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Wolfgang Laib, Kunsthaus Zürich | Judi Dench |

Essenziell Existentiell

Double Feature 02/26

Letztes Jahr im Kunsthistorischen Museum in Wien, im Bruegel-Saal, in dieser warmen, gepolsterten Stille, in der man unwillkürlich etwas leiser wird, stand ich lange vor einem Bild, das sich wie ein ganzer Kontinent anfühlt: „Jäger im Schnee“. Drei Männer kommen in einer winterlichen Szenerie vom Hang herab, begleitet von einer erschöpften Hundemeute; die Beute ist lächerlich klein. Links flackert ein Feuer, ein Schwein wird gesengt; unten friert Wasser zu Straßen, und im Tal wird das Eis zur improvisierten Piazza – Schlittschuhläufer, Kinderspiele, winzige Figuren, die sich bewegen, nicht wissend, dass sie Teil dieses epochalen Bild sind.

Es ist eines der ersten europäischen Großgemälde, in dem Schnee nicht Kulisse, sondern Thema ist. Und gerade weil es so viele Anekdoten anbietet, spürt man: Es ist diese ruhige, grünlich-graue Kälte, die alles zusammenbindet.

Vielleicht wirkt deshalb die heutige medial hochgejazzte Aufregung um das Schneegebiet „Eli/Elli“ so komisch: Als käme nicht Wetter, sondern Besuch aus dem All – Liveticker, Warn-Apps, der Tonfall der Ausnahme. Bei aller nötigen Vorsorge möchte man sagen: Es ist eine Jahreszeit, sie heisst Winter – get over it!

 

Bei Bruegel ist der Winter kein Event, sondern ein Zustand mit Folgen: Jagdglück wird knapp, Wege werden unzuverlässig – und gleichzeitig entsteht eine neue Öffentlichkeit auf dem Eis, wird Existenz neu beschrieben. Das Bild gilt oft als Ikone der „Kleinen Eiszeit“; der Winter 1564/65 wird als extrem kalt beschrieben.

Bleiben wir beim Thema „existenziell”, dem Thema “Schnee” und besuchen eine überraschend wirkungsvolle Ausstellung im Kunsthaus Zürich

Main Feature

Wenn draussen der Schneeregen quer über den Platz peitscht, versteht man drinnen im Kunsthaus Zürich ganz besonders, was „Berührung des Essenziellen“ meint: nicht als Behauptung, sondern als Zustand. Es ist der Titel einer Ausstellung dort. Wolfgang Laib (*1950 Metzingen) hat Medizin in Tübingen studiert und sich dann – fast trotzig – für die Kunst entschieden. Seit Ende der 1970er-Jahre entwickelt er eine radikal reduzierte Sprache aus natürlichen Materialien; geprägt von Europas Moderne, aber ebenso von asiatischen Philosophien und Ritualkulturen. Dass er die Sammlung des Kunsthauses seit der Kindheit kennt (und ebenso das Museum Rietberg), ist hier nicht Anekdote, sondern Programm. Wolfgang Laib in Interviews zu sehen, erinnert manchmal an einen Eso-Schamanen oder Naturheilkunde-Guru. Man sollte sich nicht täuschen lassen – dieser Laib hat Substanz.

Gleich am Anfang liegt seine innere Bibliothek offen: Lao-Tse, Novalis, mystische und romantische Texte, die weniger erklären als „abtragen“. Man merkt sofort: Diese Ausstellung will nicht informieren, sondern einstellen – den Blick, den Atem, die Zeit.

Laibs Materialien sind dabei seine eigentlichen Sätze: Blütenstaub, Bienenwachs, Milch, Reis, Stein. Begriffe wie essenziell, existenziell, innerlich, räumlich, spirituell, unendlich reichen nur halb; genauer wäre: Laib arbeitet an Schwellen. An dem Punkt, an dem ein Stoff plötzlich Stimmung wird – und eine Stimmung Raum.

Zu sehen sind rund 50 zentrale Arbeiten: ein großflächiges Blütenstaub-Werk (wie ein gelber, schwebender Teppich, der zugleich extrem fragil und vollkommen souverän wirkt), ein „Brahmanda“ – dieses kosmische Ei aus Stein –, Milchstein, Reishäuser, eine Lacktreppe, und am Ende die wächserne Zikkurat, ein Treppenturm aus geronnener Sonne.

Das Ganze geschieht im Rahmen von ReCollect!: Laib ist hier Künstler und Kurator zugleich; etwa 30 Werke aus der Sammlung des Kunsthauses  (14. bis 20. Jahrhundert) treten in einen sehr klug inszenierten transhistorischen Dialog mit Laibs Arbeiten.

Die stärksten Begegnungen sind erstaunlich konkret: Bei Barnett Newman (die vertikalen Linien als Zeitmaß) versteht man Laibs Reduktion als Schwester-Geste.

Gegenüber Giacomettis „Chariot“ wird die Zikkurat zur stillen Architektur, die Figur zur nervösen Maßeinheit.

Vor Monet liegen Laibs goldene Boote auf Inseln aus Reis: Malerei kippt in Rhythmus, in einen fast spürbaren Atem.

Und bei Brancusi trifft Laibs „Brahmanda“ auf die Idee der Urform – so einfach, so wirkungsvoll.

Dass all das im schmucklosen Kunsthaus-Erweiterungsbau von 1976 stattfindet, ist ein Glück: Der oft spröde Trakt wirkt seit langem wieder ideal genutzt – Licht, Weite, Kargheit, genau die richtige Bühne. Und am einem Donnerstagabend, wenn das Kunsthaus bis 20 Uhr offen ist, kann man diese Ruhe tatsächlich besitzen, da man fast alleine ist.

Es ist keine Eso-Material-Spiritualitätsschau. Es ist eine klug inszenierte, sinnliche Reduktion – beruhigend, einnehmend, präzise. Ein früher Höhepunkt dieses Ausstellungsjahres. Essenziell. Existenziell.

Side Feature

Judi Dench ist bekannt als Geheimdienst-Chefin “M” aus den 007-Filmen. You think? Think again: Seit sieben Jahrzehnten steht sie auf der Bühne, geprägt von Shakespeare-Arbeit über Jahrzehnte – und nennt ihn in einem neuen Buch liebevoll „den Mann, der die Miete zahlt“.

„Shakespeare. Der Mann, der die Miete zahlt“ (als Dialog mit Brendan O’Hea) ist kein Handbuch, sondern ein sehr persönliches Rollenalbum: Proben, Premieren, Partner, Pannen – und dieser unbestechliche Instinkt, der Theater zugleich ernster nimmt als alle Theorie und nie wichtiger als das Leben.

Denchs Witz sitzt dabei so trocken wie warmherzig, oft gegen sich selbst gerichtet: „Adrenaline is the petrol. If there’s no fear, it’s not worth it.“ – „There’s magic to be mined in mistakes.“ – und über ihre Cleopatra: eher „menopausal munchkin“ als erhabene Königin. Highly amusing!

Next Feature

Im nächsten Double Feature besuchen wir in Berlin die neue Produktion des Autor- und Regie-Meister Thorsten Lensing, der sich in seiner neuen Produktion “Tanzende Idioten” wieder einmal dem Grossen im Kleinen und der Essenz des darstellenden Spiels widmet – abermals über alle Maße sehenswert?

Ich werde berichten…

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