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„Berlin Karl-Marx-Platz“, Gorki Theater Berlin | „Der erste fiese Typ“, Deutsches Theater Berlin |

Lebensverwürfe 

Double Feature 09/26

In Berlin feiern gerade wieder die  90er-Jahre ein Comeback.

Nicht wegen der durchaus interessanten beiden neuen Cluberöffnungen in Ost und West, die diese Zeit allein durch ihr Design beschwören, sondern wegen diesem größeren, wie immer in Berlin etwas größenwahnsinnigen Versprechens jener Jahre: Jetzt wird alles möglich, weil noch nichts fertig ist. Eine Stadt als Baustelle – und als Bühne.

Man merkt das in den Bildern: Bei C/O Berlin lief „Träum Weiter — Berlin, die 90er“, Ostkreuz-Fotografie als Stimmungsarchiv einer Dekade, die noch nicht wusste, was sie später einmal bereuen würde – und genau deshalb so frei wirkt.
Und man merkt es im Kino: Die Berlinale  – bei der vor allem Filme liefen, man vergisst es dieser Tage – schaute 2026 in ihrer Retrospektive „Lost in the 90s“ zurück, nicht nur auf Ästhetik und Zeitgeist, sondern auch auf das, was aus dieser Nachwende-Zeit filmisch erhalten und was verschwunden ist.

Dass diese Sehnsucht gerade so gut zieht, ist keine Überraschung. Zu viele Illusionen haben sich verabschiedet, zu viel Pioniergeist ist in Excel-Tabellen versickert.

Und wer verstehen will, wie Berlin sich seit 1989 immer wieder selbst erfunden, verschluckt, verkauft und dann doch wieder neu erzählt hat, schaut die hervorragende Doku: „Capital B – Wem gehört Berlin?“ – ein Stadtspaziergang durch Macht, Mythos und Mietverträge.

Und dann, wie ein schöner Schnitt zurück in die Gegenwart, aber auch in die 90er: das Kino International hat in dieser Woche wiedereröffnet, nach einer denkmalgerechten Generalsanierung, die – so gar nicht nach Berliner Art  – sogar früher fertig wurde als geplant.
Wer einmal im Foyer stand, weiß: Das ist keine „Location“, das ist ein Architektur-Juwel der Ost-Moderne – eröffnet 1963, entworfen von Josef Kaiser und Heinz Aust, mit dieser eleganten Mischung aus Repräsentation, Holz, Luft und sozialistischem Glamour.

Legendär bleibt natürlich der 9. November 1989: Premiere von Heiner Carows „Coming Out“ – als die Premieren-Gäste ins Freie traten, war die Stadt plötzlich eine andere.

Dass dieses Haus Anfang der oben erwähnten Berliner 90er ausgerechnet an echte Kinoliebhaber überging – die Yorck-Gruppe, die es bis heute betreibt – war und ist ein Glücksfall, ein Beispiel, wie Privatisierung gelingen kann.

 

Kurz: Hingehen. Nicht nur wegen 4K-Laser und frisch polierter Patina, sondern weil dieses Kino einen seltenen Luxus bietet: Geschichte, die nicht als Ausstellung hinter Glas steht, sondern als begehbares Abendprogramm mit dem größten Glasschaufenster Berlins.

Main Feature

Dies stimmte in Berlin in den 90ern und auch noch heute: Diese Stadt ist besser im Entwerfen als im Vollenden. Vielleicht ist das auch der heimliche Kern jener Intendanz, die am Gorki nun in ihre letzte Runde geht: Shermin Langhoff und das postmigrantische Theater haben aus einem relativ kleinen Haus einen Resonanzraum nicht nur für diesen Begriff gemacht – für Biografien, die sonst gern als „Thema“ abgeheftet werden. Das Gorki war in diesen Jahren nicht einfach divers, es war präzise: im Sprechen, im Besetzen, im Blick auf Macht und Herkunft, im Humor, der nie nur schmücken sollte. Eine Ära, die nachhaltig geprägt hat.

Und ja, es gab auch die Störgeräusche: Geschichten über Stilfragen, interne Reibungen, über das, was passiert, wenn eine Institution sich selbst als moralisches Labor begreift – und dabei trotzdem ganz klassisch Betrieb bleibt. Theater ist eben auch ein System aus Eitelkeiten und Budgets.

