Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20
  • Start
  • Anmelden
  • Archiv
  • Über Mich
✕
Profil DF
„Heated Rivalry“, HBO Max | „Pillion“ von Harry Lighton | „Johannespassion“, Raphael Pichon |  

Leder auf Eis

Double Feature 13/26

Queeres Kino und queeres Fernsehen bleiben natürlich nötig, vielleicht heute sogar wieder dringlicher als noch vor wenigen Jahren. Um es mit der Haltung Wieland Specks und der langen Geschichte des queeren Filmpreises im Rahmen der Berlinale, der Teddy Awards zu sagen: Es geht nicht um Etiketten, sondern um erzählte Leben – um Geschichten, Erfahrungen, Lebensrealitäten. Genau darauf zielt nun auch die Deutsche Kinemathek mit ihrer im Mai kommenden Ausstellung Inventing Queer Cinema ab. Wir sind gespannt.

Queere Filme, die mir bleiben, ganz persönlich:

Heiner Carows Coming Out, dieser späte DEFA-Film, der ausgerechnet am 9. November 1989 in Berlin Premiere hatte, erzählt das Herausfinden des eigenen Lebens mit einer Mischung aus Schüchternheit und Wucht, die bis heute rührt.

Patrice Chéreaus Wer mich liebt, nimmt den Zug macht aus Trauer, Eifersucht, Freundschaft und queerer Gemeinschaft ein vibrierendes Gruppenbild, nervös und sinnlich zugleich.

Dann Brokeback Mountain: der Film, der queeres Erzählen nicht erfand, es aber für ein sehr viel breiteres Publikum öffnete und normalisierte, ohne den Schmerz kleinzureden.

Und schließlich All of Us Strangers, diese zarte Geistergeschichte über Begehren, Einsamkeit und die späte Möglichkeit, sich sogar den Toten noch zu erklären.

Vier Filme, vier Temperamente, vier Arten, der alten Dringlichkeit des “Queer Storytellings” eine Form zu geben. Und nun zwei weitere Versuche in dieser Kategorie: “Heated Rivalry” im Streaming, “Pillion“” im Kino.

Main Feature

Zwischen “Heated Rivalry” und “Pillion” liegt auf den ersten Blick eine ganze Lederjacke voll Unterschiede – Streamingerfolg hier, Arthousekino dort, Eishockey auf Hochglanz gegen britischen Motorradfetisch in Leder. Und doch kreisen beide um dieselbe Frage: Wie sehen queere Männerbilder aus, wenn um sie herum schrille “alphamales” und “looksmaxxing” Ideale aufscheinen?

“Heated Rivalry”, nach Rachel Reids Game Changers-Romanen adaptiert, erzählt in sechs Folgen von den rivalisierenden Eishockeystars Shane Hollander und Ilya Rozanov, die über Jahre eine geheime Affäre und dann, na bitte, doch eine Liebe leben. Ausgerechnet diese Groschenroman-Grundlage wurde zum Überraschungshit und Social-Media-Phänomen; die Serie traf offenkundig einen Nerv, auch weil Hudson Williams und Connor Storrie mit einer bemerkenswert furchtlosen Körperlichkeit und einer echten, nicht nur algorithmisch hergestellten Chemie spielen.

Lange ist “Heated Rivalry” allerdings vor allem eines: sehr, sehr ansehnlich. Die ersten Folgen funktionieren oft wie Softcore mit Eiskufen – Hotelzimmer, Blicke, Körper, perfekter Soundtrack, ein wenig Pathos. Das ist nicht nichts; an einem Sonntag auf dem Sofa kann das durchaus als Freizeitgestaltung durchgehen. Aber zunächst bleibt es oft bei der clever vermarkteten Chiffre: heiße, sensible Männer, die sich außerhalb heteronormativer Skripte bewegen und gerade deshalb offenbar für viele Zuschauerinnen wie eine Fantasie gerechterer Intimität wirken. Erst gegen Ende gewinnt die Serie wirklich an Tiefe. Teamkollege Scott wird mit seinem öffentlichen Coming-out zum Spiegel, Shane findet den Mut, sich den Eltern zu erklären, und die inzwischen berühmte Cottage-Folge verwandelt Eskapismus in etwas Zärtlicheres: in die Vorstellung, dass Liebe nicht nur heimlich, sondern alltäglich sein könnte – samt Mutter, die um Verzeihung bittet. „I’m coming to the cottage“, von Ilya mit verführerisch russischem Akzent gesprochen, wird so zur kleinen Chiffre für Zuneigung, Zukunft und Bekenntnis. Es ist keine radikal neue queere Erzählung. Aber vielleicht ist auch eine sexy, weithin erfolgreiche queere Geschichte ein Fortschritt, zumal in unerquicklichen Zeiten.

