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DF 23-25
„A Year Without Summer“, Volksbühne Berlin | „Lost Boys And Fairies“, arte | „Mut zur Liebe“, arte“

A Poetic S**t Show 

Double Feature 23/25

Die Performancekunst nutzt den Körper als zentrales Medium und überschreitet dabei häufig gesellschaftliche Tabus – das ist nicht neu. Drastik und explizite Darstellungen sind dabei im Idealfall keine Selbstzwecke, sondern dienen der radikalen Sichtbarmachung von Machtverhältnissen, Verletzlichkeit oder Widerstand. Künstler*innen wie Marina Abramović oder der Österreicher und Wiener Aktionist Günter Brus loteten physische und psychische Grenzen aus, um kollektive Empfindungen herauszufordern. Ein zentrales Zitat von Marina Abramović bringt diese Haltung auf den Punkt:

„Art must be disturbing, art must ask questions.“ 

Diese Drastik fordert nicht nur die ZuschauerInnen, sondern auch die KünstlerInnen selbst – als Akt der Wahrheitssuche durch Konfrontation.

In der expliziten Darstellung liegt somit auch eine politische Kraft: Sie unterläuft Konventionen, erzeugt Reibung und zwingt zur Auseinandersetzung mit dem Unaussprechlichen – und ist manchmal in der Tat schwer anzuschauen. Aber nun, “schön” war noch nie ein passender Sammelbegriff für die Kunst. Ebenso wie Brus ist auch Florentina Holzinger Österreicherin – und die Choreographin der Stunde. Designiert für die künstlerische Co-Leitung der Volksbühne, Künstlerin für den österreichischen Pavillon der Venedig Biennale 2026 – niedrige Erwartungen gehen anders… so, fasten your seat belts!

Main Feature

Florentina Holzinger sorgt weiterhin für Aufsehen – und diesmal für Durchfall im großen Stil. Dazu später… An der Berliner Volksbühne feierte ihre neueste Kreation „A Year Without Summer“ Premiere, ein wilder Abend, der weibliche Sexualität und fäkalisches Chaos feiert. Die zweistündige Show ist laut, drastisch und gleichzeitig schockierend poetisch. Holzinger ist inzwischen ständig ausverkaufter Kult, wie einst die Abende von Christoph Schlingensief – wenn auch etwas weniger unberechenbar als Schlingensiefs anarchische Spektakel.

Der Titel „A Year Without Summer“ verweist auf das Jahr 1816 – ein Jahr, in dem ein Vulkanausbruch in Indonesien die globale Temperatur sinken ließ und Ernten vernichtete. In jenem „Jahr ohne Sommer“ saß Mary Shelley am Genfer See und erfand unter dem Eindruck bizarrer Experimente zur Erschaffung künstlichen Lebens ihren Roman „Frankenstein“. Holzingers Stück greift diesen Geist auf und fragt überspitzt: Was, wenn die Welt plötzlich im Dunkeln versinkt? Die Choreografin hält der drohenden Apokalypse ein „Empowerment-Musical“ entgegen. Zwischen Klimakatastrophe, Künstlicher Intelligenz und männlich dominierter Wissenschaft verliert man zwar gelegentlich den ohnehin sehr dünn gewebten roten Faden, doch wird schnell klar: Hier wird Shelleys Thema Unsterblichkeit vs. Verfall aufbereitet. Passend dazu prangt am Ende auf Displays der Schriftzug „No End“ über einer apokalyptischen Szenerie.

Holzinger inszeniert das Endzeit-Thema nicht als kopflastiges Drama, sondern als überbordende Revue aus Tanz, Burlesque, Zirkus und Performance. Gleich zu Beginn treiben dichter Bühnennebel und dröhnende Bässe das Publikum in eine andere Welt. Schemenhaft erkennt man immer mehr Frauen aller Altersstufen, die sich in Grüppchen zusammenfinden. Was als sanftes Miteinander beginnt, steigert sich zur Orgie: Gruppensex gleich zu Beginn – jung und alt, alle Spielerinnen nackt, keinerlei Scham: Welcome to Holzinger-Land! Mitten in diesem Liebesrausch entfaltet sich plötzlich ein Riesentorso auf der Bühne: Gustave Courbets berühmtes Gemälde „L’Origine du monde“ (Der Ursprung der Welt) wird als gigantische begehbare Vagina zum Leben erweckt. Naheliegend, dass Holzingers Performerinnen sogleich aus dieser „Ursprungs-Spalte“ herauspurzeln.

