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„The First Homosexuals“ und „Helen Frankenthaler“, Kunstmuseum Basel | „Hirschfeld – Unbekannter Bekannter“, von Stina Werenfels |

Treppen und Tinktur

Double Feature 16/26

Robert Rauschenberg fasziniert mich seit langem, er war einer der grossen Grenzgänger der amerikanischen Nachkriegskunst: ein Künstler, der Malerei nie als saubere Fläche verstand, sondern als Kollision von Bild, Material, Alltag und Erinnerung. Ich wusste bisher nicht, dass er 1959 ein Bild mit dem Titel “Double Feature“ geschaffen hat. Es hängt im Kunstmuseum Basel und wirkt auf den ersten Blick wie eine halb abgerissene Stadtwand und auf den zweiten wie eine sehr genau gebaute Partitur aus Papier, Typografie, Farbresten und Fundstücken.

Das ist meinem Newsletter nicht unähnlich, wie ich in aller Bescheidenheit finde: Objekte, Erzählung, kulturelle Choreographie, Ordnung ins Wahrnehmungs-Chaos bringen. Eine interessante Erkenntnis, mitten im Kunstmuseum Basel, das momentan den Besuch lohnt.

Main Feature

Das Kunstmuseum Basel ist eines der Häuser, die nicht bloss Kunst zeigen, sondern kulturelles Selbstverständnis in Stein, Raum und Haltung giessen. Seine Sammlung geht auf den Ankauf des Amerbach-Kabinetts 1661 zurück und gilt als älteste öffentliche Kunstsammlung der Welt.

Der Hauptbau von 1936, errichtet von Rudolf Christ und Paul Bonatz, steht mit seiner strengen, verlässlichen Würde für eine konservative Moderne. Seit 2016 ist ihm der Neubau von Christ & Gantenbein zur Seite gestellt, mit Oberlichtsälen für Sonderausstellungen, über die Strasse und unter ihr mit dem Altbau verbunden. Besonders interessant ist dort der Umgang mit Raum: die monumentale Treppe unter dem runden Oberlicht, der Kratzputz im Foyer, die subtile Backsteinfassade, die grosse Halle am Fuss der Treppe. Alles daran ist opulent, irgendwie überdimensioniert, passt aber erstaunlich gut zur Geste des Altbaus. Kunst kann hier Grösse gewinnen, auch wenn der Besucher manchmal auf den endlosen Treppen wie platziert und etwas verloren wirkt.

In diese Räume ist nun „The First Homosexuals. Die Entstehung neuer Identitäten 1869–1939“ gesetzt: rund achtzig Gemälde, Arbeiten auf Papier, Skulpturen und Fotografien, gegliedert in sechs Sektionen, von den ersten modernen Begriffen über “kodiertes Verlangen” bis zu kolonialen Verflechtungen und der Vielfalt der Geschlechter. Das ist oft klug, berührend und  sehenswert. Selbstbewusste Künstlerinnen-Pose, intime Innenräume, fluide Selbstinszenierungen und athletische Körper. Paul Camenischs „Schweizer Narziss“ öffnet ein Fenster auf queeres Leben, Sichtbarkeit, Tarnung und Gefahr.

Gerade weil die Schau so viel will und so viel weiss, wirkt sie auf dem vergleichsweise kleinen Raum aber stellenweise etwas überkuratiert. Man liest, lernt, nickt, staunt – und wünscht sich dann doch hin und wieder weniger Ordnungssystem und mehr Luft, weniger These und mehr Geschichten und Ausdruck, weniger Benennung und mehr Assoziationsraum.

Fast das Gegenstück dazu ist Helen Frankenthaler. Mehr als fünfzig Werke aus sechs Jahrzehnten, die bislang grösste Ausstellung ihrer Malerei in Europa und die erste institutionelle Einzelausstellung der Künstlerin in der Schweiz, zeigen eine Malerin, bei der Ausdruck tatsächlich grossgeschrieben werden darf. Frankenthaler, 1928 in New York geboren, hatte früh Zugang zu hervorragender Ausbildung und rasch auch zu den prägenden Kunstkreisen der New Yorker Nachkriegsmoderne. Jackson Pollock ist einer der deutlichsten Einflüsse für Frankenthaler, deren Werk dennoch eigenständig wurde und blieb. 

Mit ihrer Soak-Stain-Technik veränderte sie die Malerei: verdünnte Farbe auf ungrundierter, am Boden liegender Leinwand, nicht obenauf gesetzt, sondern Tinktur, in den Stoff hineingelassen. Die Ausstellung verfolgt das beinahe chronologisch, von Prägungen  über Materialexperimente, Linie und Fläche bis in die späten Jahre. Diese grossen Formate funktionieren in den Basler Räumen hervorragend.

Zwei sehr unterschiedlich tickende Ausstellungen also, die man am besten weniger mit Konzept und Begleittext als mit Auge, Körper und Nervensystem besucht. Die Reise nach Basel lohnt sich also einmal mehr.

Side Feature

Wer Kurt Hirschfeld nicht kennt, kennt womöglich trotzdem sein Werk. Der deutsch-jüdische Dramaturg, Regisseur und spätere Direktor prägte das Schauspielhaus Zürich ab 1933 und dann wieder ab 1938 bis zu seinem Tod 1964 entscheidend mit; er machte es zu einer Exilbühne und zu einem Zentrum des kulturellen Widerstands gegen den Faschismus.

Unter seinem Einfluss wurde Zürich zur freien deutschsprachigen Bühne der Kriegsjahre, später auch zu dem Ort, an dem Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt kanonisch wurden. Es ist erstaunlich, wie vergessen Hirschfeld in der Schweiz geblieben ist.

Genau hier setzt der Dokumentarfilm „Hirschfeld – Unbekannter Bekannter“ von Stina Werenfels und Samir an. Der Film ist kein effekthungriges Denkmal, sondern eine notwendige Korrektur. Er will nicht umhauen, sondern Erinnerung zurückholen – und zwingt einen dadurch, die Leerstelle im heutigen Schweizer Kulturverständnis selbst zu sehen. Das macht ihn so wichtig. Er erzählt nicht nur von einem Theatermann, sondern davon, was ein Theater in dunklen Zeiten sein kann: Schutzraum, Widerstandsort, moralische Infrastruktur. Die Parallelen zu tatsächlichen, polnischen oder ungarischen, Trump-amerikanischen oder zum Beispiel von der AfD in Sachsen-Anhalt angekündigten Kulturprogrammatiken sind teilweise erdrückend und machen den Film umso wichtiger. Sehr empfehlenswert.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es in Berlin an die Volksbühne, wo Fabian Hinrichs einen Monolog quasi im Angesicht des zu früh verstorbenen René Pollesch aufführt. Ein eigenständiges Andenken?

 

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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