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„Tanzende Idioten“, Berliner Festspiele | Deutsche Kinemathek | 

Vier Miaus für ein Halleluja

Double Feature 03/26

Stil ist ja meistens das, was man sich leistet, wenn es um etwas geht – und auch was man sich nicht leistet, wenn es um etwas geht. In verfahrenen Diskussionen und dem Ruf nach Dialog – wie diese Woche in Davos am WEF – , in denen auf einer schneematschigen Bergdorfstrasse weniger wirtschaftliche, sondern zunächst geopolitische Aspekte paradiert und präsentiert wurden, wird Stil vielleicht zur letzten verbliebenen Kooperationstechnik: ein Tonfall, der eine Tür offenlässt; eine Pointe, die den Raum entkrampft; ein Blick, der nicht eskaliert, obwohl er könnte.

Emmanuel Macron am WEF legt vor: Sonnenbrille am Rednerpult (Die Hersteller-Website brach nach diesem Auftritt völlig zusammen) – zwar nicht als Pose, sondern als medizinische Notwendigkeit, die trotzdem sofort zur Chiffre wird: Coolness als Kollateralschaden der Politik, ich musste trotz allem sehr lachen. Und an Billy Wilder denken: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst. Billy, if only you were right….

Stil, jetzt aber richtig: Valentino ist tot. 93 Jahre, Rom – der Vorname reichte, weil er ein ganzes Vokabular von Eleganz war, inklusive „Valentino Rosso“ und jener fast altmodischen Idee, dass Schönheit nicht peinlich ist. Christoph Amend erinnert an den Dokumentarfilm “The Last Emperor” – und an die herrlich intime Szene, in der sein (Lebens)Partner Giancarlo Giammetti (genüsslich ein Gebäck vertilgend) nach einem Mode-Lamento von Valentino nur sagt: „Your belly shows.“ Worauf Valentino empört zurückschießt: „Ich habe keinen Bauch!“ Stil als Streitkultur im Miniaturformat: liebevoll, eitel, absolut.

Um Miniaturen geht es auch in der neuen Theaterarbeit von Thorsten Lensing, die er in Berlin präsentierte.

Main Feature

Katzen sind die besseren Existenz-Philosophen. Sie kennen keine Ironie, nur Intensität: Geräusch, Geruch, Beute. Genau so setzt Thorsten Lensing seinen neuen Abend „Tanzende Idioten” an: Holzlatten krachen auf den Boden, ein Fisch landet auf schwarzer Bühne – und plötzlich wird das Theater zum Revier.

Sebastian Blomberg ist Kater Apollo (und spielt ihn nicht „lustig“, sondern ernst). Er schleicht auf allen Vieren, putzt sich, gähnt, kein Miau weit und breit – und wir lachen kurz, um uns im nächsten Moment zu ertappen: Warum berührt uns dieses Tierhafte so sehr? Weil es den Menschen aus dem Zentrum schiebt. Lensings Versuch ist über die Jahre ein „Theater aller Wesen“ geworden – und damit, ganz nebenbei, ein Trostprogramm gegen unsere menschliche Selbstüberschätzung.

Der Text: von Lensing selbst geschrieben, gespeist aus Motiven von Denis Johnson und (herrlich schrägen) Originalzitaten der Apollo-Mondmissionen. „Tanzende Idioten“ – Johnsons liebevolle Diagnose – wird hier zur Überschrift über unsere wacklige Spezies.

Im Mittelpunkt steht Goldie (die stets sehenswerte Ursina Lardi), sterbenskrank und dennoch baubesessen. Zwei Arbeiter schleppen sie – grotesk-praktisch – in einem Plastiksack durchs Haus, weil eine Glasdecke her soll: Himmel nach innen, Wetter als Zimmerpflanze. Dann der irrste Wunsch: per Gabelstapler so hoch wie möglich, Richtung Licht. Unten versucht Kater Apollo über Lattenkonstruktionen zu ihr hinaufzukommen – Zärtlichkeit als Kletterpartie.

