„Cardillac“, Opernhaus Zürich | „Muppet-Show“ Revival, Disney Plus |
Blut und Bling-Bling
Double Feature 08/26
„Am Golde hängt, zum Golde drängt doch alles. Ach wir Armen!“ – Bereits Goethe wusste im “Faust”, wie schnell der Griff zum Glanz in Elend führen kann.
Und Shakespeare legt im “Kaufmann von Venedig” den Satz dazu, der jedes Statussymbol hinterfragt: „All that glisters is not gold.“
Nur: Was, wenn gerade doch alles wieder Gold sein will? Wenn der Goldpreis momentan auf Rekordniveau steht und die Frage nach Wert versus Preis dringlicher denn je scheint.
Und das Gold ist ja eigentlich das Harmloseste dabei: Es steht still, widerspricht nicht, verlangt nur Aufbewahrung. Das eigentliche Problem sind wir selbst: wie schnell wir Dingen Charakter und Wert zuschreiben und uns dann wundern, wenn es trotzdem bloß seelenlose Hüllen bleiben.
Von hier ist es nur ein kleiner Schritt zu Paul Hindemiths “Cardillac:” eine Geschichte über Besitz, Begehren und die Frage, was ein Objekt mit uns macht, wenn wir glauben, es mache uns aus.
Main Feature
Zürich im frühlingshaften Februar: See, Sechseläutenplatz, höflich-milde Abendluft. Und dann sitzt man im Opernhaus und bekommt einen Abend serviert, der höflich tut, aber innerlich knirscht.
Die literarische Vorlage dazu ist E.T.A. Hoffmanns „Das Fräulein von Scuderi“: Paris zur Zeit Ludwigs XIV., eine Mordserie, Schmuck als Köder, Angst als Stadtklima – und eine kluge Hofdame, die mit Intuition, Empathie und erstaunlicher Ermittlungsenergie den Fall aufrollt. In der Schule habe ich das damals eher wie einen verständnislosen Nebel gelesen: viel Brokat, für mich wenig Boden.
Heute wirkt es plötzlich modern: als romantische Frühform von Kriminalpsychologie, in der Begehren und Schuld ihre Masken wechseln, lange bevor Freud sich zu dieser Themen-Party gesellte.
Paul Hindemith nimmt diesen Stoff – und macht daraus 1926 mit “Cardillac”eine Oper, die jetzt exakt 100 Jahre alt ist: uraufgeführt in Dresden, später von ihm selbst entschärft und 1952 ausgerechnet in Zürich in neuer Fassung herausgebracht; am Opernhaus Zürich spielt man nun bewusst die kantigere Urfassung. Hindemiths Stil: rhythmisch getrieben, kühl schillernd, provokant „nummernhaft“ gegen alles süffig Durchkomponierte – und doch voller feiner Gifte, die erst wirken, wenn man aufhört, nach „Melodie“ und “purer Emotion” zu verlangen.
Die Handlung ist ein Thriller mit barocker Perücke: Cardillac, gefeierter Goldschmied, kann seine Schmuckstücke nicht loslassen und ermordet ihre Käufer. Ein Sondergericht („Brennende Kammer“) soll Ordnung schaffen. Eine Dame fordert als Liebesbeweis das schönste Stück; der Kavalier liefert – und bezahlt mit Blut. In der Werkstatt zeigt sich das Zentrum der Krankheit: Besitz als Wahn, Nähe als Kälte, die Tochter als emotionales Kollateralgut. Der Offizier erzwingt eine Kette; der Mordversuch scheitert; am Ende gesteht Cardillac – und die Menge tötet ihn. Das „Cardillac-Syndrom“ ist genau dieses: die narzisstische Unfähigkeit, ein Werk wirklich herzugeben.
Regisseur Kornél Mundruczó (Film- und Theater-Star zwischen Cannes und Bühnenradikalität) übersetzt den Hofstaat konsequent in eine seelenlose Luxus-Shopping-Mall: Duty-free-Ästhetik, sterile Hyperteuer-Geschmacklosigkeit, Schaufenster als Beichtstuhl. Monika Korpas Ausstattung ist faszinierend präzise; der Chor navigiert lemminghaft mit Shopping-Tüten, die Prévôté wird zur Security, Cardillacs Laden heißt „Luxury C Jewels“, der Aufzug ist aus Glas, hebt und senkt sich bedrohlich. Mord wird hier nicht „erzählt“, sondern drastisch sichtbar gemacht.
Und dann diese Helme, diese Wunderkerzen-Partygesten: Wenn Schaufensterfiguren schwarze Motorradhelme tragen, denkt man unweigerlich an jene Silvesternacht in Crans-Montana, in der Sprühkerzen und brennbares Interieur zur Katastrophe wurden – hysterisierter Konsum als Ritual, Feuer als grausame Nebenwirkung.
Musikalisch führt Fabio Luisi das Orchester straff und transparent, als würde er Hindemiths vermeintliche Emotionslosigkeit in einen hochsensiblen Seismografen verwandeln. Und die Besetzung trifft: vor allem Gábor Bretz als zerrissener Cardillac, dazu stark gezeichnete Nebenrollen und ein herausragender Chor, der hier nicht dekoriert, sondern anklagt.
Ein ausverkauftes Haus sah eine präzise, für hiesige Verhältnisse gewagte Produktion – die Frage bleibt: Haben alle gemerkt, dass ihnen ein Spiegel hingehalten wurde? Oder verklang das Ganze im wohlig-zürcherischen Schauer, wie ein teures Parfum, das man hier wohl „Statement“ nennen würde? Bling-Bling und Blut – und nicht alles ist Gold, das blutet.
Side Feature
Man kann über Revivals vieles sagen – meistens ist es ein: Warum?
Bei „The Muppet Show“ (50 Jahre später), sagt man zum Glück: Endlich. Kermit schaltet im alten Theater wieder das Licht an, als hätte jemand die Welt nur kurz auf „Pause“ gestellt und jetzt wieder auf „sensational, inspirational, celebrational“ gedrückt.
Und das Beste: Es ist fast alles wie früher. Die gleichen Gänge, die gleiche Hinterbühnen-Panik, die gleichen geliebten Problemfälle. Beaker fiept, Dr. Bunsen Honeydew erklärt, Statler und Waldorf lästern – und irgendwo explodiert eine Idee, die nie eine Sicherheitsabnahme gesehen hat.
Natürlich gibt es auch Neues: „Pigs in Wigs“, die Muppet-Antwort auf “Bridgerton” – Perücken, Ballsaal, eine Romantik, die schon beim ersten “Moi” von Miss Piggy ins Chaotische abdriftet. Köstlich!
Und dann Gaststar Sabrina Carpenter, die Miss Piggy ihren Stil bekennt: „Yeah, I’ve basically modeled my whole look and style after you.“ Worauf diese, ohne auch nur mit der Wimper zu klimpern, antwortet: „Oh trust me, my attorneys and I have taken notice and we will be in touch.“
Bitte, nicht nur diese eine Jubiläumsfolge, sondern eine ganze Staffel dieser zeitlosen Muppets. Piggy, please!
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es am Gorki-Theater und Deutschen Theater in Berlin um Frauen, Lebensentwürfe und die Lebens-Dinge, die sich verschieben können. Nachhaltig?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
