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„Die Abweichlerin“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg | Julian Rosefeldt, C/O Berlin

26 Grad, Und Es Wird Nicht Heisser 

Double Feature 22/25

Filmregisseur Jim Jarmuschs Zitat „Es gibt keine Regeln, nichts ist original … Stehlt von allem, was eure Phantasie befeuert“ stammt aus einem Interview von 2004. Darin fordert er KünstlerInnen auf, sich frei von der Illusion der Originalität zu machen und stattdessen bewusst Inspiration aus vielfältigen Quellen zu schöpfen .

Kreativität entsteht nicht im Vakuum, sondern durch das bewusste Aufgreifen und Transformieren bestehender Ideen. Authentizität entsteht durch die persönliche Verarbeitung dieser Einflüsse, nicht durch das Streben nach vermeintlicher Originalität.

Ich finde dies nach wie vor einen inspirierenden, beruhigenden und auch anspornenden Gedanken. Dennoch habe ich natürlich Ehrfurcht, wenn ich an Werke von da Vinci, Caravaggio, Bosch, Bach, Shakespeare oder oder denke –  aber eine Orientierung im Wahrnehmen von „all´ den Anderen“, dies gibt mir das besagte Zitat auf jeden Fall. Um Originalität wird es am Ende dieser Ausgabe nochmals gehen, zunächst aber wird es zärtlich psychotisch – und sommerlich stürmisch.

Main Feature

Vor dem Besuch des Schauspielhaus in Hamburg erschütterte ein kurzer, aber heftiger Regensturm den Platz davor. Wind, Regen, plötzlich fallende Temperatur, Sommersturm, das passte zum heutigen Stück.

Die Dänin Tove Ditlevsen war keine Autorin, die sich in Ironie rettete. Ihre Sprache war schnörkellos, eindringlich – manchmal brutal. Ihre Romane, besonders Vilhelms Zimmer, aus dem die Regisseurin Karin Henkel für das Deutsche Schauspielhaus in ihrem Stück “Die Abweichlerin” schöpft, lesen sich wie geöffnete Seelenprotokolle, als habe jemand eine emotional und intellektuell hochgerüstete Black Box nach einem Absturz gefunden. Häufig schrieb sie ihre Texte in  – so das Wort – Nervenheilanstalten, in denen sie sich von Psychosen und Traumatisierungen erholen wollte und musste. Es waren Orte, in denen ihre Gedanken und Gefühle klar flossen. Ditlevsen, geboren 1917 in Kopenhagen, wusste um das Gefängnis der Ehe, der Konventionen, der Erwartungen – und um das noch größere Gefängnis im eigenen Kopf. Sie war viermal verheiratet, morphiumsüchtig, psychisch krank, und schrieb mit messerscharfer Klarheit über das, was sie innerlich zersetzte.

„Ich war nicht geschaffen für das Leben. Ich wollte nur schreiben,“ sagt die Hauptfigur in Henkels Inszenierung, es ist einerseits die Romanfigur Lise, aber auch die Autorin Tove. Übereinstimmungen sind beabsichtigt, das wird von Anfang an klar. Es ist, als spreche Ditlevsen aus dem Grab. Denn das Stück beginnt mit dem Selbstmordversuch von Lise/Tove – im Wald, mit Tabletten, aber noch rechtzeitig gefunden. Ihre Körpertemperatur hatte sich zwar bereits auf 26 Grad erniedrigt, aber ein Überleben war möglich, ein mentales Wieder-Erwärmen wohl nicht: 26 Grad, und es wird nicht heißer. Das Leben und Schreiben stehen sich in Ditlevsens Werk nicht gegenüber – sie bedingen sich. Der Preis des Schreibens aber ist hoch: Isolation, Wahnsinn, Entfremdung. Doch das Nichtschreiben ist schlimmer.

Karin Henkel hat mit ihrer grossen Erfahrung für diese seelische Gratwanderung keinen naturalistischen Schutzraum geschaffen. Die Bühne ist vielmehr ein beeindruckender DENKraum, drei Raum-Zellen nebeneinander, die nach vorne und hinten fahren können. Seitlich angelegt sind Klappen und Tonband-Aufnahmegeräte, die unterlegen, wie Tove versucht, die Geschichte zusammenzubauen, die ihr Leben und das ihrer Romanfigur ist und war. Wenn ihr am Anfang das Manuskript auseinander- und auf den Boden fällt, dann ist das sinnbildlich für die assoziativ und teilweise bewusst lückenhaften Schilderungen. Mit scharfem Auge für die Fallhöhen psychischer Zustände und einem ausgeprägten Sinn für strukturelle Klarheit entwirft Henkel eine kalte, fragmentierte Welt, in der sich die Figuren  – eins ihrer typischen Markenzeichen – spiegeln und verdoppeln.

