Paul Cezanne, Fondation Beyeler | „Grand Finale“, Theater Basel |
Janz jut jemalt
Double Feature 05/26
Ich sehne mich momentan öfters nach Symmetrie wie nach einem frisch gebügelten Hemd: alles an seinem Platz, die Welt endlich im Lot (Küchenpsychologen, schweigt!).
Der goldene Schnitt – diese alte Beruhigungsformel – hat seit der Antike ganze Tempelfronten und Fassaden in ein stilles „So muss es sein“ gegossen. Und dann kam die Renaissance, erfand die Zentralperspektive, machte aus dem Bild ein Fenster, aus dem Blick einen Laserstrahl: präzise, kontrolliert, souverän.
Nur: Unsere Gegenwart ist selten souverän. Sie ist ein Feed, ein Flimmern, ein Überangebot an „geordneten“ Bildern. Vielleicht braucht es gerade deshalb die Kunst, die das Lineal weglegt. Wenn Perspektive nicht mehr stimmt, gewinnt der Betrachter etwas zurück: Zeit. Unsicherheit. Spielraum. Das Recht, mit dem eigenen Auge mitzudenken, statt nur schauend abzuheften.
Und genau hier, im kontrollierten Verzicht, beginnt der Weg, den Paul Cézanne als Erster wirklich gegangen ist. Und der Weg nach Basel, den wir zu einer Paul Cézanne Retrospektive sehr gerne gehen.
Main Feature
Man geht in die Fondation Beyeler in Riehen hinein wie in einen Sehtest: Welche Wahrheit hält der Betrachtende aus, wenn die Perspektive aufhört, sich an Naturgesetze zu halten? Paul Cézanne, 1839 in Aix-en-Provence geboren, Bankierssohn, hat diesen neuen Blick mühsam erkämpft – gegen Paris, für die Provence, im eigenen Atelier. „Ich bin der Erste auf dem neugefundenen Weg“, sagt er einmal. Und als Pablo Picasso ihn später den „Vater von uns allen“ nennt, versteht man in dieser sehenswerten Schau sofort, warum: Cézanne erfindet Abstraktion – aber subtil, nicht brutal.
Gleich im Auftakt hängen zwei Bilder mit Kartenspielern in Versionen so, dass der Betrachter automatisch zum dritten Mitspieler wird. Genau darum geht es: Viele Bilder wirken mehr oder weniger „unvollendet“ – nicht romantisch, sondern als Einladung, sie mit der eigenen Phantasie zu vollenden. Cézanne erzieht, ohne zu predigen. Sein Stil beginnt dort, wo die korrekte Perspektive aufhört. Das „bequeme Auge“ ruht lange auf dem, was es interessiert, vergrößert, verschiebt – und befreit die Farbe quasi vom Aussagezwang, sondern feiert sie als Zweck an sich.
In den Stillleben kippen Tischkanten, Äpfel purzeln in Auf- und Schrägansichten, Schalen schweben: als hätten die Dinge beschlossen, sich nicht mehr brav ordnen zu lassen. Und dann diese weißen Stellen, diese scheinbaren Lücken: Falltüren in eine zweite Raumschicht hinter dem Bild.
Aus dem Atelier in Les Lauves wird die Provence zur Versuchsanordnung. Häuser lösen sich zu Kuben, der Hausberg pulsiert als Rhythmus, als „Harmonie parallel zur Natur“. Bei den Badenden wird Arkadien nicht süß, sondern ernst: Körper als Gebilde, Licht als Auflösung, Raum als etwas, das sich im Bild plötzlich abheben kann.
Der „Knabe mit der roten Weste“ aus der Zürcher Bührle-Sammlung (die ein anderes Thema ist…) setzt dann den Stachel: ein Arm quasi als Umgehungsstraße der Malerei, so lang, so schön, so eigensinnig, dass Max Liebermann nur folgern konnte: Der Arm sei so schön gemalt, der könne „jar nich lang jenuch sein“.
Die Fondation Beyeler hängt das alles klug und großzügig: viel Luft, kein Gedränge. Drinnen leuchtet die Schau noch bis 25. Mai. Draußen liegt der Park im milden Winterlicht, Wasserflächen, Felder, ein Horizont zum Durchatmen. Neben Renzo Pianos Bau wird bald Peter Zumthors Ergänzung stehen – als ob diese Ausstellung schon jetzt Platz schafft für das, was kommt.
Am Ende der Schau wird Rainer Maria Rilke zitiert: „Kunstdinge sind ja immer Ergebnisse des in Gefahrgewesen-Seins, des in einer Erfahrung bis ans Ende-Gegangenseins, bis wo kein Mensch mehr weiterkann.“ Er hat, von Basel bis in die Provence und darüber hinaus, natürlich Recht.
Side Feature
“Grand Finale” im Theater Basel: Ein Musiktheater-Stück über den Tod, die Zwischenwelt, das Geisterhafte in den Dingen und auf der Theaterbühne. Alles ist da, was ein Geister-Musical braucht: der spektakuläre Diva-Bühnensturz gleich zu Beginn, Glitzer-Showtreppe, Bestattungs-Institut- Interieur der raffinierten Sorte – und dazwischen zwei Drehbühnen, die wie ein Uhrwerk den Übergang zwischen Diesseits und Hinterbühne markieren. Der erfahrene Regisseur Philipp Stölzl denkt (nach dem Tod seines eigenen Vaters) groß und Christoph Israel gießt das Ganze in 60er-Jahre-Broadway: Big-Band-Glamour, Jazzpuls, bittersüßes Chanson-Parfüm – fast drei Stunden lang.
Und doch bleibt dieser Abend halb lebendig, halb tot. Leichte Muse ist nicht leicht – sie verlangt höchste Präzision. Stattdessen herrscht oft eine merkwürdige Unterspannung, eine unnötige Langsamkeit; die Up-Tempo-Momente werden zu früh wieder entschärft, die Balladen stauen sich. Dazu kommt die “Tonfrage”: Wenn jemand sagt „Du musst mit dem Herzen sehen“, ist das nun ehrlich kitschig, ironisch gebrochen oder einfach unentschlossen? Selbst die noch eingefügte Theater-Sparzwang-Satire um Theaterhass und Politik wirkt etwas aufgezwungen.
Dann aber, in einigen Momenten: kurz öffnet sich die Zwischenwelt, es swingt, melancholisch, schön – und Stefan Kurt und Elissa Huber ziehen einen hinüber. Volles Haus, langer Applaus: ein in Summe amüsanter Abend, mit dem Gefühl, dass er noch mehr könnte. Aber vielleicht sind wir nur durch die Operetten-Hochleistung der Komischen Oper Berlin verdorben. Totgesagte steppen länger.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
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Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
