„Mephisto“, Münchner Kammerspiele | „The DEvil wars Prada 2“ von David Frankel |
Wurmiger Wegbereiter
Double Feature 18/26
Das Berliner Theatertreffen ist immer ein Stelldichein der Szene, in dem sich insbesondere am Gastspiel-Premieren-Tag alle möglichen “Fachleute” eifrig zeigen. Dies geschieht mit allem Brimborium aus hochkritischen bis herablassenden Kommentaren über die Aufführung des Vortags, von einem nicht unbekannten und auch hochdekorierten Schauspieler in einer für das halbe Foyer hörbaren Lautstärke vorgebracht, anderen, leiseren und gehaltvolleren Debatten an anderer Stelle – und ein paar glücklichen “non-professional” Theater-Aficionados im Publikum, die den Online-Ticket-Warteraum überlisten konnten.
Dieses Jahr predigte Festspiel-Intendant Matthias Pees in seiner Eröffnungsrede „Gelassenheit“ – das Gegenmittel zum aufgebrachten Kulturkampf. Da ist etwas dran und könnte auch den laut eigenen Worten nicht-kulturkämpfen-wollenden Kulturstaatsminister inspirieren, doch dieser glänzte durch Abwesenheit. Ein warmer Empfang wäre ihm wohl nicht bereitet worden, so oder so ist diese Abwesenheit aber eigentlich ein Armutszeugnis – schließlich hat sich der Minister sein Bett mit vor allem handwerklich zu kritisierenden Alleingängen selbst bereitet, nun sollte er auch darin liegen. Es gibt nichts Gutes, außer man….
Main Feature
Klaus Manns Roman “Mephisto” erzählt die Karriere des Schauspielers Hendrik Höfgen: Vom Provinztheater-Aufsteiger avanciert er in Berlin, nach seinem Glanzauftritt als Mephisto im „Faust“ schließt er einen Pakt mit dem Teufel der Macht, dem “Minister”, mitsamt seiner untalentiert schnarrigen Schauspiel-Freundin. Höfgen wird zu einem Liebling des Nazi-Regimes und schließlich zum Intendanten ernannt – ein Erfolg um jeden Preis.
Manns Vorlage ist berühmt berüchtigt, weil sie Gustaf Gründgens, Manns Ex-Schwager, literarisch vorführt – und deshalb jahrzehntelang in der Bundesrepublik auf Drängen von Gründgens´ Ziehsohn verboten war. Noch 1936 auf Deutsch erschienen, wurde der Text in Westdeutschland erst 1980 gedruckt; umso wichtiger sind heute die Grundfragen, die „Mephisto“ aufwirft: Wo verläuft die Grenze zwischen künstlerischem Überleben und Mittäterschaft im Unrechtsstaat? Was ist generell die Rolle des Theaters in einer Gesellschaft? Kann sich Theater je von der Politik freimachen? Welche Grenzen hat die Kunstfreiheit? Wo beginnt das wegbereitende Mitläufertum? Und: ist es wirklich bereits 5 vor 1933?
Regisseurin Jette Steckel baut ihr Stück an den Münchner Kammerspielen – hier in Berlin als Theatertreffen-Gastspiel zu sehen – stringent auf einer neuen und hervorragenden Bühnenfassung von Emilia Heinrich und Johanna Höhmann auf. Der verstorbene Dramaturgen-Star Carl Hegemann hat wohl ebenfalls viel Einfluss genommen. Dazu verlagert sie das Geschehen konsequent ins Theater: In Steckels Inszenierung spielt jede Szene auf der Bühne – wir befinden uns praktisch hinter den Kulissen einer Probe. Dieser „Theater-im-Theater“-Ansatz lässt nichts privat wirken. Selbst Intimitäts-Szenen werden vom Bühnentechniker unterbrochen – jedes Möbelstück erweist sich als szenische Konstruktion. Beeindruckend einfach und effektvoll sind die blitzschnell veränderbaren Lichtstelen, die den Bühnenraum einmal großflächig, einmal intim und bedrängend wirken lassen. Aus dieser Distanz entsteht ein starkes Spiel mit der Maske hinter der Maske: Thomas Schmauser in der Titelrolle lebt sprichwörtlich jede Fassade des Opportunisten und Emporkömmlings Höfgen aus. In der Perspektive des Publikums wird klar, dass jede Figur immer auch eine Rolle spielt – und die Bühne zur ständig wechselnden Kulisse wird. Das hervorragende Ensemble nutzt diese Struktur für ein machtvolles Spiel mit Blicken, Wortwitz und kleinen Distanzierungseffekten.
Allen voran wie gesagt Thomas Schmauser als Hendrik Höfgen. Schmauser schlägt in dieser Rolle ein echtes Kapriolen-Infernale, das an Gründgens’ sich windende Art erinnert: Er lässt seinen Körper zittern, schreien und blitzschnell die Aura wechseln. Ein wurmiger Wegbereiter der Macht. Untermalt wird das Ganze hin und wieder von nervös zuckender Miles Davis-Musik, die sich Schmauser selbst in das Stück geholt hat. Das Ensemble folgt ihm mit großer Wucht: Jede Szene atmet die zu erzählende Geschichte und gleichzeitig durchdringende Aktualität, wenn die Frage mitschwingt, ob sich Theater (und wir Zuschauer) noch im tiefsten Ernst oder schon im Spott befinden.