Holzinger selbst mimt im Stuhl eine Geburt: In einer blutigen Video-Close-Up-Operation wird aus einer frischen Oberschenkel-Wunde ein winziger Embryo gezogen – woraufhin die Krankenschwestern jubeln: „It’s a musical!“. Der Titel ist Programm, denn nun geht es Schlag auf Schlag in eine grellbunte, makabre Show. Es folgen nummernrevueartig bizarr-teils-geniale Einfälle. Eine Performerin zeigt waghalsigen Pole-Dance am Infusionsständer, eine andere lässt sich als „Ultimate Face Lifting“ live Haken durch die Wange und Augenbraue stechen und daran hochziehen – ihr Gesicht verzerrt sich zur Joker-Grimasse.

Holzingers Truppe schreckt vor keinem Schock zurück: Sigmund Freud tritt als kokainschniefender Hampelmann auf, der panische Angst vor der „vagina dentata“ hat. Eine Endoskop-Kamera fährt ins Innere der Vagina einer Performerin und offenbart tatsächlich ein schnappendes Gebiss. Das Publikum lacht ungläubig. Kurz darauf steigert Holzinger die Provokation: Eine kleinwüchsige Performerin verkündet, sie habe genug davon, immer nur als Opfer in Nazi-Dramen besetzt zu werden – sie spiele jetzt lieber den KZ-Arzt Mengele. Gesagt, getan: In einem grotesken Wettkampf der wahnsinnigen Wissenschaftler tritt eine kleinwüchsige Frau als Dr. Mengele an und duelliert sich mit einem Rassentheoretiker des 19. Jahrhunderts. Dieser schrille Tabubruch sorgt für Unbehagen und ist leider so eindimensional wie die gelungenen Teile des Abends es eben nicht sind.  

Anders und eindringlich beklemmend-poetisch wird es dann: spätestens wenn ein Roboterhund-Quartett auf die Bühne wackelt, von den älteren Performerinnen in die Freiheit entlassen, ist dies ein Sinnbild für Alter und “Gesellschaft leisten” – und sei dies durch tierische Roboter. Im fulminanten Finale kommt es schließlich zum “Durchfall-Inferno” – eine realistische Pflegesituation alter Menschen entgleitet ins Hysterisch-Befreiende: Literweise “Kunstkacke” ergießt sich über Krankenhausbetten und Windeln, eine braune Flut aus allen Rohren verwandelt sich in ein Schlachtfeld aus Kot und Erbrochenem im Dauerregen – und mittendrin stelzt eine Frankenstein-Kreatur auf hohen Stelzen unbeirrt durch die Exkremente. Denken sie an “Triangle of Sadness” – die Dinner-Szene auf der Yacht und multiplizieren sie mit zehn. Dieser spektakuläre Ekel-Exzess ist wild und chaotisch, aber zugleich minutiös organisiert. Alles endet in einer zärtlich umarmenden Vereinigung von Jung und Alt – und in einem nichtendenwollenden Schneesturm. „Muss das wirklich sein?”: dieser Gedanke vergeht blitzartig im Angesicht diesser überdimensionierten und perfekt choreografierten Szenerie. Als der Schluss-Applaus längst verhallt, dreht oben auf der Empore noch immer eine unermüdliche Eiskunstläuferin ihre Kreise, fällt hin und steht wieder auf – als würde der Abend tatsächlich kein Ende finden – „No End“.

Bei aller drastischen Überzeichnung blitzt in “A Year Without Summer” immer wieder echte Poesie auf, ja, wirklich. So gibt es ruhige, beinahe rührende Momente: Etwa wenn das gesamte Ensemble plötzlich zusammen den Song „Runs in the Family“ von Amanda Palmer anstimmt – ein Lied über Traumata und fragwürdige Therapieversuche. Auch die Konstellation der Performerinnen an sich erzählt etwas Poetisches: Junge Frauen kümmern sich liebevoll um alte Frauen, wickeln sie fürsorglich und reichen ihnen die Hand. Holzinger bringt Frauen unterschiedlichsten Alters und Körperbau auf die Bühne und feiert sie in ihrer Verletzlichkeit und Stärke. Diese weibliche Allianz sprengt gängige Schönheitsnormen und klassische Rollenbilder. Genau darin liegt Holzingers feministischer Ansatz: Ihr Theater der Grausamkeit ist letztlich eines der ultimativen Selbstermächtigung. Hier nehmen Frauen ihre Körper und Geschichten selbst in die Hand – ob beim Orgien-Ballett, beim Splatter-Stunt oder indem sie sich patriarchale Archetypen wie Frankenstein, Freud oder gar Mengele frech aneignen.

