiches “Double Feature”-Jahr 2026.

Als erstes geht es in diesem Jahr nach Zürich, in die immer noch eindrucksvolle Spielstätte des Schauspielhauses Zürich – den Schiffbau. 

Main Feature

Die Zürcher Schauspiel-Bühnen spielen gerade gegen den Wind, besser gesagt: gegen die Flaute: Für das Schauspielhaus Zürich wurden Zahlen kolportiert, die wehtun – nur rund 53% verkaufte Plätze (im Vorjahr 48%). In dieses Klima hinein starten Pinar Karabulut und Rafael Sanchez ihre Co-Intendanz, begleitet von grossen Vokabeln (und kleinen Social Media-Clips): Theater als „moralische Anstalt“, als Ort, der nicht nur abbildet, sondern eingreift. Sympathisch, unbescheiden – aber auch riskant: Programmatik klingt schnell nach Headline, wenn sie auf der Bühne nicht zur Form wird.

Karabuluts eigener Stil war bislang oft genau das Gegenteil von neutral: knallig, satirisch, antipatriarchal, klassischer Stoff als Gegenwarts-Übermalung, gerne mit Pop-Energie, scharfem Humor und bewusster Überzeichnung. Umso überraschender, dass „Il Gattopardo“, die Nacherzählung der von Visconti einst epochal verfilmten Geschichte vom Adelszerfall auf Sizilien, zunächst mit einem fast altmodisch realistischen Zugriff beginnt: Text geradeaus, Situationen szenisch opulent und realistisch in Breitwand gesetzt. Den Abend durchweht eine Ahnung von Peter Stein und dessen berühmten Tschechow-Abenden, wo bühnenbildnerische Präzision und Ensemble-Atem die Zeit anhalten konnten.  Nur – dies vorweg – wird jenes dramaturgische und schauspielerische Niveau hier im Schiffbau nie erreicht.

Aber von vorn: Lampedusas Roman (1958) ist der sizilianische Abgesang auf eine Klasse, die ihren Untergang noch in Etikette übersetzt. Fürst Tancredis Satz ist der berühmteste Tropfen im Zitate-Weinkeller: „Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“ Viscontis Film (1963) machte daraus Kino-Pracht als langsamen Abschied: ein zum Schluss verfilmter Ball wie ein Uhrwerk, das Schönheit produziert, während es schon zerfällt. Kino-Geschichte.

Im Schiffbau ist zunächst alles da, um genau diese Zeitlupe zu bauen: Michaela Flück verwandelt die Halle in einen überwältigenden Palazzo der Perspektiven, die opulenten Kostüme kleiden den Klassenwechsel in Stoff. Die junge Tochter Angelica schillert als Versprechen, Ehefrau und Tochter des Fürsten tragen Schwarz wie Haltung. Der Raum: ein Ereignis. Schauwert im Schiffbau.

Nur bleibt die Inszenierung in diesem überwältigenden Architekturgeschenk zu unentschieden. Konflikte werden nicht konsequent herausgearbeitet, Figuren bleiben Behauptungen, die Dramaturgie zu dünn; statt Entwicklung gibt es stilistische Fluchten – Verlangsamungen, Übertreibungen, teils karikierende (wohl lustig gemeinte) Überzeichnungen. Bei den drei Frauen blitzen klare Positionen auf; insgesamt ist es aber auf Dauer zu wenig für den Raum, der hier für über drei Stunden eröffnet wird. Bereits beim Abbilden – um noch einmal die Programmatik des Intendanten-Paares zu zitieren – ist also noch Luft nach oben. Wie eine derartige Stück-Thematik in momentane Diskussionen gar eingreifen soll, bleibt rätselhaft – aber muss sie das denn überhaupt immer? Vielleicht hilft etwas mehr sauberes Dramaturgie-Handwerk und etwas weniger Programmatik dem Schauspielhaus auf die Sprünge, meine Sympathie hat es so oder so weiterhin.

Zum Glück gibt es Markus Scheumann als Fürst Salina: Statur, Sprache, Zentrum, alles da und wie schön, dass er wieder in Zürich auftritt. Sein langer Schlussmonolog bündelt plötzlich alles – Verlust, Würde, Zeit – und schliesst den Abend dann doch zufriedenstellend.

Und immerhin: Der Laden ist voll, ausverkauft wie lange nicht. Ob das für eine erfolgreiche erste Spielzeit trägt, wird sich zeigen – aber volle Theater-Säle sind immer etwas Schönes. Es muss doch gelingen, das Zürcher Publikum wieder mit seinem Sprechtheater zu versöhnen, in der Oper klappt es ja bereits bestens.  Wir bleiben gespannt, zugeneigt, und kommen wieder.

Side Feature

“Wir müssen sichtbar sein.” Rosa von Praunheim hat diesen Satz nicht nur gesagt – er hat ihn gelebt.

Am 17. Dezember 2025 ist der Filmemacher und Aktivist in Berlin gestorben, 83 Jahre alt – wenige Tage nach der Hochzeit mit seinem Partner.

Sein Film-Manifest „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ (1971) war für die schwule Emanzipation in Deutschland eine Initialzündung: nicht vorsichtig, sondern laut. Mehr als siebzigmal fällt darin das Wort „schwul“ – als Aneignung und politisches Signal. Der Film konnte auf den Geist gehen, seine Worte aber blieben wahr und sind es immer noch und wieder.

Von Praunheim drehte rund 150 Filme, kämpfte in der Aids-Krise für Aufklärung. Später wurden seine Outing-Aktionen – etwa 1991 im Fernsehen – als übergriffig erlebt; seine Direktheit wirkte oft überzogen. Und doch: In einer Zeit, in der Sichtbarkeit angefochten wird, klingt seine Klarheit heute wie eine Notwendigkeit. Am Ende stand bei ihm, hinter allen Provokationen, eine große Liebe zu Menschen und Menschlichkeit. Ruhe in Un-Frieden, Rosa!

Next Feature

Im nächsten Double Feature bleiben wir in Zürich und besuchen den spirituellen Redux-Künstler Wolfgang Laib, der im Kunsthaus in einen Dialog mit den Werken der Sammlung tritt. Lohnt sich das Hinhören?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

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