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„Antigone“, Berliner Ensemble | „The New Yorker at 100“, Netflix | 

Klage in Kreide

Double Feature 04/26

Im Pierre Boulez Saal in Berlin sitzt man ja immer ein bisschen wie in einem gut beschützten Kokon: Holz, Rundung, Nähe – in einer vom verstorbenen Frank Gehry gebauten, eigentümlichen Mischung aus Weltabgewandtheit und Weltauftrag zur Versöhnung, initiiert von Daniel Barenboim. Denn im oberen Stockwerk, auf einem Schild, steht er dann, ein Goethe-Satz für die Gegenwart: „Wer sich selbst und andre kennt, / Wird auch hier erkennen: / Orient und Okzident …“ – und dann fehlt ausgerechnet ein winziges Stück Gewissheit: „nd nicht mehr zu trennen.“ Zwei Buchstaben weg, und plötzlich klingt das wie ein Kommentar zu 2026: Wir wissen es, wir sagen es und stolpern trotzdem. Wie passend. Nur an die Saal-Sitzbezüge – diese textile Zumutung zwischen Komfort und U-Bahn-Sitz – werde ich mich wohl nie gewöhnen.

Christian Gerhaher dagegen: kein Stolpern, nirgends. Der Bariton der Stunde, der in diesem Jahr scheinbar alles singt, was Gewicht hat – Schubert bis Wotan, Liedkunst bis Wagner-Weltenbrand. Und am letzten Samstag: Schubert, nicht als „Best of“, sondern als klug zusammengestellte innere Landschaft. Sprache wie Architektur, das Piano vom Langzeit-Partner Gerold Huber als tragender Atem, eine Insel in einer wirren, wirbelnden Zeit. Vor der Pause singt Gerhaher “Im Abendrot”:


„O wie schön ist deine Welt,
Vater, wenn sie golden strahlet!
Wenn dein Glanz herniederfällt,
Und den Staub mit Schimmer malet;“

So endet ein wunderbarer Abend – und so beginnt in diesem Newsletter, fast logisch, der nächste: mit Sprache als Schicksal. Antigone will see you now…

Main Feature

Theben nach dem Bruderkrieg: zwei Söhne des längst gestorbenen Ödipus liegen ebenfalls tot, und mit ihnen eine Idee von Ordnung. Kreon übernimmt, erklärt den einen zum Verteidiger, den anderen zum Verräter – und verbietet die Bestattung. Antigone, Schwester beider, macht genau das, was politisch gesehen nie „nur privat“ ist: Sie begräbt den Toten – und nimmt ihren eigenen Tod in Kauf. Kreon zürnt und wütet – und stürzt die Stadt damit nur noch mehr ins Verderben. 

Regie-Altmeister Johan Simons’ Abend am Berliner Ensemble setzt auf die älteste Droge des Theaters: Sprache. Nicht als Deko, sondern als lustvolle Last. Hölderlins Übertragung des antiken Texts klingt dabei erstaunlicherweise nicht staubig historisch, sondern wie ein Text, der sich selbst beim Denken zuhört – hart, klar, transparent. Und ja: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch.“ – dieser Satz steht wie eine steinerne Leuchtreklame über allem, was folgt.

 

Simons muss sich nichts mehr beweisen und inszeniert streng und asketisch: Laboratmosphäre, weiße Unterwäsche, kaum Verkleidung, keine Aktualisierung, keine Gags, kein Ausweg. Er geht – wie in der Antike – mit nur drei Spieler:innen an den Start: Constanze Becker, Kathleen Morgeneyer, Jens Harzer sind herausragend. Und die drei machen Theben, indem sie es sprechen: Rollen werden ausprobiert, weitergereicht, verweigert („Keiner will seine Rolle annehmen“), bis sich das Drama an ihnen festbeißt.

Dazu die Bühne von Johannes Schütz: ein gewaltiger, an einem Stahlseil hängender Raumteiler, papierbespannt – eine weiße Wand, die man später effektvoll zerreißen und löchern kann. Am Boden: weiße Kreide-Kreisbahnen, als lägen die kleinen Requisiten am Boden – ebenfalls alle in weiss – in kleinen Umlaufbahnen. Es sind Fundstücke einer Geschichte, die sich nicht geradeaus erzählen lässt. Schütz hat übrigens auch in Hamburg Theben gebaut – für Schimmelpfenning/Beiers Theben-Saga („Anthropolis“, immer noch ein Theaterereignis): dort ein Schwarzraum, teils barocke Bilder, Kreide am Anzug, weiße Ziegel, ein kaltes Requiem. Zweimal Theben: einmal Kammerspiel mit Papierhaut, einmal Epos mit Kreidestaub. Und beide Male wirkt Kreide wie die sichtbar gemachte Grenze zwischen Gesetz und Mensch. und wie das Material, mit dem Trauer vollzogen wird.

Und dann die Sätze, diese Sätze: „Zum Hasse nicht, zur Liebe bin ich.“ und „So geh hinunter, wenn du lieben willst, / Und liebe dort!“. Harzer, Becker, Morgeneyer tragen das nicht vor – sie arbeiten sich hinein, als wäre jedes Wort eine Entscheidung. Das ist höchste und angenehm altmodische Kunst und trifft damit den Kern: Hingabe, Präzision, Risiko.

 

Die Kompromisslosigkeit ist gleichzeitig Luxus und Last dieses Abends: Er verlangt Aufmerksamkeit wie ein schwieriges Musikstück. Gleichzeitig lauert die Gefahr, dass der Ton zu lange klagend und auf einem Ausdruck bleibt – bitterernst, hermetisch, kaum variiert. Dann kippt das Ritual ins Manierierte, wird das Symbolische etwas hohl. Aber: Gegen Ende findet diese Antigone ihren Kreis. Und man sitzt da – erschöpft, ja, doch merkwürdig getröstet. Eine sehenswerte Klage in Kreisen und in Kreide.

Side Feature

Hundert Jahre “The New Yorker” – das ist nicht nur ein Magazin, das sind hochaktuelle Journalismus-Fragen: Wie schreibt man, wenn man wirklichmeint, was man sagt? Und wie bleibt man dabei stilistisch unverwechselbar, ohne in Schönheit zu sterben?  Der Netflix-Film “The New Yorker at 100”(Regie: Marshall Curry) schaut hinter die Kulissen dieser seltsamen, hochprofessionellen Werkstatt aus Text, Zeichnung, Titelbild und Deadline-Panik.

 

Der Film romantisiert nicht. Er zeigt die Maschine – Editor:innen, Autor:innen, das legendäre Fact-Checking, Cover-Kunst – und lässt gleichzeitig Geschichte aufblitzen (Archiv, Epochen, Legenden). Julianne Moore führt als Erzählerin durch diese Mischung aus Gegenwart und Rückspiegel; dazu kommen Stimmen von Mitarbeiter:innen und prominenten Leser:innen.

Und der Chefredakteur David Remnick? Er wirkt wie der richtige Mann für genau diese Art von Institution: ernsthaft, neugierig, unaufgeregt, mit dem (fast altmodischen) Glauben, dass Sorgfalt ein Stil ist – und nicht nur eine Fußnote. Gerade heute, im Dauerrauschen aus „Meinung“ und „Content“, erinnert der Film daran, dass Redaktion eine Kunstform sein kann: still, präzise, lustig – und widerständig, ohne zu posieren.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es nach Basel, wo es eine neue Ausstellung über Paul Cezanne und ein (sic!) Musical über Geister und ein Bestattungsinstitut zu besuchen gibt. Gemalt gruselig gut?

Ich werde berichten…

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