„Die schweigsame Frau“, Staatsoper Berlin | „Schwuler Lehrer!“, Theater Neumarkt Zürich |
Schweigen und Zeigen
Double Feature 20/26
Zwei Stücke, zwei Themen: Die einen üben das Schweigen, die anderen brechen daraus hervor. An der Staatsoper Berlin erklingt eine mir bis dahin unbekannte Oper von Richard Strauss. Parallel dazu beleuchtet das Theater Neumarkt Zürich einen realen Fall rund um Sexualität und Bildung – und stellt die Frage, wer heute den Mut hat, seine Stimme zu erheben. Beide Inszenierungen verhandeln auf sehr unterschiedliche Weise das Verhältnis von Schweigen und Wort, Einsamkeit und Solidarität – und zeigen eindrucksvoll, wie aus dem Schweigen die Kraft erwächst, für sich einzustehen.
Main Feature
Richard Strauss’ “Die schweigsame Frau” ist eine selten gespielte „komische Oper“ von 1935 mit Libretto von Stefan Zweig, damals bereits im Exil. Uraufgeführt in Dresden, sorgte sie schon damals für Aufruhr: Strauss kämpfte im NS-Deutschland für Zweigs Namensnennung, sodass die Nazis die Aufführung bereits nach drei Abenden absetzen ließen. Erst 2025 betritt das Werk erstmals die Bühne der Berliner Staatsoper. Strauss – damals Ehrenkapellmeister Unter den Linden und Chef der Reichsmusikkammer – hatte mit dem exilierten Schriftsteller Zweig seinen „perfekten Nachfolger“ von Hofmannsthal gefunden.
In der Geschichte selbst wird Kapitän Morosus’ Wunsch nach einer geräuschlosen Ehe ironisch verhallt: Der Alte, ohnehin von Hörapparat und potentieller Ehefrau überfordert, wird zum Ziel eines Hochzeitstricks, der ihm eine „stille Frau“ vorspielt. Regisseur Jan Philipp Gloger verlegt Morosus als schrulligen alten Admiral ins heutige Berlin und verleiht der Handlung moderne Akzente: So tritt Morosus in einer eleganten Berliner Altbauwohnung auf, deren Schlafzimmer, Salon, Diele und Bibliothek in einer Räume-Flucht angelegt sind (Bühne: Ben Baur). Dieses opulente, detailreiche Bühnenbild passt präzise zum Stück: Die Handlung spielt sich komprimiert in diesen Räumen ab, ein «Kasten auf der Bühne», in dem das hektische Buffo-Geschehen tobt. Gloger unterlegt Morosus’ Marotte mit melancholischen Tönen: Zeitungszitate über Einsamkeit im Alter werden auf die Kulisse projiziert, so dass sich aus komischem Gemecker tiefere Einsamkeitsgefühle erkennen lassen.
Das Ensemble singt nicht nur, sondern spielt auch vorzüglich: Vor allem Peter Rose ist als Morosus kein tatternder Brummbär, sondern ein wortgewandter Grantler, der seinen bizarren Wunsch mit warmherzigem Humor vorträgt. Dass alle Rollen bis in die Nebenpartien „typengerecht“ besetzt sind, ist das Verdienst der inspirierenden Schauspielerführung.
Auch musikalisch überzeugt der Abend voll und ganz: Christian Thielemann dirigiert “sein” neues Orchester meisterhaft. Er ist mit Strauss „vertraut wie kein Zweiter“. So klingt die Ouvertüre einladend-kontrovers, das große Orchester spielt oft kammermusikalisch zart und federleicht, man denkt an Mozart oder Rossini. Nur zu dramaturgisch entscheidenden Momenten fährt die Musik auf: Der Beginn der Verwandlung der Schweigsamen in die Herrschsüchtige explodiert in Dissonanzen von Elektra’scher Wucht. Diese fein austarierten Tempi erlauben klare Übergänge zwischen gesprochenen Dialogen und Musik. Es ist ein Libretto von höchster Qualität, unter anderem auch komisch, wie selten eins, das ich erlebt habe. Hätte Zweig doch die Chance bekommen, davon mehr zu schreiben…
Am Schluss findet selbst der verschmähte Morosus versöhnliche Worte: „Wie schön ist doch die Musik“, singt er – ein Gefühl, das das Premierenpublikum sichtlich teilt, “wenn sie vorüber ist”, wird dann nachgeschoben. Strauss’ üppig-kostbare Partitur, „beseelt“ und „farbenreich“, wird hier bis ins Detail ausgelotet. Thielemanns fesselnde, nuancierte Einstudierung macht den Abend zu einem echten Entdeckungserlebnis: ein musikalischer Hochgenuss und ein besonderes Ereignis an der Staatsoper.
Side Feature
Das Theater Neumarkt in Zürich gilt – seit seiner Gründung 1966 als städtisches Schauspielhaus – als Forum für Neues und Politisches. Es hat eine Geschichte als Ensembletheater, in dem gesellschaftliche Brüche auf die Bühne gehören. Die aktuelle künstlerische Leitung plant eine noch frischere Ausrichtung: So will der neue Intendant Mathieu Bertholet, Anfang 2025 aus Genf kommend, „ein avantgardistisches Theater [bieten], das verbindet“.
In diesem Geist entstand “Schwuler Lehrer!” (Text: J. Reichert, P. Baumgartner, K. Klötzli; Regie: P. Baumgartner). Es basiert auf einem wahren Fall im Zürcher Oberland: Ein engagierter und schwuler Primarlehrer wird nach seinem Sexualkunde-Unterricht durch Druck konservativer Eltern zwangsweise entlassen. Die Schule will den vermeintlichen Konflikt schlichten und setzt den Mann vor die Tür – grundlos, wie sich später zeigt. Als Reaktion solidarisieren sich andere Eltern und Schüler; eine kleine Pride-Parade formiert sich durch das Dorf. Das Programmheft nennt das Stück eine „Lehrstück in Zeiten des Shitstorms“.
Baumgartner nähert sich dem Sujet persönlich und dokumentarisch: Er befragte den Betroffenen ausgiebig und lässt dessen Perspektive direkt auf der Bühne sprechen. So entsteht ein unmittelbares Theaterereignis, das mit vier Schauspielern und engem Raum den Druck eines modernen Skandals spürbar macht. In einem Interview fasst der Regisseur zusammen: „Wir zeigen einen sehr persönlichen Einblick in die Perspektive des betroffenen Lehrers… Wir zeigen die Entwicklung eines Skandals in all seiner Brutalität und Absurdität und landen bei gesellschaftlichen Fragen. Denn wer entscheidet eigentlich, was Kindern gelehrt wird?“.
Das Resultat ist ein beeindruckend dichtes Stück. Die Aufführungen sind ausverkauft. Fernab moralischer Vorwürfe entsteht so ein fesselndes Lehrstück über Ausgrenzung und Solidarität. Mit dieser Produktion zeigt das Neumarkt einmal mehr seinen Anspruch, brisante Gegenwartsthemen aufzugreifen und das Ensemble zu fordern.
Next Feature
In den nächsten beiden Double Features heisst es “London Calling”. Aus der Stadt an der Themse werde ich von Ausstellungen, Theater-Performances, gastronomischen und sonstigen Entdeckungen berichten. Brilliant? Wie gesagt:
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
