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DF 08-25
Berlinale 2026 | 

Berlinale Special 

Double Feature 07/26

Berlin im Februar ist wie ein Film ohne Continuity: gestern noch frostige Eisplatten, heute strömender Regen. Die Berlinale 2026 nimmt das wie stets dankbar auf: ein Festival als Schirm, als Scheinwerfer, als Spiegel – und als der dunkle Saal, in dem man  – wenn es gut und der Film anläuft – kurz vergisst, wie nass die Welt draußen gerade ist. Eine kleine Bestandsaufnahme in neun Teilen, für die ich diesmal und ausnahmsweise auf das allseits beliebte Side Feature verzichte: Haut und Haare, Messer und Mantel, Rose und Hose, Tanz und Teddy, Bär und Bar.

Main Feature

1. Haut und Haare.
Zur Eröffnung diesmal Regen, kein Schnee. Und doch: so viel Dekolleté, so viel Bein, so viel „Ich trotze dem Wetter“ bei der wirklich ganzen Gender-Bandbreite in dem Wort Schauspieler:innen, habe ich selten gesehen. Selbst als  Herrenoberhemden-Hersteller sollte man sich Sorgen machen: etliche Männer-Stars zogen das Jackett direkt auf den baren Oberkörper. Monothematisches Blankziehen auf dem tropfenden Teppich. Zeichen dafür, dass der Filmmarkt sich wieder mehr als Fleischmarkt zeigt beim Kampf um grösser gewordene Fördertöpfe?

Intendantin Tricia Tuttles Haare dagegen spielen in diesen Tagen das ganze Spektrum: verstrubbelt bis streng gegelt, immer haarscharf an der Grenze zu zu viel/zu wenig.

Meine eigenen Kapillen kapitulieren am Eröffnungsabend dann ebenfalls – nach der offiziellen Eröffnungs-Kür – bei einer inoffiziellen Zusammenkunft in einem notorischen Berliner Promi-Restaurant, dem mit B. Die Verwuschel-Verursacher:innen sind der Redaktion namentlich bekannt.

 

2. Wim und das politische Schmusen.
Dann das Eröffnungs-Interview, die Pressekonferenz, die Reaktionen: Wim Wenders  – der diesjährige Jury-Präsident – setzt Film als Hort der Empathie gegen Politik und Nachrichten – eine hübsch klare These, die mir zu sauber ist. Als gäbe es keine Überlappungen, keine Montage, keine politische Welt, die in jede noch so emotionale Einstellung hineindrückt. Oder haben wir den großen Wim schlicht nicht richtig verstanden? Ja: Berlinale-Aktivismus der vergangenen Jahre war bisweilen Pose, Lippenbekenntnis, moralische Maskerade. Ein Gesinnungstribunal sollte das Festival auch nicht sein, wie nun einige Kunstschaffende in einem Aufruf im Grunde forderten. Aber ein Festival, das nur noch „Schmusen“ will, wäre auch ein Rückzug. Dass der Livestream der Pressekonferenz ausgerechnet beim Gaza-Fragekomplex „aus technischen Gründen” wegbrach, wirkt wie eine unfreiwillige Metapher. Intendantin Tuttle rückte es dann in einem Statement zurecht: Es sei nicht fair, wenn jederzeit politische Statements von Filmschaffenden erwartet würden. Sounds relatable…

3. Kabul, koproduziert.
Der Eröffnungsfilm No Good Men bringt das afghanische Dilemma elegant in eine Rom-Com-Form: Kabul, kurz vor der Taliban-Rückkehr, eine Kamerafrau/Journalistin, die nach schlechten Erfahrungen beschlossen hat, dass „keine guten Männer“ existieren – bis ein Reporter auftaucht, der die These stört und schliesslich widerlegt. Shahrbanoo Sadat hält das filmische Konstrukt erstaunlich zusammen: zwischen Geschlechterordnung (hart), Gesellschaftsblick (präzise), Arabien-Romanze (riskant) – und kippt nur selten ins Holzschnittige.

Und dann eine im Vorspann in großer Länge genannte Ko-Produktionsarchitektur, die fast als eigener Film hätte gelten können: Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan, ein Teppich aus Firmen, Förderlogiken. Sehr gut, dass das fertig zusammenproduzierte Werk eine große Berlinale-Bühne erhält.

4. Als Berlin noch an sich glaubte.
Die Retrospektive ist der heimliche Höhepunkt der Berlinale: „Lost in the 90s“ – Selbsttbewußtes Berlin nach dem Mauerfall, das Ost-West-Ruckeln, das angebliche „Ende der Geschichte“, das natürlich nur ein neues Kapitel war. Im ehemaligen E-Werk, in der Deutschen Kinemathek sitzt das perfekt: eine Halle, die die Neunziger nicht spielt, sondern erinnert. Lola und Bilidikid war damals ein filmischer Schritt, weil er türkische Einwanderungswelt, Queerness und Drag verband, bevor das Vokabular dafür so selbstverständlich wurde. Heute wirkt der Film gut gealtert – nur an den recht grob gezeichneten Skinheads merkt man schmerzhaft, wie die Bedrohungslage für queeres Leben in Berlin wieder komplexer, realer geworden ist. Kein Fortschritt hier, leider. Als Zugabe: die großartige Inge Keller mit einem filmischen Neben-Auftritt, der allein fast einen eigenen Film verdient (“Friedrich, komm´ doch zu mir an den Wannsee….”).

