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DF 21-26
V&A East Storehouse & V&A East Museum | „QE II – Her life in Style“, King´s Gallery London | Serpentine Gallery | White Cube Gallery | 

London Calling, pt.2 

Double Feature 23/26

Es geht weiter mit Erlebnissen aus London, diesmal rund um das Thema “Erinnern und Bewahren”.

Main Feature

Das V&A East Storehouse ist eines der überzeugendsten neuen Museumskonzepte der letzten Jahre, weil es das Archiv nicht als Rückraum behandelt, sondern als Hauptfigur. Offiziell ist es ein „world first in size and scale“: über eine halbe Million Werke, vier Ebenen, größer als 30 Basketballfelder, untergebracht in einem umgebauten Teil des früheren London-2012-Medienzentrums im Queen Elizabeth Olympic Park.

Zentral ist die Weston Collections Hall, die sich über drei Ebenen zieht und in deren Regalseiten und -enden mehr als 100 kleine kuratierte Displays „gehackt“ wurden. Statt andächtiger Verhüllung gibt es hier eine radikale Offenheit, inklusive Frank Lloyd Wrights Kaufmann Office, der Frankfurter Küche, einem zweistöckigen Fragment von Robin Hood Gardens und einem prachtvollen vergoldeten Holzplafond aus dem 15. Jahrhundert. Das Großartige daran ist nicht nur die Menge, sondern die Haltung: Man darf sehr nah heran, und mit dem allen zugänglichen “Order an Object” Service sogar vorab Objekte auswählen und im Haus aus nächster Nähe gezeigt bekommen.

Genau das wussten wir zu nutzen: Der David Bowie Centre-Bereich zeigt 200 kuratierte Stücke aus einem Archiv von rund 90.000 Objekten; darüber hinaus erlaubt der Dienst Eins-zu-eins-Begegnungen mit dem Material. Ganz alleine Ziggy Stardust-Kostüme ausbreiten und betasten zu können oder das Kostüm aus Bowies letztem Video “Lazarus” in den Händen zu halten, ist tatsächlich bewegend und in dieser Zugänglichkeit nahezu einzigartig. Look up here, I´m in heaven – wie es in Bowies final song heisst. 

Nur einen kurzen Spaziergang entfernt ergänzt das neu eröffnete V&A East Museum dieses Konzept architektonisch und institutionell. Der fünfgeschossige Bau sitzt als markante, gefaltete, sandfarbene Hülle im East-Bank-Ensemble; seine individuell geformten Betonpaneele spielen mit Licht, Schattierung und einer Art Eleganz. Im Inneren entfaltet “Why We Make” auf zwei Ebenen und in zehn Themenfeldern mehr als 500 Objekte aus Kunst, Architektur, Design, Performance und Mode. Das Prinzip der Ausstellung ist klug: keine lineare Kanonstrecke, sondern thematische Konstellationen zu Repräsentation, Identität, Wohlbefinden, sozialer Gerechtigkeit und Umwelt. Als Überblick ist das schön und an vielen Stellen anregend, manchmal auch leicht beliebig, weil die Offenheit der Methode zwangsläufig Unschärfen produziert. Aber genau darin liegt auch ihre demokratische Geste. Wird sie langlebig genug sein, dieses Haus zu einer Attraktion zu machen? Wie das gesamte V&A ist auch dieses Haus frei zugänglich, und in Zeiten, in denen kulturelle Teilhabe gerne beschworen, aber seltener finanziert wird, ist das mehr als Service – es ist ein Statement.

Vom Londoner Osten zum Buckingham Palace, in die King’s Gallery zu “Queen Elizabeth II: Her Life in Style”. Diese Ausstellung ist größer, klüger und berührender, als man bei einem royalen Modethema zunächst vermuten könnte. Sie umfasst mehr als 300 Objekte und Kleidungsstücke aus allen zehn Lebensdekaden der Queen, viele davon erstmals öffentlich zu sehen, und ist laut Royal Collection Trust die größte und umfassendste Modeschau, die ihrer Garderobe jemals gewidmet wurde.

