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„Die Orestie“, Theater Bern | „The Comeback“, HBO Max |

Rache an der Aare

Double Feature 15/26

Die Welt entsteht in Es-Dur. So war es bei Kirill Petrenkos konzertantem “Rheingold” mit den Berliner Philharmonikern in Berlin: Wagner nennt es den Vorabend des Ring, aber in Wahrheit ist hier schon alles da – Gold, Gier, Verträge, Machtmissbrauch, das fatale Missverständnis, man könne Schuld elegant weiterreichen wie eine Rechnung. Nur wer der Liebe entsagt, kann den Ring schmieden; und Wotans Bauvertrag mit den Riesen ist längst der Beginn des Untergangs.

Petrenko und die Philharmoniker ließen diese musikalische Architektur in 2,5 Sternstunden nicht bloß erklingen, sondern gleichsam entstehen: als Schwingen, Drohen, Locken, Leuchten. Überirdische  Weltenlenkung, ziemlich irdischer Ehekrach.

Genau dort beginnt dann die Brücke, nicht nach Walhall, sondern zur thematisch gleich um die Ecke liegenden Orestie: wo Macht und Fluch, Vertrag und Begehren, Rache und die Möglichkeit von Liebe ebenfalls ineinanderkippen. Nicht am Rhein, nicht an der Spree, sondern in Bern, an der Aare. 

Main Feature

Bern ist eine Stadt, die einen stets in ihre Ordnung hineinzieht. Die Altstadt, seit 1983 UNESCO-Welterbe, liegt mit ihrer mittelalterlichen Geschlossenheit wie eine dezente und doch trutzige Behauptung in der Aareschleife: Lauben, Sandstein, Brunnen, Perspektiven, die nicht protzen müssen, weil sie wissen, was sie sind. Dann das Bundeshaus, Herz der schweizerischen Demokratie, diese Mischung aus Gravität und Begehbarkeit, aus Kuppel und Kompromiss. Es passt darum sehr gut, dass man von dort in wenigen Minuten zu einem Theater gelangt, das seinerseits auf Öffentlichkeit, Vielstimmigkeit und Reibung setzt.

Bühnen Bern ist ein Vierspartenhaus mit Oper, Schauspiel, Ballett und Berner Symphonieorchester unter einem Dach. Pro Spielzeit stehen dort über 30 Premieren, mehr als 20 große Konzertereignisse und insgesamt rund 400 Vorstellungen und Sonderveranstaltungen auf dem Programm. Dazu kommt die kluge Breite, von Klassikern über Kinder- und Jugendproduktionen bis zu Open-Air-Formaten. Chef Roger Vontobel formuliert es programmatisch als „Plattform für alle“. Der Erfolg ist sichtbar, die Auslastung überschreitet 90 Prozent, davon wird im Zürcher Schauspielhaus sehnsüchtig geträumt. Man versteht also schnell, warum die Plätze in Bern derzeit so verlässlich voll sind: Hier wird nicht paradigmatisch programmiert, sondern breit, deutlich und mit erkennbarem Willen zur Einladung.

Und nun also Aischylos an der Aare. Die 458 v. Chr. uraufgeführte “Orestie”erzählt von der Atridenfamilie, vom Fluch des Tantalos, von Opfer, Krieg, Heimkehr, Mord und Gegenmord – und schließlich von jenem berühmten Übergang weg von der Blutrache hin zu Gericht, Recht und Ordnung. Deshalb ist dieses Stück nie bloß Antike, sondern immer auch Gegenwart.

Peter Steins legendäre Schaubühnen-Orestie von 1980 machte diesen Weg vom Chaos zum Rechtsstaat zu Theatergeschichte. Und es stimmt: Jede Zeit hat ihre eigene Orestie. Das Programmheft zitiert Simone Weil, und man liest ihren Satz nach dieser Aufführung beinahe körperlich: Die Gewalt vernichtet jeden, den sie berührt. Ebenfalls zitiert: Max Frischs Frage – wie es sich erkläre, dass man noch keinen Menschen umgebracht habe – zieht für mich wie ein kalter Wind durch den ganzen Abend. Der zivilisatorische Mantel ist dünn. Und oft eher Stoff als Panzer.