 

5. Siri  und die „Baroness“ in der Manteltasche.
Siri Hustvedt – Dancing around the Self gibt dieser einzigartigen Schriftstellerin den dokumentarischen Raum, den sie verdient: das Denken als Körperarbeit, die Ehe mit Paul Auster als intellektuelles Zwiegespräch, die Trauer nach seinem Krebstod als neue Grammatik des Alltags – das “Umtanzen des Selbst”.

Und dann dieses Detail, das hängen bleibt wie ein Talisman: das Messer namens „Baroness“ – benannt nach der Dadaistin Elsa von Freytag-Loringhoven, der „bad Baroness“ – nicht als Gewaltfantasie, sondern als Metapher von Selbstermächtigung, klugem Feminismus, wacher Angst. Ausgerechnet hier hätte Wim Wenders’ Gegenüberstellung lernen können: Empathie und Politik sind nicht Feuer und Wasser – eher zwei Linsen, die sich ständig überlagern. Großes Seufzen und Schluchzen von vielen Zuschauerinnen, die sich bereits durch ihre demonstrativ und bunt-verknittert zur Schau getragene Non-Konformität als ideale Statistinnen für die nächste Hustvedt-Lesung empfehlen… gibt es einen Berlinale-Bären für “Bester Taschentuch-Spender”?

6. Noch ein Messer, hirnströmend.

Und weil die Berlinale Motive gern doppelt belichtet: Geheimnisse einer Seele(1926). G. W. Pabst – visionär, schwierig, historisch “belastet” – baut einen Psychologie-Schulungsfilm, der zugleich und teilweise Kino ist: ein pflichtschuldig Liebender wird von seiner Messerphobie erlöst, und wir sehen Freud in Aktion, als Dramaturgie. Die Traumsequenzen: surrealistische Bildarchitektur, bis heute faszinierend und stilsetzend. Dazu zum 100jährigen Jubiläum eine famos aufgeführte, neue Live-Musik, die sogar neuronale Aktivität/„Hirnströme“ des Ensembles in Licht und Klang übersetzt – ein interessanter Stunt, nicht zwingend nötig, aber immerhin konsequent. Und im Hintergrund die eigentliche Frage: Wie viele solcher Werke warten noch auf Restaurierung, da sie sonst endgültig verschwinden würden? Das Förderprogramm Filmerbe muss hier weiterhin unterstützen können.

7. Rose und die Freiheit in der Hose.
Markus Schleinzers faszinierender Wettbewerbs-Film Rose erzählt – mit strenger Reduktion – von einer Frau im 17. Jahrhundert, die in den Verwerfungen des Dreißigjährigen Kriegs als Mann lebt, um sich ein eigenes Leben zu bauen; und damit nicht nur Rollen, sondern eine ganze Dorfordnung herausfordert. Die Bildgestaltung in Schwarzweiß ist so klar, dass man manchmal Originalität vermisst (Michael Hanekes „Das weisse Band“ lässt grüssen) – aber kompromisslose Klarheit ist auch eine Haltung. Über dem Ganzen schwebt eine teils zu melodramatisch einlullende, teils schneidend scharfe Erzählerinnenstimme. 

Sandra Hüller jedoch ist, wie so oft, ein Ereignis ohne Pose: kein „Männer-Imitat“, eher eine eigene Körpersprache. Zurecht gewinnt sie den silbernen Bären für die beste darstellerische Leistung. Caro Braun – noch nicht so übercodiert von Bekanntheit – spielt die Ehefrau als zweites, stilles, sich dann emanzipierendes Zentrum, ebenfalls ein Ereignis.

Und dieser Satz aus dem Umfeld des Films bleibt als Motto hängen: In der Hose steckt mehr Freiheit. 

8. Tanz und Teddy.
Vierzig Jahre TEDDY Filmpreis: ein queeres filmisches Gedächtnis, das der Berlinale oft voraus war – offiziell anerkannt seit 1992, aber längst zuvor ein Seismograf für das, was im Kino wirklich brennt. Dass hier früh Stimmen wie Pedro Almodóvar sichtbar wurden, war kein Zufall, sondern Programm: Sichtbarkeit von Gruppen, Themen, Geschichten am vermeintlichen Rand als ästhetische Kategorie. Und doch: Zur Jubiläumsgala  in der Volksbühne wünschten wir uns – bei aller Diskurswürde – wieder mehr Relevanz des eigentlichen Ereignis: weniger längliche Reden, weniger Live-Podcast Recording Vibes, mehr Show, mehr Risiko, mehr queer Glamour, der nicht um Entschuldigung bittet. Das muss nicht viel kosten, nur gut gemacht sein…

9. Berlinale Finale.
Mit „Gelbe Briefe“ gewinnt dann ein Film, der fast prototypisch zeigt, worum es bei einem Filmfest im Kern eben geht: künstlerischer Ausdruck verschiedenster Sichten, häufig gegen Widerstände äußerer und innerer Art. Eine Künstlerfamilie in Istanbul gerät unter politischen Druck und findet verändert sein radikal verändert vor.  Von diesem Film wird man noch hören. 

Next Feature

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