Und mittendrin: Lina Beckmann. Was sie hier leistet, ist keine Darstellung – es ist eine großherzige, eine trotzige, eine teilweise tief ergreifende Erschütterung. Beckmann, die seit Jahren zu den stärksten Bühnenakteurinnen des Landes zählt, spielt nicht Tove Ditlevsen. Sie wird schlicht zum Brennpunkt all ihrer inneren Spaltungen. Sie spricht leise, dann eruptiv. Sie tänzelt, taumelt, wütet. Ihr Spiel ist körperlich, emotional, intellektuell – eine durchlässige Hülle für Schmerz, für Komik (ja, auch das kann sie), für Verzweiflung und Trotz. Beckmann findet das Groteske im Normalen und das Poetische im Verstörten. Ihre Figur zerfällt nicht an der Krankheit – sie stemmt sich gegen sie und bittet uns, sie zu verstehen und zu akzeptieren. Sollen wir doch die Welt retten, sie konnte es nicht, so sagt sie es am Ende.

Henkel setzt Beckmann nicht allein in Szene. Sie lässt sie von mehreren Stimmen begleiten – Chorfiguren, Schatten, Bruchstücke von Personen, die Ditlevsens Leben bevölkerten, dargestellt als Karikaturen mit Masken und überzeichneten Kostümen. Doch Beckmann bleibt das Zentrum, das alles zusammenhält – der Abend ist schon wegen ihr ein Erlebnis.

Die Ausstattung (ein kantiger Glaskasten, schwebende Türen, verschiebbare Raumelemente) tut ihr Übriges: Die Welt dieser „Abweichlerin“ ist nicht gebaut, sie ist geschichtet und teilweise unscharf und verpixelt. Übereinander, gegeneinander, durchdrungen von Stimmen und Bildern, die nicht immer unterscheidbar sind – Realität, Wahn, Erinnerung? Alles verschwimmt.

Wenn am Ende der Satz fällt – „Es gibt mehr Grund zur Trauer über mein Leben als über meinen Tod.“ – dann klingt das nicht nach Pathos. Es klingt nach Bilanz, aber auch sanftem Verständnis, nach einem Leben, das kein Ort war, sondern eine Zumutung. Und es bleibt eine Frage zurück: Wie dürfen, wollen, können wir „abweichen“? Und was passiert, wenn es getan ist? Tove Ditlevsen hat sich am 9. März 1976 endgültig das Leben genommen.

Karin Henkel gibt keine Antwort. Aber sie zeigt, wie die Welt auf eine Frau reagiert, die sich weigert, ihre Risse zu kitten oder es einfach nicht kann – und wie eine Schauspielerin wie Lina Beckmann daraus ein Ereignis macht, das einem noch lange unter der – bei normaler Körpertemperatur gewärmten –  Haut bleibt, mit einer verwirrenden Mischung aus Trauer, Trost, Hoffnung und Sanftmut.

Der kurze Weg vom Schauspielhaus zum Berlin-Zug-Gleis war wieder bei trockenem Wetter, leicht bewölktem, hellem Himmel und gestiegener Temperatur möglich.

Side Feature

Julian Rosefeldt, 1965 in München geboren, zählt zu den bedeutendsten deutschen Medienkünstlern. Seine Werke bewegen sich zwischen narrativem Film und komplexer Filminstallation. Mit der sehenswerten Ausstellung „Nothing is Original“ in der C/O Berlin erhält sein Schaffen nun eine umfassende Retrospektive.

Die Ausstellung präsentiert Arbeiten aus den letzten drei Jahrzehnten und gibt erstmals Einblicke in Rosefeldts kreativen Prozess. Neben bekannten Installationen wie dem inzwischen fast legendären „Manifesto“ mit Cate Blanchett oder „American Night“ werden auch bisher unveröffentlichte Storyboards, Skizzen und Set-Fotografien gezeigt. Ein zentrales Thema ist die Dekonstruktion medialer Mythen und Stereotypen. So reflektiert Rosefeldt in „Meine Heimat ist ein düsteres, wolkenverhangenes Land“ die ideologische Aufladung des Heimatbegriffs und die Spuren der NS-Zeit in der Gegenwart. 

Seine Werke zeichnen sich durch eine komplexe Verflechtung von Realitätsebenen aus und thematisieren die Rolle des Mediums Film in der Konstruktion von Wirklichkeit.

Womit wir wieder am Anfang dieser Ausgabe wären: Der Ausstellungstitel „Nothing is Original“ entstammt einem Zitat von Jim Jarmusch, das ich bereits am Anfang erwähnte – aber auch dies ist wiederum ein Zitat. Jean-Luc Godard sagte (wahrscheinlich auf französisch): „Steal from anywhere that resonates with inspiration or fuels your imagination. […] It’s not where you take things from—it’s where you take them to.“ Diese Worte zitiert Blanchett als Grundschul-Lehrerin in einem der “Manifesto”-Filme. Das Prinzip spiegelt Rosefeldts Arbeitsweise wider, in der er Elemente aus Kunst, Kultur und Filmgeschichte aufgreift und in neue Kontexte überführt. Wohin tragen KünstlerInnen also ihr “kulturelles Diebesgut”? Es bleibt eine der zentralen Fragen, die Rosefeldt für sich absolut überzeugend beantwortet hat. 

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es zur Choreographin der Stunde: Florentina Holzinger sorgt mit drastischen Produktionen für großes Feuilleton-Rauschen, sogar BILD-Zeitungs-Berichte, volle Häuser und in Ohnmacht fallende oder sich übergebende Zuschauer. Niedrige Erwartungen gehen anders – Was wird ihr neues Werk “A Year Without Summer” an der Berliner Volksbühne in unserem Kopf, Herz und Magen auslösen?

Ich werde berichten…

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