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DF 12-26
„Brancusi“, Neue Nationalgalerie Berlin | „Gelbe Briefe“ von Ilker Catak |

Säulenheiliger

Double Feature 12/26

In der MaHalla in Berlin Oberschöneweide ging dieser Tage die Welt unter. Georg Friedrich Haas’ “11.000 Saiten” eröffnete das MaerzMusik Festival 2026 in jener rauen, monumentalen Industriearchitektur, die einst zum Berliner Stromzeitalter gehörte und noch heute beeindruckend und einzigartig ist. Fünfzig Klaviere standen im Kreis um das Publikum, mikrotonal gegeneinander gestimmt und verschoben, dazu das Klangforum Wien im Zentrum: ein Rauminstrument, das weniger musizierte als tektonisch arbeitete. Es gab monströse, fast apokalyptische Klangflächen, Schiebungen, Wände, Beben; und nur ganz selten jene zarten, beinahe rührenden Hoffnungszeichen von Harfe oder Bratsche, die zum Glück nicht weit von unseren Sitzen aufschimmerten.

Hätte sich während dieses Konzerts ein großer Erdspalt geöffnet und Publikum wie Ensemble verschluckt – es wäre, ästhetisch betrachtet, durchaus passend gewesen.

Nach so einem Abend musste ich zum Trost an das Wort “Erhabenheit” denken, es wirkt plötzlich wieder brauchbar, meint es ja mehr als Größe oder Schönheit; eher jenen Moment, in dem Kunst uns übersteigt, uns kurz erschreckt und gerade dadurch erhebt.

Rilke hat das unübertrefflich notiert: „Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen.“ Von dort ist es kein weiter Weg zu Constantin Brancusi. Auch seine Skulpturen wollen nicht gefallen, sondern auf etwas Wesentliches zulaufen: auf Form, Stille, Konzentration – und auf jene eigentümliche Größe, die aus radikaler Reduktion entsteht. Dass die Neue Nationalgalerie Brancusi nun in einer großen Retrospektive zeigt, passt daher sehr gut in diese Berliner Tage zwischen Klangkatastrophe und Klarheit.

Main Feature

Es gibt Künstler, bei denen schon der Lebensweg wie ein Werk erscheint. Constantin Brancusi gehört entschieden dazu. 1904 macht sich der junge Rumäne, mit Stipendium, Ehrgeiz und offenbar beträchtlicher Leidensfähigkeit, auf den Weg nach Paris – nicht im Symbolischen, sondern ganz real, große Teile quer durch Europa zu Fuß.

Dass nun ausgerechnet zur Berliner Preview einer grossen Brancusi-Ausstellungder Direktor des Centre Pompidou wegen Flughafenstreik und der üblichen deutschen Bahn-Volatilität laut eigener Aussage selbst rund neun Stunden von Paris nach Berlin gebraucht hat, ist eine eigentlich tragische, aber dennoch hübsche, fast allzu sehr passende Randnotiz dieser Schau.

Brancusi, 1876 in Hobița geboren, hätte das vermutlich nur als weitere Lektion in Sachen Beharrlichkeit verbucht. Aus ländlichen rumänischen Verhältnissen kommend, geprägt von Holz, Handwerk, Ornament, Toren, Pfeilern und der Schlichtheit bäuerlicher Architektur, trägt er diese frühe Welt später mitten hinein in die Pariser Moderne.

In Paris beginnt dann nicht einfach eine Karriere, sondern eine Befreiung. Brancusi arbeitet kurz bei Rodin, zieht aber schnell weiter; zu groß der Meister, zu schwer dessen Schatten. Statt Oberfläche interessiert ihn das Wesen, statt Pathos die Verdichtung. Was ihn an rumänischer Volkskunst, an Holzschnitzerei und archaischen Formen geprägt hatte, verbindet sich in Paris mit der Avantgarde, mit Duchamp, Modigliani, Léger, Man Ray, mit einem künstlerischen Milieu, das seine Radikalität sofort erkennt. Brancusi reduziert, glättet, poliert, vereinfacht – aber eben nie zur dekorativen Geste. Seine Formen wollen nicht weniger zeigen, sondern mehr. „Simplicity is complexity resolved“, lautet einer seiner Sätze. Und genau so wirken diese Arbeiten bis heute: als hätten sie alles Überflüssige abgestreift, um beim Kern anzukommen.

Seine Motive kehren dabei immer wieder: Köpfe, Vögel, Liebespaare, Tiere, die Aufrichtung des Körpers, das Kreisen des Lebens. Der Kuss ist in seiner Blockhaftigkeit fast eine kleine Revolution gegen jede gefällige Skulptur: zwei Figuren, untrennbar ineinandergefügt, ein Paar als Prinzip. Princesse X bleibt mit ihrer glänzenden Ambivalenz wunderbar unruhig und auch ein wenig phallisch provokativ. Die Skulptur Leda scheint eher Bewegung als Körper zu sein. Und die Unendliche Säule, von diesem Künstler-Säulenheiligen aus einem einfachen rhombischen Modul entwickelt, wächst aus der Erinnerung an geschnitzte rumänische Holzformen zu einer fast metaphysischen Achse.

