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„Hamnet“ von C. Zhao | Pierre Huyghe |

Schluchzen mit Shakespeare 

Double Feature 06/26

„Sein oder nicht sein“ – einer der berühmtesten Monologe der Theatergeschichte, das ist bei Hamlet kein dekorativer Weltschmerz, sondern eine präzise Denkanordnung. Erst die Bestandsaufnahme: die „Pfeile und Schleudern“ des Schicksals, diese tägliche, stumpfe Zumutung. Dann die Alternative: handeln, „Waffen ergreifen“ gegen ein Meer von Plagen – und im Handeln womöglich untergehen. Und dazwischen die verführerische Abkürzung: schlafen, aufhören, Ruhe. Nur leider kommt sofort der zweite Haken: „vielleicht träumen“ – und genau diese Träume, also die Folgen, die Ungewissheit, die Nachbeben, machen selbst das Nichtsein unzuverlässig.

Unsere Zeit hat daraus eine Einbahnstraße gemacht, leider oder zum Glück? Es muss Optimismus sein, Sichtbarkeit sein, Selbstentwurf sein. Der Rest ist nicht Schweigen, sondern Sein und Reden, klar, stark, teilbar. Auch wenn ich länger darüber nachdenke, in Summe ist das gut so. Der Film “Hamnet” nimmt diese Gleichung ernst und lässt sie sehr sehenswert kippen: ins Körperliche, ins tief empfunden Traurige, ins Kino.

Main Feature

Der Film beginnt mit einem einfachen Satz: In Stratford-upon-Avon waren im viktorianischen Zeitalter die Namen „Hamnet“ und „Hamlet“ nahezu austauschbar. Dadurch ist die Brücke vom realen Leben zur Kunst geschlagen.

1596 stirbt der elfjährige Hamnet, Sohn des berühmtesten Dramatikers der Welt, William Shakespeare, ein paar Jahre später steht ein Stück auf der Bühne, das bis heute wie eine offene Wunde spricht: Hamlet. Der Sohn, dem der ermordete Vater erscheint und ihn in die berühmteste aller existentialistischen Fragen treibt: To be or not to be.

Der Film nimmt diese Lücke zwischen Leben und Werk nicht als Rätsel, sondern als Einladung, die Lebensgeschichte der “Shakespeares” recht heutig zu erzählen.

Chloé Zhao inszeniert das als Kostümdrama, das die alten Kleiderstoffe zwar korrekt trägt, aber die Konflikte wie von heute erzählt: Familien- und Paartherapie, nur ohne Sofa, dafür mit Dreck unter den Fingernägeln.

William Shakespeare ist hier kein marmorner Genius, sondern ein verständiger, manchmal hilfloser Mann, der wegfährt, arbeitet, wiederkommt – und das Falsche sagt, weil es für ihn das einzig Sagbare ist. Dennoch schreibt er das absolut Richtige, wie sich später zeigt.

Seine Frau heißt Anne, wird aber Agnes gerufen: eine naturverbundene, eigensinnige Figur, fast schon ein Gegenentwurf zur Stadt, zum Geschäft, zur männlichen Linie. Der Film legt ihr indirekt eine Mitautorinnenschaft am Werk des “Meisters” in die Hände.

Die Kamera bleibt dabei auffällig oft draußen, unter Bäumen, in Lichtflecken, in diesem „Himmel-durch-Blätter“-Blick, den man als Manier abtun kann – oder als Beharren: Natur als Resonanzraum. Und darunter (oder darüber) die Klänge von Max Richter: meist fein gesetzt, manchmal dann doch so entschieden, dass man spürt, wie hier nicht nur begleitet, sondern emotional gelenkt wird. Welcome to the crying game – nicht als Spiel, sondern als Mechanik: Der Film kennt die Tränenwege des Publikums ziemlich genau und weiss sie zu manipulieren.

Vor allem aber zieht einen das Spiel hinein: Jessie Buckley agiert mit einer Intensität, die nicht „zeigt“, sondern innerlich brennt; Paul Mescals “Will”, der zwischen Ehrgeiz und Erstarrung pendelt; und der kleine Hamnet – als Zentrum eines Schmerzes, den man fast körperlich mitatmet. Wenn Krankheit kommt, kommt sie nicht nur symbolisch, sondern brutal.