Das Gastspiel im Deutschen Theater Berlin – ausgerechnet dort, wo auch das Romanfinale spielt – verleiht der Aufführung zusätzlichen und hochrelevanten Lokalkolorit. Warum hat das DT selbst nicht eine solche Produktion auf den Spielplan gesetzt? Der Abend ist zweifellos Theatertreffen-würdig, auch wenn sich zum Ende hin Längen einschleichen. Wie ein Kritiker witzelte, hätte am Ende gefühlt „viermal Schluss sein können, beim fünften Anlauf wird die ganze Sache nochmal wie für die Maus erklärt“. Tatsächlich zieht sich die Dramaturgie gegen Ende, bis sie schließlich sehr deutlich jeden Zusammenhang erklärt. In der Fülle der Inszenierung hätten wohl 20 bis 30 Minuten weniger dem Rhythmus gutgetan – aber das schmälert die handwerkliche Klasse der fast vierstündigen Inszenierung nicht. Auch die Kammerspiele-Intendantin kann mit einem schablonenhaften “Die AfD darf nicht gewinnen” – Ausruf bei der Entgegennahme des Theatertreffen-Preises den positiven Eindruck nicht mehr mindern.
Insgesamt ist Jette Steckels “Mephisto” ein packendes Stück über Anpassung und Verantwortung in Tyrannei, bei dem gerade der großartige Thomas Schmauser den Höfgen-Wurm zur Paradefigur macht.
Side Feature
Sequels? For Spring? Groundbreaking!
Zwanzig Jahre nach Meryl Streeps epochaler Rolle als teuflische und misogyn mobbende Miranda Priestley, die Königin der Modebranche, geht es in der Fortsetzung weniger um Laufstege als um den Tod des klassischen Journalismus. Ex-Assistentin Andy Sachs (Anne Hathaway) ist in ihrem neuen Leben als preisgekrönte Reporterin zwar gerade ausgezeichnet, aber auch gefeuert worden, als man ihr anbietet, als „Features Editor“ zurück zur berüchtigten “Runway” zu wechseln. Das einst üppig ausgestattete Modemagazin steht nun vor dem Ruin: Die Budgets sind geschrumpft, man distanziert sich heuchlerisch von ausbeuterischen Produktionsketten und jagt verzweifelt Klicks in einer unberechenbaren, von Teenagern dominierten Onlinewelt. Sogar Miranda Priestly muss sich dem steten Wandel beugen – sie hangelt sich nun an von ihr kaum über die Lippen zu bringenden „Body-Positivity“-Parolen entlang und wird von ihrer neuen Assistentin in korrekter Sprache getadelt.
Der Film bedient sich zwar seiner vertrauten Pointen, ohne dabei aber die Gegenwart zu scheuen: Print gilt fast nur noch als Nostalgieprojekt, stattdessen herrscht Content-Erzeugung, Klickmaximierung und seelenloser Tech-Glamour. In dieser Szenerie tritt der protzige Milliardär Benji Barnes auf (Justin Theroux), Emilys zynischer Verlobter – Streep verspottet den Musk/Bezos/Thiel-inspirierten Großkotz zwar augenzwinkernd als „such a moron”, ist ihm aber dennoch ausgeliefert.
Miranda bleibt zu Recht die kleine Teufelin des Films, erscheint zuletzt aber erstaunlich sympathisch. Sie wird zum Schluß nach einem Überraschungs-Coup fast eine Galionsfigur des Qualitätsjournalismus, neben ihrer Ex-Assistentin Andy.
Vor allem aber glänzt „Prada 2“ dadurch, dass er weiß, wovon er spricht. Das pompöse Mode-Kosmos-Geklimper wird zwar mit viel Schauwerten, gutem Soundtrack, aber auch mit einer Portion Selbstkritik serviert – das muss man für einen Film, der letztendlich auch Kasse machen muss, erstmal hinkriegen. So skizziert die Story ein glaubhaft dystopisches Medienpanorama. Wie sagt es Unsympath Benji Barnes: Man fühlt sich an Pompeji erinnert, als würde jeder Medienkonzern von einer vermeintlich reinigenden Lava aus Clickbait und Tech-Anbetung überrollt.
Obwohl noch reichlich bissige Sprüche fallen – Stichwort „starving goats on the parking lot of a methadone clinic in New Jersey“ – überrascht vor allem die Relevanz des Films. Es schwingt eine subtile Bitternis mit: Miranda, die einst gnadenlose Zynikerin, klammert sich am Ende an „das letzte Holzbrett neben der Titanic“ (so ungefähr ihre finale Metapher). So viel Medienkritik in einem Blockbuster-Film hätten wir nicht erwartet.
Also: Ruf sofort deinen Kino-Kartenagenten an und dann bestätige das Pre-Movie Dinner mit Demarchelier. That´s all.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es nach Luzern zu einer Aufführung der “Goldberg-Variationen” von J.S. Bach, die es so noch nicht gegeben hat. Und nach Berlin, wo sich eine Ausstellung endlich dem Erbe und der Zukunft des “Queer Cinema” widmet. Klangvolle Aussichten?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
