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„Goldberg-Variationen“, Lucerne Festival | Invention Queer Cinema, Deutsche Kinemathek |

30x durch die Nacht ins Meer

Double Feature 19/26

Geburtstage sind manchmal ein guter Zeitpunkt für Rückblick und Vorausschau. Ich habe freie Momente der letzten Wochen genutzt, ein paar Dinge zu notieren. Sozusagen “16 Erkenntnisse, geburtstäglich”:

Rituale wie eine Schifffahrt auf dem Zürisee sind wunderbar. Wenn dies das Alter ist, dann her damit! 

Sicher ist, dass nichts sicher ist. Und nicht einmal das ist sicher. Ringelnatz hat nicht recht. Bitte nicht. 

Die Angst vor der Angst verschwindet nicht durch eine Umarmung. Aber die ist ein guter Anfang.

Fülle ist gut, Dosis ist besser. Aber nicht immer. 

Nichts wiederholt sich exakt, aber der Kreis ist trotzdem die schönste Form.

Das American Songbook ersetzt mindestens zwei Therapiestunden: The difficult Í will do right now, the impossible will take a little while.

Koreanische Kosmetikprodukte bringen nichts und versauen bei Lieferung nur deinen CO2 Fußabdruck. 

Im Kino gewesen, geweint. Kafka hätte ein gutes Kinojahr gehabt.  

Lügen sind schützendes Serum, aber auch schädliches Gift.

Neulich im Podcast: Rejection is God´s protection. Wäre ja nicht schlecht. 

Lamentieren im Porsche ist unglaubwürdig, Ernsthaftigkeit in der Bierkneipe schon eher. 

Es stimmt, Johann Sebastian ist kein Bach, sondern ein Meer, in dem man versinken und aus dem man erfrischt wieder auftauchen kann.

Dass meine Worte andere bewegen, bewegt mich. 

Tunnel führen uns auf kürzestem Weg von hier nach dort, warum kommen sie uns dann manchmal nicht wie eine Abkürzung vor? 

Damit man sich nicht verliert, muss man sich regelmäßig festhalten. Benötigte Menge für das Rezept: 1 oder 2 Personen, je nach Situation. 

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Hier ist hier. Und Jetzt ist jetzt. 

Main Feature

Johann Sebastian Bachs “Goldberg-Variationen” sind ein zyklisches Klavierwerk aus dem Jahr 1741, aufgebaut aus einer Aria mit 30 darauf aufbauenden Variationen. Die Variationen sind nach Johann Gottlieb Goldberg benannt, einem jungen Cembalisten am Hof des Grafen Keyserlingk – wie Bach-Biograf Forkel erläutert, komponierte Bach das Werk für einen schläfrigen Diplomaten, den Goldberg mit seinen Klängen beruhigen sollte. Die Variationen springen  – weniger beruhigend, als vielmehr virtuos  – zwischen verschiedenen Stilen, die Intervalle sind streng aufeinander aufgebaut, es ist die strengste Struktur und das grösste musikalische Universum, das Bach eröffnet. Jedes Mal, wenn das Thema erklingt, eröffnet es einen neuen Farbenreichtum – ein organisches und epochales Klanggewebe, das man als zyklisches Klangmeer wahrgenommen werden kann.

Ólafur Elíasson ist ein isländisch-dänischer Konzept- und Installationskünstler, der mit immersiven Natur- und Lichtereignissen arbeitet. Typisch für Elíasson sind raumgreifende Arbeiten mit Licht, Wasser oder Nebel: So installierte er etwa im Jahr 2003/04 im Londoner Tate Modern eine riesige künstliche Sonne (The Weather Project), in Basel flutete er 2021 die Fondation Beyeler zu einem grünen Teich (Life). Elíasson verzichtet auf erklärende Texte – der betörende, unmittelbare Sinneseindruck steht im Vordergrund. Seine bekanntesten Werke verbinden raumgreifende Proportionen mit Naturphänomenen und verlangen vom Betrachter ein körperliches Erlebnis. Das ist ihm schon oft gelungen, wo es  den Anschein des allzu Ästhetischen vermied. 

In Meggen bei Luzern trafen diese Welten zusammen: Die Piuskirche (erbaut in den 1960er-Jahren) mit ihren farbig durchmarmorierten Wänden bildete die Bühne für ein multimediales Gesamtkunstwerk. Über drei Abende spielte Pianist Víkingur Ólafsson Bachs “Goldberg-Variationen”, live begleitet von Elíassons Lichtinstallation “The shadows of sounds and the unforeseeable shapes of love.”Das außergewöhnliche Konzept – ein Klavierkonzert als Lichtkollaboration – hob das neue Festival Pulse im Rahmen des Lucerne Festivals aus der Taufe. Ólafsson, der das Festival kuratiert, bezeichnete die durchscheinenden Marmortafeln der Kirche als „intimen Raum, perfekt für Bachs Musik und dieses neue Erlebnis“.