Es wird interessant zu beobachten sein, wieviel Substanz dieser Holzinger-Ansatz auf Dauer hat – oder ob er sich bald totlaufen wird.

Holzinger nimmt das Publikum mit auf eine wahnsinnige Geisterbahnfahrt, lässt es aber nicht verzweifeln, sondern gibt ihm am Ende beinahe kathartische Erlösung im kollektiven Lach-Taumel. Inmitten von Kunstblut, Kot und Chaos schimmert immer auch ein Anflug von Wahrheit durch – über unsere Angst vor dem Verfall und den absurden Wunsch nach Unsterblichkeit.

Und: Mit “A Year Without Summer” knüpft Florentina Holzinger spürbar an die skandalträchtige Tradition der Volksbühne an. In den 1990er und teilweise noch 2000er Jahren galt die Volksbühne unter Frank Castorf als Ort der exzessiven Theater-Experimente: Man denke an stundenlange Trash- und Textlawinen, an hemmungsloses Ausreizen von Körperflüssigkeiten, Dreck und Provokation auf der Bühne. Christoph Schlingensief trieb es dort bekanntlich bunt und brutal, mischte Theater mit Performance, Politik und Pop – bei ihm konnte jederzeit alles passieren, vom Bühnenskandal bis zur Party. Holzinger steht diesen Enfants terribles in nichts nach: So avanciert die 1986 geborene Österreicherin zur legitimen Erbin der Volksbühnen-Avantgarde – und setzt doch eigene Akzente. Ihr „Zukunftsmusical“ greift die anarchische Energie von Castorf, Schlingensief & Co. auf, aber kanalisiert sie in eine neue Form von körperbetontem Theater, das zugleich Splatter-Spektakel und ritualhafte Beschwörung ist. Das Publikum bekommt Trash und Tabubruch in höchster Potenz geboten, spürt darunter aber die kluge Handschrift einer Choreografin, die genau weiß, was sie tut.

Wer also starke Nerven und einen starken Magen hat, erlebt mit “A Year Without Summer” einen unvergesslichen Trip zwischen Abscheu und Euphorie – einen doppelbödigen Tanz auf dem Vulkan, der einen nachhaltigen Eindruck hinterlässt. Es tut gut und weh  – und bleibt noch lange in Kopf und Herz.

Side Feature

Wichtig wie lange nicht: Es ist Pride Month! Arte präsentiert zwei sehenswerte  Miniserien, die queere Erfahrungen auf unterschiedliche Weise beleuchten: “Lost Boys and Fairies (2024)“ und “Mut zur Liebe (Fiertés, 2018)”.

“Lost Boys and Fairies” erzählt die Geschichte von Gabriel und Andy, einem schwulen Paar aus Cardiff, das ein Kind adoptieren möchte. Gabriel, ein Drag-Performer, kämpft mit seiner Vergangenheit, während Andy als ruhender Pol fungiert. Die Serie verwebt intime Familienmomente mit musikalischen Sequenzen und reflektiert dabei Themen wie queere Elternschaft und persönliche Heilung – poetisch und emotional, mit einem Hauch von Drag-Glamour.

Demgegenüber steht “Mut zur Liebe”, das über drei Jahrzehnte hinweg den Lebensweg von Victor verfolgt. Beginnend in den 1980er Jahren, zeigt die Serie Victors Kampf um Selbstakzeptanz, die Auswirkungen gesellschaftlicher Vorurteile und die Entwicklung der LGBTQ+-Rechte in Frankreich – nüchtern und realistisch, fast dokumentarisch.

Beide Serien bieten kraftvolles Storytelling: “Lost Boys and Fairies” durch seine emotionale, musikalisch unterlegte Darstellung individueller Erfahrungen; “Mut zur Liebe” durch die chronologische Aufarbeitung gesellschaftlicher Veränderungen und persönlicher Herausforderungen. Sie ergänzen sich und bieten gemeinsam ein facettenreiches Bild queerer Geschichte und Gegenwart.

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es nach Wien. Am Burgtheater wird nach jahrzehntelanger Sperre “Burgtheater” gezeigt – eine Farce von Elfriede Jelinek über die faschistische Verstrickung der berühmtesten österreichischen Schauspieler-Famile Hörbiger/Wessely. Lohnt sich der Weg in den Theater-Tempel am Ring? Und sonst alles “Bussi Baba” in Wien?

Ich werde berichten…

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