Und ja: Das ist die heikle Schwelle, an der sich in diesem Film vieles entscheidet – “grief art” oder “grief porn”? Wann wird das Zeigen von Trauer zur Form, zur Erkenntnis, zur gemeinsamen, kathartischen Erfahrung – und wann kippt es ins Ausstellen, ins Ausbeuten, in diese „absolute ruthlessness“, die einem nicht nur aufs Herz, sondern gleich noch auf die Tränendrüsen drückt? Zhao balanciert, manchmal mit erstaunlicher Zärtlichkeit, manchmal mit sehr festem Griff an die Gurgel.

Die Apotheose dieses Films kommt zum Schluss durch das Spiel auf der Globe-Bühne: Im Theater, bei “Hamlet”, beim Geist des Vaters, wird Trauer zur Form, Trauma zur Szene, Überleben zur Wiederholung und Bewältigung. Am Ende eine Handgeste der Mutter zum sterbenden Bühnen-Hamlet – eine heilende Geste. Das Globe-Publikum vervielfältigt den Abschied, als wäre Trost etwas, das nur gemeinsam funktioniert. Ein heilender und “heulender” Moment auch im Kinosaal, wie ich ihn lange nicht erlebt habe. Selbst der grösster “Chips-Raschler” ist in diesem Moment endgültig verstummt.

Ist das alles in seiner Unmittelbarkeit etwas naiv? Vielleicht. Aber vor allem ist es radikal schön: Kunst als Heilung, als Anrührung. Schluchzen mit Shakespeare. Es ist ein Beweis, wie sehr wir uns nach genau so einem Kino sehnen und das gemeinsame Film-Erleben eine Zukunft hat. Der Rest ist nicht Schweigen, wie es bei “Hamlet” heisst, sondern der Kauf der nächsten Kinokarte.

Side Feature

Berlin im Februar: draußen Eisplatten und kein Streusalz, drinnen eine dazu passende Endzeit-Kathedrale. Pierre Huyghes “Liminals” lädt zum Besuch. In der abgedunkelten Halle am Berghain sitzt man (es gibt Bänke) vor einem riesigen Screen, in fast völliger Dunkelheit, während Sound und Vibrationen den Raum nicht begleiten, sondern beherrschen. Im Zentrum: ein rund 50-minütiger Film, der eine simulierte, nackte, gesichtslose Figur zeigt (hier passt der Begriff “weiblich gelesen”), mit einer Art Leere/„Void“ durch den Kopf, gelegentlich blitzen Narben und Schürfwunden auf. Sie stolpert, kriecht, richtet sich auf, hält den Kopf hoch, bewegt sich durch eine steinige, unwirtliche Welt, als wäre „Menschsein“ eine Schleife aus Versuch und Wiederholung. Der kuratorische Sprech zu dieser Ausstellung redet von “Konzepten des Ungewissen”. Eben, alles am Übergang, liminal.  

Das ist als Setup eindrucksvoll konsequent und passt perfekt zu dieser Berliner Winterstimmung. Nur: Für 50 Minuten erzählt das Ganze zu wenig. Und man fragt sich, ohne in die große Debattenmaschine zu geraten: Warum muss das Humanoide ausgerechnet so exponiert, so nackt, so „weiblich verletzlich“ codiert sein?

Die veranstaltende LAS Foundation rahmt das Werk wie schon zuvor mit dem Thema Quantenphysik. Kein Innen und Außen, ein „Vielleicht“-Kosmos. Allerdings erschließt sich mir immer noch nicht, was die Kunst gewinnt, wenn sie das längst Bekannte (Innen/außen verschwimmen, Welt und Körper im Übergang) mit dem Etikett „quantum“ neu lackiert.

Zum Vergleich: 2024 in Venedig war Huyghes umfassendere Werkschau „Liminal“ in der Punta della Dogana weiter, vielschichtiger, offener. Hier in Berlin ist das Ganze zu sehr auf nur einen “Trick” fokussiert – und das Aussen-Wetter war in Venedig ebenfalls besser…

Selten hat ein neu entdecktes, sehr gutes Restaurant nach einem Ausstellungsbesuch so sehr wie eine rettende Eisscholle funktioniert.

Next Feature

Die Berlinale hat begonnen. Im nächsten Double Feature berichte ich von meinen filmischen Eindrücken und Erlebnissen dort. Ready for your Close-up?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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