Und dann diese Bronzen: ihre Politur ist nicht Finish, sondern Ereignis. Sie fangen Licht ein, werfen es zurück, spiegeln Raum und Betrachter und machen den Minimalismus Brancusis überraschend sinnlich, fast verführerisch.

Dass Zeitgenossen fragten „Is it Art?“, versteht man rückblickend – und zugleich gar nicht mehr. Der berühmte Zollstreit um Bird in Space, dem 1926 in den USA zunächst der Kunststatus verweigert wurde, zeigt, wie revolutionär diese Abstraktion einmal war.

Wie klug diese Werke nun in der Neuen Nationalgalerie aufgestellt und arrangiert sind, ist das eigentliche Glück dieser Ausstellung. Mies van der Rohes Halle, dieser große, scheinbar kühle Tempel aus Stahl und Glas, erweist sich als erstaunlich präziser Resonanzraum für Brancusis konzentrierte Formen. Ja, die nötigen Vorhänge gegen das Licht nehmen dem Bau vorübergehend etwas von seiner Transparenz. Aber sie schenken den Skulpturen eine fast feierliche Ruhe. Besonders stark ist das Herzstück der Schau: die erstmals außerhalb von Paris gezeigte Rekonstruktion von Brancusis Atelier. Dort wird sichtbar, dass dieses Studio weit mehr war als Werkstatt – es war Bühne, Labor, Fotoraum, sozialer Treffpunkt, ein Ort, an dem sich Kunst, Design, Film, Tanz und Inszenierung überlagerten, in einer Weise, die tatsächlich nicht ganz fern vom Bauhaus liegt.

Gerade darin liegt die Größe dieser von der Restaurierung des Centre Pompidou profitierenden und mit Sicherheit sehr erfolgreichen Ausstellung: Sie zeigt Brancusi nicht nur als Ahnherrn der Abstraktion, sondern als Künstler einer bis heute spürbaren Erhabenheit. Seine Werke wirken hier nicht nur historisch abgesichert, sondern gegenwärtig, offen, still und überwältigend klar. Brancusis Minimalismus zeigt nicht weniger Welt, sondern mehr, viel mehr. 

Side Feature

İlker Çataks Film „Gelbe Briefe“ beginnt mit einem Bühnenmoment, der bereits den ganzen Film in sich trägt: Kunst, Öffentlichkeit, Haltung – und die Ahnung, dass genau daraus Gefahr erwachsen kann. Derya und Aziz, ein prominentes Künstlerehepaar, geraten nach einem Vorfall im Theater ins Visier eines zunehmend repressiven Systems. Was folgt, ist kein plötzlicher Absturz, sondern die viel beunruhigendere Chronik einer langsamen Zersetzung: kleine Feigheiten, Schikanen, Opportunismen, Demütigungen, bürokratische Nadelstiche. Gerade diese Kette des scheinbar Nebensächlichen ist das Verstörende an diesem Film. Sie führt am Ende mit fast unerbittlicher Logik zum Furchtbaren.

Dass deutsche Drehorte hier die Türkei verkörpern, ist dabei kein bloßer Produktionsumstand, sondern ein kluger Verfremdungseffekt. Er spiegelt sich schon im Theaterraum des Anfangs, im Berliner Ensemble, also an einem Ort, an dem Brecht gleichsam mit im Raum steht. Und tatsächlich gewinnt hier auch sein Satz neue Schärfe: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Denn der Film zeigt mit großer Präzision, wie wirtschaftlicher, sozialer und institutioneller Druck nicht nur politische Haltung aushöhlt, sondern auch die Liebe eines Ehepaars gefährlich belastet.

Das Ensemble ist exzellent, das Drehbuch ruhig gebaut und doch von Szene zu Szene dringlicher. Gerade deshalb wirkt „Gelbe Briefe“ so nach: als präzise Studie darüber, wie Unrecht nicht immer mit dem großen Schlag beginnt, sondern mit vielen kleinen Verschiebungen.

Eine allzu direkte Parallelsituation zu den nach der Berlinale und ihrer Preisverleihung von mehreren Seiten überhitzten, teils auch zu wenig differenziert geführten Debatte über Meinungs- und Kunstfreiheit wäre naheliegend, jedoch verweist “Gelbe Briefe” auf etwas Allgemeingültigeres und wesentlich Dringlicheres – dazu sollte man weniger nach Deutschland heute, als vielmehr in die Türkei, nach Ungarn, in die USA schon seit einiger Zeit schauen. Sehenswert.

Next Feature

Im nächsten Double Feature – das bereits am Donnerstag vor Ostern erscheint – geht es um Darstellungen von Queerness in TV und Kino heute, irgendwo zwischen Eis und Leder. Zeitgemäss und befreiend?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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