Anja Behrens inszeniert diese Geschichte als bildmächtige Klagefeier. Schon vor der eigentlichen Handlung liegt die Bühne in dunkler Vorzeit: verhüllte Körperskulpturen, tote Menschen und Tiere, die später an Haken hochgezogen werden; graue Tücher, Nebel, archaisch raunender Elektrosound. Dann öffnet sich unter dem Boden ein Wasserbecken, in dem geliebt, gelitten, gemordet wird. Am Anfang verkeilen sich Körper ineinander, Kostümstoff klebt nass an den Körpern, Fäuste verschwinden in Mündern, als müsse diese Geschichte zuerst durch den Leib, bevor sie Sprache werden darf. Dann folgt sie in grausamer Konsequenz ihrem bekannten Lauf: Iphigenie, Agamemnon, Klytaimnestra, Elektra, Orest. Das Bild der Mutter, die den Sohn noch nährt, ehe er sie tötet, gehört zu den stärksten des Abends. In solchen Momenten ist die von Peter Stein erstellte Fassung des Textes tatsächlich von großer Wucht.

Aber nicht alles trägt gleich stark. Die Linie zwischen elementarer Rohheit und etwas erschöpfendem Posieren ist dünn, auch die darstellerische Präsenz variiert. Manchmal dröhnt der Sound einen Tick zu lange weiter, als traue er dem Text nicht ganz. Und doch bleibt diese Orestie ein selbstbewusstes Statement.

Am Ende treten Kinder auf die leergefegte Bühne und sprechen zu klagenden Celloklängen die Menschenrechte. Das ist schön gedacht, unschuldig und ernst; es verweist auf die Notwendigkeit eines Schutzmantels, den Zivilisation überhaupt erst herstellen muss. Als Effekt bleibt es etwas kopfig, fast zu sehr Idee.

Aber dieser Abend in Bern will etwas, und er kann einiges. Er erweitert meine persönliche Schweizer Theaterachse Zürich–Basel erfreulich zum Dreieck.

Mir chöme wider.

Side Feature

Smile – ´though your heart is breaking. Mit der TV-Serie „The Comeback“ gelingt etwas Seltenes: eine Serie, die nach 2005, 2014 und nun 2026 nicht einfach zurückkehrt, sondern mit jeder Staffel klüger, trauriger und komischer wird.

Die erste war schon eine brillante Zumutung: Valerie Cherish, B-Promi mit Hollywood-Randlage, stolpert durch Demütigungen, Reality-TV und Sitcom-Hölle, und Lisa Kudrow (die hier ihre legendäre Rolle der Phoebe aus “Friends” quasi vergessen macht) spielt das mit einer Präzision, bei der Fremdscham zur Kunstform erhoben wird.

Die zweite Staffel war dann noch besser: dunkler, verletzlicher, böser gegen den Betrieb – und zugleich von fast erschreckender Zärtlichkeit.

Nun also Staffel drei, das große späte Finale, in dem Valerie in einer von KI, Content-Panik und Branchenneurosen zerfurchten TV-Welt landet. Das ist sehr witzig, sehr melancholisch und erstaunlich gegenwärtig.

Kudrow ist dabei das eigentliche Wunder: mutig, eitel, lächerlich, herzzerreißend – und in jeder Sekunde vollkommen exakt. Kaum jemand kann so grandios scheitern und dabei derart glänzen. Valerie Cherish bleibt: „I don’t need to see that!“ – doch, wir unbedingt!

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es nach Basel, in der sich das Kunstmuseum der Darstellung von Homosexuellen in der Kunst des 19. Jahrhundert und auch noch der “Godmother” der farbintensiven Abstraktion, Helen Frankenthaler, widmet. Großes Programm, große Wirkung?

Ich werde berichten…

 

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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