“Pillion” ist da das sehr viel seltsamere, präzisere und am Ende auch berührendere Gegenstück. Harry Lightons Film – nach Adam Mars-Jones’ Box Hill – heißt auf Deutsch ganz prosaisch “Sozius”, und schon dieser Titel ist klug: Er meint den Sitz hinter dem Fahrer, aber eben auch die Lebenshaltung eines Mannes, der lieber mitfährt als steuert. Colin, gespielt von Harry Melling, entdeckt in dieser Welt eine „aptitude for devotion“; Alexander Skarsgård ist als Ray tatsächlich der perfekte Lederbike-Gott dazu, während Melling die sehr viel schwierigere Aufgabe übernimmt, Verwunderung, Neugier, Hingabe und später leise Rebellion zugleich zu spielen. Dass Lighton reale Leute aus der Kink- und Biker-Community einband, darunter Mitglieder des Gay Bikers Motorcycle Club, gibt dem Film genau jene Glaubwürdigkeit, die solches Material so schnell verlieren kann.

Das Wunder von “Pillion” besteht darin, dass er explizit, komisch und bisweilen herrlich unerquicklich sein darf, ohne banal zu werden. Bei meiner Vorstellung verließen zwei Zuschauerinnen, deren gemusterte Übergangsmäntel eigentlich Progressivität suggerierten, beim expliziten Biker-Blowjob auf dem Zeltplatz fluchtartig den Saal und zogen wohl das Rotweinchen danach verfrüht vor. Der Film nimmt solche “Fluchtbewegungen” gelassen in Kauf. Und hätte den beiden eindeutig weiblich zu lesenden Zuschauenden (sic!), wären sie geblieben, noch etwas enthüllen können: führt der Film doch unter Leder, Latex und Ritualen zu einer viel schlichteren Frage. Was bleibt vom Role Play, wenn Liebe ins Spiel kommt? Eric Saties schwebende Klavier-Motive ziehen das Ganze weg vom bloßen Kink-Spektakel und hin zu einem Film über Selbstwerdung. Wenn Colin schließlich fragt, ob Liebe nicht „the whole point“ sei – „of everything“ –, landet “Pillion” genau dort, wo viele Liebesgeschichten landen: bei der Erkenntnis, dass Reife vielleicht nicht darin besteht, eine Rolle abzulegen, sondern sie selbstbewusst zu bewohnen. Aus dem Sub wird kein Ex-Sub, sondern ein selbstbewussterer Sub. Das ist, in dieser sehr besonderen Form, eine Geschichte, die es unbedingt zu erzählen lohnt.

Side Feature

Kurzer Themenwechsel, und was für einer…. Bachs “Johannespassion” bleibt ein Werk von fast schmerzhafter Direktheit: Glaube, Gewalt, Trost und Erschütterung in ständigem Wechsel. Raphaël Pichon formt eine neue Aufnahme mit seinem Ensemble Pygmalion schlank, hochpräzise und doch nie akademisch. Alles drängt hier zum Wort, zur Szene. Gerade darin liegt für mich die Stärke von Pichons Stil: historische Informiertheit, die nicht museal klingt, sondern lebendig, nervös, berührbar. So führt diese Einspielung wunderbar in das Osterfest hinein – als Musik der Passion, aber auch der Hoffnung. Ich wünsche frohe Ostertage im Kreise der Menschen, die euch wichtig sind.

Next Feature

Im nächsten Double Feature präsentiert der legitime Nachfolger von Fellini seinen neuen Film über Gnade. Und das Staatsballett Berlin zeigt eine Produktion über den grössten Tänzer aller Zeiten: Nurejew. Beides begnadet?

 

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

Impressum | Datenschutzerklärung | Webdesign von Lisa Koch