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„Winterreise“, Staatsballett Berlin | „Kontakthof – Echoes of ´78“, Pina Bausch Tanztheater | Annabelle´s Choice

Täglich Einen Kuss

Double Feature 21/25

Eva, die körperlich etwas größere Hälfte des legendären Performance-Duos EVA & ADELE, ist am 21. Mai 2025 in der gemeinsamen Berliner Wohnung gestorben; Adele war bis zuletzt an ihrer Seite. „Sie hat die ewige Bühne betreten“, sagt ihre Partnerin, nachdem Eva nach einer Lendenwirbel-OP die Kraft verließ.

Seit 1991 wandelten die beiden als „lebendes Gesamtkunstwerk“ durch Biennalen, Messen und Vernissagen, stets mit kahl rasierten Köpfen und synchron schrillen Kostümen – eine nicht endende Performance, die längst mindestens zur Berliner Kunstgeschichte gehört.

Adele will das Vermächtnis fortführen: Zuerst möchte sie eine Serie von 201 Leinwänden vollenden – Evas letzter Wunsch – und später eine Stiftung für das gemeinsame Werk gründen.

Für mich hinterlässt ihr Tod eine leuchtende Lücke. Ich bin den beiden oft auf Ausstellungen begegnet; ihr synchrones Lächeln und die funkelnden Roben verwandelten jeden Empfang in ein kleines Spektakel. Auf Social Media erschien mitunter nur ein schlichtes Herz-Icon von „evaandadele“ unter meinen Posts – ein stilles, liebevolles Zeichen ihrer Aufmerksamkeit, das jetzt noch kostbarer wirkt.

Um das Betreten neuer Räume und „die ewige Bühne“ geht es in der heutigen Ausgabe, tänzerisch. Und einen praktischen Beziehungs-Tipp gibt es auch…

Main Feature

“Winterreise” im Mai, jedenfalls mit dem Staatsballett Berlin. Das macht vielleicht trotzdem Sinn, wird doch bereits im ersten Lied des von Schubert vertonten Gedichtszyklus vom “gewogenen Mai” gesprochen, der dem fremd ein- und wieder ausgezogenen Wanderer so manchen Blumenstrauss bedachte. Auf der Bühne der Staatsoper Berlin aber herrscht Eiseskälte, ein Gefrierhaus mit Neonlampen. Es erklingt die absolut beeindruckende Bearbeitung des Liedzyklus von Hans Zender. Zersplittert, teilweise dissonant gebrochen, auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt wirkt die Musik, erinnert  – von der Staatskappelle nuancenreich dargeboten und auch live gesungen – teilweise an eine Varieté-Aufführung von Kurt Weill. Für mich eine beeindruckende Entdeckung… Liebesverlust, Einsamkeit, winterliche Wanderung, Verzweiflung, Todessehnsucht, Heimatlosigkeit – die “Winterreise” ist ein romantischer und unvergleichbar getexteter Themenschatz für die nach neuen Räumen Suchenden.

In vielen beeindruckenden Tableaus von “50 shades of grey” führt Intendant und hier auch Choreograph Christian Spuck das bestens aufgelegte, präzise und kraftvolle TänzerInnen-Ensemble. Die Musik und der Text werden aber nur partiell illustriert oder Liedtexte in choreographische Sprache übersetzt. Es herrscht viel Abstraktion, zu Posen verdrehte Arme und Beine, düsteres Ornament. Dies wird noch gesteigert, wenn Utensilien wie geschulterte Reisigballen auf Stelzen hereingetragen, aus dem Text recht naheliegend ableitbare Krähenfiguren herein- und bedächtig/bedeutsam herumgeführt werden.