Gezeigt werden nicht nur die großen sakralen Brocken – Taufrobe, Brautkleid, Krönungskleid –, sondern auch Hüte, Tücher, Schuhe, Schmuck, Entwurfsskizzen, Stoffproben und Korrespondenzen, also genau jene Dinge, aus denen Stil als Arbeit und als System sichtbar wird. Der stärkste Raum ist jener mit den regenbogenhellen Tagesensembles, dieser fast absurd perfekten Choreografie aus Pink, Lila, Rot, Himmelblau und Grün, zu der die Hüte wie Meereswesen, Marshmallows an Fäden oder kleine futuristische Satelliten schweben. Man verlässt die Schau mit dem überraschend eindeutigen Gedanken: Ja, am Ende war sie tatsächlich eine Stilikone, diese Elsbeth. Nicht modisch im trendigen Sinn, sondern im machtvoll kommunikativen.

Und dann natürlich der Shop, dieser kommerzielle Nachhallraum. Zur Ausstellung gibt es Buch, Lipstick Case, Handbag Decoration und Hat Charm; daneben läuft die Centenary-Linie mit Porzellan, und aus dem restlichen Sortiment grinst einem sogar der Buckingham-Palace-Gin-and-Tonic in der Dose entgegen. Das alles ist zugleich komisch und folgerichtig: Wenn die Monarchie überlebt, dann mindestens  als maximal ausdifferenzierte Retail-Maschine. Besonders hübsch und komisch unerquicklich wird es dort, wo schon jetzt ein King Charles-Band aus Anlass von Thronwechsel und Krönung von 19,95 auf 10 Pfund reduziert wurde. Selbst im Palast ist das Haltbarkeitsfenster des Neuen offenbar kurz.

Side Feature

Zum Schluss noch einmal Farbe, diesmal ohne Krone, ohne Traumaerzählung, ohne Vampirplasma: Zunächst der in dieser Woche verstorbene David Hockney, der britische Großmeister der zuversichtlichen Farbe, des Pop und des guten Lebensgefühls. In der Serpentine Gallery und in angenehmer Kühle zeigt er meterlange Panoramen seiner Zeit in der Normandie. Farborgien in Frische und altersweiser Naivität, präsentiert in einem abgedunkelten Raum, die dafür umso mehr “poppen”.

Und dann: Katharina Grosse in der White Cube Bermondsey. Die Ausstellung “I Set Out, I Walked Fast” bringt neue und archivierte Arbeiten sowie eine große In-situ-Installation zusammen und ist die erste große UK-Schau, die die Breite von Grosses Malereidenken in dieser Konsequenz zeigt. In der North Gallery türmen sich Erde, teilweise versunkene Leinwand und bronzene Form zu einem einzigen Farbkörper; in den anderen Räumen hängen neue, in Neuseeland entstandene Bilder und die großen, panoramischen „landscapes“ aus dem Archiv, von denen einige zuvor nie gezeigt wurden. Gerade diese großformatigen Arbeiten tragen den Besuch: Sie machen sichtbar, warum Grosse aus Berlin heraus so selbstverständlich weltläufig geworden ist. Ihre Farbe beschreibt nichts, sie passiert. Die White Cube Bermondsey selbst, eine 2011 eröffnete, umgebaute Lagerhalle mit über 5.440 Quadratmetern Innenraum, ist dafür der ideale Resonanzraum: groß genug, dass die Bilder Luft bekommen, kühl genug, dass die Pigmente fast körperlich werden.

Und draußen dann die Bermondsey Street: ein Stück Süd-London, das seine Geschichte noch in den Fassaden trägt, weil weite Teile als Conservation Area bewahrt wurden, zugleich aber längst aus Galerien, Restaurants, Cafés und lokalen Geschäften eine sehr eigene Gegenwart gebaut hat. An einem Sonntag Nachmittag liegt hier diese seltene Londoner Mischung aus Betriebsamkeit und Lässigkeit in der Luft – man kann essen, trinken, schauen, kurz in einen Laden kippen und dann wieder weitergehen, ohne dass der Bezirk je touristisch geschniegelt wirkt. Hier könnte “Notting Hill – The Sequel” gedreht werden, aber lieber nicht, damit die Gentrifizierung nicht allzu schnell voranschreitet. Wenn Wohnen in London, dann wäre dies tatsächlich ein Kandidat. Aber das ist, wie man so schön sagt, ein anderes Blatt.

Für jetzt reicht: London called, we came, and we will be back. Und zwar ganz sicher, my love.

Next Feature

Im nächsten Double Feature berichte ich von der Art Basel und von der Frage, ob wir im All wirklich alleine sind. Alleinstellungsmerkmal?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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