Das zweite Paar: Vater Tony (André Jung), frisch verliebt nach drei Scheidungen, und Vivian Phoenix (Karin Neuhäuser mit ihrer unverwechselbaren Stimme), auferstanden mit neuem Namen. Sie proben im Kajak den Gleichschlag – als könne man dem Tod einfach davonrudern.

Lensing denkt nach Arbeiten, in denen er in aller Tiefe Tschechow oder Dostojewskij durchgraben hat, inzwischen in szenischen Miniaturen, in Wimpernschlägen. In guten Momenten sind das Schläge der Wahrhaftigkeit, der Kreatürlichkeit, des Absurden. Nur: Diesmal gleiten diese nicht immer ineinander. Man spürt die Schnitte, die Kanten; der Abend montiert mehr, als dass er fließt – fast wie eine Revue aus Lebens- und Sterbe-Skizzen. Nicht alle im Publikum finden daran einen Anschluss, es ist in den rund zwei Stunden Spielzeit spürbar. Und doch gibt es diese schwebenden Ausbrüche: Raumanzug, Mondfahrt; ein gläserner Sauna-Kasten rollt herein, der Körper pocht im Schwitzen, Willi Kellers macht Beat aus Bauch und Trommel, am Ende ein explosiver Totentanz.

Sperrig? Oh Ja. Aber gehalten von einer Ensemble-Wärme, die den Abgrund nicht zukleistert, sondern kurzzeitig bewohnbar macht. Nach dem Tod der Herrin schleicht Kater Apollo alleine auf die Bühne und wundert sich beleidigt über die nicht erscheinende Bezugsperson. Und macht endlich ein Miau.

Ein Stück, das sagt: Wir sind verletzlich. Und trotzdem – vielleicht gerade deshalb – tanzen wir.

Side Feature

Eigentlich hätte es in der Maschinenhalle des Abspannwerks in Berlin-Mitte – 1920er-Jahre, Klinker, Stromgeschichte – schon früher wieder losgehen sollen. Aber: Denkmalauflagen, Umzug, Berlin in seiner Lieblingsdisziplin: das Verzögern als eigene Performance-Kategorie. Umso schöner, dass die Deutsche Kinemathek nun im E-Werk (einst Techno-Mythos nach der Wende) endlich wirklich aufschließt: kein glattes Investoren-Ambiente, sondern ein Ort, der selbst wie ein Set wirkt – fast Fritz Lang, nur mit feuchtkalter Gegenwartsluft.

Die Installation „Screentime“ nutzt die neue Halle nicht als White Cube, sondern als Bühne. Das Büro Chezweitz arbeitet mit der Architektur, mit Traversen, Durchblicken, Sitzinseln – Begegnungsort statt Vitrinen-Pflicht. Herzstück ist die 30-minütige „Bilderwelle“: ein Bewegtbildpanorama entlang der Längsseite, das durch 130 Jahre Film- und Fernsehgeschichte gleitet – von den frühen Anfängen bis in die Gegenwart – und dabei Produktionsbedingungen, Motive, Zeitgefühl gleich mitliefert. Das gelungene minimalistische Sounddesign nimmt die Projektionen auf, ohne sie zuzudecken.

Dieses Zwischenquartier ist ein Glücksfall – und zugleich ein Weckruf: Berlin braucht endlich ernsthafte, sichtbare Pläne für ein neues Filmhaus. Nicht als Prestigehülle, sondern als dauerhaftes Zuhause für Archiv, Kino, Debatte. Die Leinwandzeit läuft.

Next Feature

Im nächsten Double Feature besuchen wir die erste Produktion des Regie-Altmeisters Johan Simons in Berlin: Antigone erhebt am Berlin Ensemble ihre Klage, mit Jens Harzer in der Titelrolle. Beklagenswert, wer keine Karte bekommt?

Ich werde berichten…

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