So liefert der Tanz keine weitere, einnehmende Ebene oder öffnet einen zusätzlichen, direkteren Zugang zu Musik und Text. Das irritiert und ernüchtert nach einer Weile, am Ende aber sind die Figuren und Bilder an sich, die Präzision und Energie des fast in Gänze auftretenden Ensembles mehr als Kompensation für einen sehenswerten Abend. Einer, der zwar choreographisch hinter Produktionen des letzten Jahres zurückfällt, aber dennoch weiterhin die wiedergewonnene Meisterschaft des Staatsballetts unterstreicht.

Dies ist umso wichtiger, als das Nachrichten vom einstigen Fixstern des deutschen Ballett-Himmels in Hamburg leider alles andere als ermutigend sind….Wir betreten also an diesem Abend weniger wahrhaft neue Räume, als sich in den gewohnten Wänden chic und stylish einzurichten.

Das ist bei einer im Rahmen des Berliner Theatertreffen gezeigten Produktion des Pina Bausch Tanztheaters gänzlich anders:

„Kontakthof – Echoes of ’78“ beginnt, noch ehe sich ein einziger Schritt hebt, mit einem stillen Moment: Wir blicken in einen Nachbau des verlassenen Wuppertaler Kino Lichtburg, jenes legendäre 1950er‐Lichtspielhaus, das Pina Bauschs Kompanie Jahrzehnte als Probenraum diente. Abgeplatzter Stuck, ein paar Stuhlreihen, davor – später dahinter – eine Gazewand als Projektionsfläche – mehr Ausstattung gönnt sich Meryl Tankard, ehemalige Tänzerin der Uraufführung und Regisseurin der Produktion, nicht. Gerade diese asketische Rahmung lenkt den Blick unbarmherzig auf das, worum es Bausch immer ging: die Körper – und das ganze pralle, zerbrechliche Leben, das sie in sich tragen.

Thematisch gleicht das Stück einer leuchtenden Feldstudie zur menschlichen Kontaktaufnahme: Balzrituale, Machtspiele, Zärtlichkeiten und Zurückweisungen werden seziert wie unter einem Vergrößerungsglas. Neun Tänzer*innen Mitte siebzig betreten nacheinander die Rampe, präsentieren ihre Körper, prüfen ihr Lächeln, rücken den Anzug, das Abendkleid zurecht – dieselbe Parade, mit der sie schon 1978 das Publikum herausforderten. Doch nun laufen gleichzeitig Schwarz-Weiß-Aufnahmen ihres jungen Selbst über die Leinwand: ein doppelbelichtetes Gipfeltreffen von Vergangenheit und Gegenwart.

Die Schlichtheit der Bühne wird dabei zum Resonanzkasten: Ein leerer Kinosaal, ein halbes Dutzend Stühle, dezente Lichtwechsel – und doch fächert sich ein ganzes Weltpanorama von Begehren und Melancholie auf. Die historische Filmspur stammt von Bühnenbilder und Bauschs Partner Rolf Borziks Probemitschnitten; Tankard hat sie behutsam gestrafft, ohne Bauschs Choreografie anzutasten. Sobald Live-Körper und Leinwand-Doppel sich synchronisieren, leuchtet für einen Moment reine Zeitlosigkeit auf. Zerfällt die Deckung, entsteht eine fragile Schönheit aus Stolpern, Vergleichen, Unvollständigkeit: Wie viel Biografie steckt in einer erhobenen Schulter? Wie sehr wiegt eine verlorene Drehung?

Gerade diese permanenten Dialoge mit dem jüngeren Ich verleihen dem Abend seinen berührenden Takt. Wenn zum Beispiel Elisabeth Clarke den Arm nach einem Partner ausstreckt, der heute nur noch als Geisterbild existiert, zieht ein leiser Stich durch den Saal. Die Lücke wird sichtbar, ohne dass der Gestus an Würde verliert. Altern erscheint hier traurig, melancholisch, aber auch als Akt der Veredelung: Jeder Faltenwurf im Kostüm, jeder Hauch von Atemlosigkeit schreibt eine zusätzliche Bedeutungsschicht in das alte Bewegungsmaterial. Tankard feiert diesen Mehrklang, anstatt ihn zu glätten; so erhält Bauschs Pionierarbeit eine Gegenwart, die weit über nostalgisches Gedenken hinausgeht.