Aber gerade deshalb wirkt „Berlin Karl-Marx-Platz“ wie eine schöne, fast ideale Essenz: nicht als Abrechnung, sondern als Liebeslied mit Rissen.

Hakan Savaş Mican legt hier den 3. Teil seiner Stadt-Trilogie vor: Berlin, Anfang der 90er, die Mauer ist weg, die Regeln sind unklar, das Tempo hoch – und zwei junge Menschen verlieben sich: Lisa aus Marzahn und Cem aus Neukölln, ein Ost-West-Paar mitten im Umbruch.

Das Stück erzählt von Lebenshoffnungen, die sich im Alltag beweisen müssen: in Jobs, die verschwinden; in Familien, die plötzlich andere Karten haben; in Träumen, die erst groß klingen und dann an der Miete scheitern. Und Mican schreibt das feinfühlig, aber nie kitschig: Die Szenen haben diese seltene Qualität, Menschen wirklich zu meinen, nicht nur als Träger von Diskurs.

Dazu die Musik: eine kleine Band, Songs als Erinnerungsspeicher, Pop als zweite Erzählebene. Gerade wenn die Band – im besten Sinn unaufdringlich – in entscheidenden Momenten türkisch gefärbte Klänge hineinzieht, verschiebt sich die Perspektive: Plötzlich klingen auch Schubert-Melancholie oder George-Michael-Schimmer nicht wie Zitat, sondern wie biografische Wahrheit.


Die Besetzung ethnisch „gegen den Erwartungs-Strich“ erzeugt Spannung, ohne je als Konzept-Showcase zu wirken; zwei Hauptdarsteller tragen den Abend, zwei „Nebendarsteller“ halten ihn auf Kurs – ein Ensemble, das nach dieser Spielzeit das Haus wohl verlassen wird, es wäre zu schade.

Die Bühne bleibt einfach, offen, fast nüchtern; die Videoprojektionen sind genau richtig dosiert: nicht Illustration, eher Atmosphäre – Berlin als innerer Zustand.

Am Ende gerät es zu einem Abend, der Berliner Lebensentwürfe aufscheinen lässt: die Lust am Spiel, die Wucht der Zeit, das schöne Scheitern, das manchmal auch ein Überleben ist.

Unbedingt noch vor Spielzeitende anschauen. Echt jetzte.

Side Feature

Miranda July ist gerade so etwas wie die Schutzheilige einer neuen (alten) Hipness: eigen, zärtlich, schräg, sehr bewusst „awkward“ – Kunst, die nicht cool sein will und genau dadurch cool wird. Ihr Debütroman „Der erste fiese Typ“ landet nun als Solo in der Deutsches Theater DT-Kammer, Regie Sarah Kurze, mit Maren Eggert als Zentrum eines ganzen kleinen Universums.

Eggert ist dabei – um es technisch zu sagen – eine Zumutung: zu gut, zu wach, zu souverän. Sie spielt nicht einfach eine Figur, sie spielt ein Denken, ein Ausweichen, ein Sich-reinreiten.  

Ich gebe zu: Zur Geschichte musste ich mir meinen Zugang erst erarbeiten. Julys Welt ist voller weiblicher Verschiebungen – Begehren, Projektionen, Selbstschutz, Gewaltfantasien, Fürsorge, Scham – alles in einem Ton, der ständig zwischen Komik und Unbehagen kippt. Aber dann passiert etwas Merkwürdiges: Genau weil Eggert das so präzise hält, wird daraus ein kleiner Leuchtturm im DT-Programm.

Wenn man filmische Vergleichsschilder a die Tür hängen will: “Fleabag” trifft “Fight Club” trifft „Girls“ – dennoch ist July eigenständig in ihrem Stil, muss nicht wirklich verglichen werden. Und das Schubfach-Bühnenbild: reduziert, klug, als wäre die DT-Kammer ein mentaler Proberaum. Ein Abend, der mehr Nachhall hat, als man ihm anfangs zutraut.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ans Theater in Basel, wo zwei Stücke von Ödon von Horvath ineinander verschränkt werden. Tun sich Lebensabgründe am Rhein auf?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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