Mit Einbruch der Dunkelheit – auch im Inneren  – verwandelte sich die Kirche: Elíasson begann, die Marmorwände von außen anzustrahlen. Geometrische und fließende Muster schwebten und tanzten im Raum und warfen ein Licht- und Schattenspiel, das exakt auf Ólafssons Piano-Akzente und die Struktur der 30+2 Goldberg-Variationen abgestimmt war. Die Stille der Nacht steigerte die Erhabenheit des Beginns, wenn erst zaghaft ein Lichtschein die Dunkelheit durchbrach. Manche Projektionen fingen sensibel die Stimmung der Musik ein, andere wirkten etwas zu plakativ; manche Formen erinnerten an barocke Ornamentik, andere an abstrakte Wellen. Insgesamt aber schuf Eliasson ein immersives Gesamterlebnis – „wie ein optisches Echo“ zur Musik. Gegen Ende zog sich das Lichtspiel zusammen, und Ólafsson versenkte das Publikum endgültig in das „Bach-Meer“ der letzten Aria da Capo.

Es war ein besonderes Erlebnis, ein beinahe meditativer Nachthimmel aus Klang und Farbe – ein Tanz durch die Nacht ins Meer der Klänge und zurück. Bei draussen strömendem Regen. 

Side Feature

Die Ausstellung “Inventing Queer Cinema” in der Deutschen Kinemathek (im Zwischenquartier  E-Werk) bietet einen umfassenden Streifzug durch die deutsch-europäische Queer-Kinogeschichte. Sie verknüpft Film- und Mediensammlung: Im Zentrum stehen Filme und Filmschaffende, die seit den 1970er-Jahren das queere Kino geprägt haben. Anstelle eines chronologischen Zeitstrahls beleuchtet die Schau thematisch und multimedial, wie politischer Widerstand, Solidarität und kreative Innovation die Kinoszene formten. Bunte Collagen aus Filmstills, Zitaten und Alltagsdokumenten dominieren die schmale, hohe Haupthalle: Fast dreihundert hängende Tafeln lassen Zeitläufe verschwimmen, die Halle ist eindrucksvoll gestaltet. 

Zentrale Figuren treten dabei heraus. Rosa von Praunheim wird mit seiner legendären Arbeit Nicht der Homosexuelle ist pervers… (1971) gewürdigt – das multimediale Kammerspiel, das die Schwulenbewegung anheizte, erhält eine Sechskanal-Videoinstallation.

Gleich nebenan wird Manfred Salzgeber geehrt – der frühere Berlinale-Panorama-Leiter (und Teddy-Award-Urvater) gründete einen queeren Filmverleih. Die Ausstellung zeigt erstmals sehr Persönliches aus seinem Archiv: Originalprogramme, Fotos und Briefe, die das Engagement des Verleihs dokumentieren.

Ein ungewöhnliches Highlight ist die sogenannte Schatzkammer. Im alten Schaltwerk des E-Werks empfängt ein mächtiges, patiniertes Steuerpult den Besucher. Hier werden Film-Requisiten wie die Sonnenbrille aus Wieland Specks Westler oder Ottingers Spitzhörner aus Freak Orlando präsentiert, daneben Werbematerialien und persönliches Inventar aus Salzgebers Nachlass. In der Mitte hängt – wie ein Denkmal – Rosa von Praunheims knallgelber Anzug, mit dem er einst den Aids-Toten gedachte. Diese Kombination aus Industriedesign und Filmartefakten macht den Rückblick sinnlich erfahrbar.

Abgerundet wird Inventing Queer Cinema durch ein riesiges Begleitprogramm: 97 Filme sind im angeschlossenen Studiokino zu sehen, ergänzt von Diskussionen mit Filmschaffenden und Historikern. Nach jahrelanger Unterrepräsentation im Museum ist diese Ausstellung längst überfällig. Sie bringt ein vielfältiges filmisches Erbe in den Blick und lädt ein, die Ursprünge und Entwicklungen des queeren Kinos neu zu entdecken. Man darf hoffen, dass sie ein großes, abwechslungsreiches Publikum anzieht – und die Kinemathek auch als neuen Ankerpunkt für queere Kultur weithin bekannt macht.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es in die Staatsoper Berlin zu einer lange nicht gespielten Oper von Richard Strauss. Und nach Zürich ins Theater Neumarkt, das sich immer mehr als feste Grösse der Off-Szene etabliert. Festliche Entdeckungen?

 

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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