Der Abend zeigt aus heutiger Sicht sehr binäre und durch so manche Diskussion über Geschlechter und -verhältnisse überholt scheinende Umgangs- und Behandlungsformen. Pina Bausch hat diese im Tanz von 1978 drastisch thematisiert, in 2025 stellt der Abend einfach einen gealterten Tänzerinnen-Körper in Ergänzung dazu, der beobachtet und dann die Bühne verlässt – ein kluger Kontrast.

Trotz aller Wehmut pulsiert also ein frischer Lebensfunke. Wenn die Ensemble-Senior*innen im Hüftkreisen konkurrieren, brandet Gelächter auf – unterlegt von Tangos und Schmachtwalzern der Dreißiger, die Bausch einst wählte, um Liebesversprechen und körperliche Kontrolle in dieselbe Tanzfigur zu pressen. In der Lichtburg klingen die Melodien nun doppelt ironisch: Sie erinnern an Jugendträume und übersetzen sie zugleich in eine reife Gelassenheit, die nichts mehr beweisen muss. “Frühling und Sonnenschein, soll für mich Deine Liebe sein…”

Am Ende springt das Publikum förmlich aus den Sitzen – und wir ebenso. Nicht allein, weil hier Tanzgeschichte lebt, sondern weil Tankard sichtbar macht, was uns alle verbindet: das fortwährende, stolze Aushandeln unseres “Selbst” im Rhythmus der Zeit. „Kontakthof – Echoes of ’78“ ist eine hymnische Liebeserklärung an die Einfachheit der Mittel, an die Melancholie des Gelebten und an die unerschöpfliche Menschlichkeit des Älterwerdens – ein Abend, der sehr froh macht, gerade weil er sanft an unsere Vergänglichkeit rührt.

Und wenn das älteste Ensemblemitglied Lutz Förster in einer kurzen Vorstellungsrunde des Ensembles – etwa in der Mitte des Abends – gesteht, dass er sich noch immer vornimmt, seinem Partner mindestens einmal am Tag einen Kuss zu geben, dann gesellt sich zu Freude und Rührung auch noch ein praktischer Beziehungs-Hinweis.

Side Feature

Es ist auch Biennale, wenn nicht Biennale ist oder: die Kunstwelt dreht sich schon lange nicht mehr ausschließlich um Venedig. Nachdem dort der unerwartete Tod der für 2026 bestellten Kuratorin Koyo Kouoh verkraftet werden muss und ihre Co-KuratorInnen nun das Konzept weiter ausdeuten und -detaillieren müssen, bereiten sich andere Städte auf “ihre Biennalen” vor. Ein besonderes Augenmerk gilt dabei Istanbul, wo die dortige Biennale wohl aus strategischen Gründen von 2024 nach 2025 verschoben wurde und zudem die Kunstmesse Contemporary Istanbul zum 20. Mal stattfindet.

Eine klug zusammengestellte und mit viel Leidenschaft organisierte Tour dorthin bietet “Annabelle´s Choice”, eine kleine, aber feine Agentur für Art Events/Guided Tours/Travel in Berlin, Deutschland, Europa and beyond. Istanbul: Von passender Hotel-Übernachtung bis zur zusätzlichen und exklusiven Führung durch Privatsammlungen. Istanbul-Interesse? Dann direkt eine email an Annabelle von Oeynhausen senden, die sehr gerne über weitere Details informiert: a.oeynhausen21@gmail.com.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es nach Hamburg – dort steht die Ausnahmeschauspielerin Lina Beckmann als eine “Abweichlerin” auf der Bühne des Schauspielhaus. Das Stück erzählt von einer Frau, die sich gegen gesellschaftliche Erwartungen stellt und ihre eigene Wahrheit sucht. Erfolgreich?

Ich werde berichten…

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