„Unlimited“, Art Basel | Jeff Bezos
Kunstpreisbremse
Double Feature 25/25
Was ist zeitgenössische Kunst wert – und wie viel wird dafür tatsächlich bezahlt? Das ist die Gretchenfrage im schillernden Kosmos des globalen Kunstmarkts. Laut dem UBS Art Market Report 2025 gehen zwar nach wie vor zig Milliarden Dollar für Kunst über den Ladentisch, doch die ganz großen Verkäufe sind etwas seltener geworden – dafür wechseln mehr Werke als je zuvor den Besitzer. Sogar immer mehr Neulinge mischen in diesem exklusiven Zirkus mit. Kunst ist eben genau so viel wert, wie ein begeisterter Sammler dafür auszugeben bereit ist – und das sind nicht selten Summen, bei denen einem schwindlig wird. Eine Kunstpreisbremse fordert niemand, warum auch…
Einmal im Jahr verwandelt sich die sonst beschauliche, aber nie provinzielle Rheinstadt Basel in den Nabel der Kunstwelt. Die Art Basel zieht Galeristen, Sammler und Neugierige aus aller Welt an – und die Stadt liefert die perfekte Bühne dafür. Basel hat eine lange Kunsttradition – man denke nur an das legendäre “Picasso-Wunder“ von 1967 – und bietet mit seiner Lage im Dreiländereck das ideale Umfeld für die renommierteste Kunstmesse der Welt. Aber auch das ganze Jahr über bieten beeindruckende Häuser wie das Kunstmuseum, das Schaulager oder das Museum Tinguely überzeugende und einzigartige Ausstellungen. Und dass die deutsche Grenze nicht weit ist, dadurch Transport von allfälligen Silberkoffern mit vor dem Fiskus zu verdunkelndem Inhalt bei aller Kunstliebe ebenfalls recht einfach ist oder eher: war – es hat dem Erfolg der Art Basel sicher nicht geschadet.
Trotz aller Online-Marktplätze bleibt das persönliche Schaulaufen entscheidend: Rund ein Drittel der Galeristen gewinnt neue Kunden immer noch bevorzugt auf Messen. Kein Wunder also, dass Basel alljährlich zum Pilgerort der Kunstszene wird, wenn sich die Crème de la Crème (in allen gewünschten Magerstufen) in den Messehallen tummelt. So fügt sich Basel mit seiner Mischung aus kosmopolitischem Flair und bodenständiger Schweizer Art passgenau ins Bild. Hier trifft Kunstzirkus auf lokales Understatement – genau das macht den Reiz dieser Messemetropole aus. Willkommen am Rhein, willkommen in der Messe Basel!
Main Feature
Auf dem Messeplatz ist eine inzwischen wohlbekannte Mega-Farbsprühpistole losgegangen: Katharina Grosses „CHOIR“ spannt sich in Magenta, Pink und Orange riesig und in maximalen Dimensionen über Asphalt und Stoff. Mit Industriespritzpistole als ihre “erweiterte Hand” verwandelt Grosse Architektur in ein begehbares Bild und testet, wie Malerei den öffentlichen Raum choreografiert. Ihr inzwischen recht nomadischer Farbzirkus (jüngst Berlin, eben noch Hamburg, jetzt schon Basel…) wirkt hier wie festgezurrt, bleibt aber ein temporärer Ausnahmezustand, der in dieser Woche bereits wieder verschwunden ist – eine laute, doch kurze Fanfare der Malerei.
Starten wir die Drohne und fliegen hinein in die “Unlimited”, die interessanteste Sektion der Messe, bei der in einer riesigen Halle in kluger Kuratierung und mit viel Platz die Grossformate unter der zeitgenössischen und modernen Kunst gezeigt werden. Wenn ich bei der Art Basel bin, bin ich zunächst immer hier.
Nun wieder etwas Zahlenmystik: 90 Minuten brauche ich von Zürich zum Messeplatz in Basel, die Quersumme von 90 ist 9. Hier also meine persönlichen 9 Highlights der diesjährigen Großformat-Schau:
Felix Gonzales-Torres
Ein himmelblaues Podest, umringt von 48 Glühbirnen: Auf „Untitled (Go-Go Dancing Platform)“ (1991) tanzt sporadisch ein knapp silbern gekleideter Performer, dann herrscht wieder Leere. Ich hatte Glück und erlebte eine der raren, vorher nicht angekündigten 5 Minuten-Performances. Das Stück macht Präsenz, Begehren und Verlust physisch erfahrbar. Wer den Auftritt verpasst, erlebt das Werk als Abwesenheit – genau das ist Gonzales-Torres’ präzise Choreografie der Vergänglichkeit.Danh Vo
Für „In God We Trust“ (2020) schichtet Vo Kaminholz zu Streifen und setzt 13 Stahlsterne darauf – eine improvisierte Stars-and-Stripes. Die Urfassung verbrannte 2020 in London; die Basler Variante zeigt verrußte Narben. Vo legt offen, wie politisches Symbol und brennbares Material zusammenfallen und Patriotismus buchstäblich verpuffen kann.Diane Arbus
„A Box of Ten Photographs“ (1970) versammelt ihre ikonischen Gelatinesilberabzüge, handbeschriftet, in einer Plexiglas-Schachtel. Als das Portfolio 1972 im US-Pavillon der Biennale auftauchte, adelte es die Fotografie als Kunst. Heute wirkt die mobile Vitrine wie ein konzentrierter Blick in Arbus’ Alltagserforschung: gewöhnliche Menschen, ungeschminkte Komplexität.Heinz Mack
„Das Mechanische Ballett“ (1966–2015) lässt sieben polierte Edelstahlstelen in unterschiedlichen Höhen kreisen; ein rückseitiger Spiegel vervielfacht das Rotieren. Ligetis Klangkomposition rahmt die Licht- und Reflexspiele. Macks ZERO-Ästhetik erzeugt eine hypnotische, beinahe spirituelle Szenerie, in der Technologie und Wahrnehmung endlos um dieselbe Achse tanzen.Carlos Cruz-Diez
In „Labyrinthe de Transchromie A“ (1965/2017) schichten sich transparente Farbgläser zu einem 4,5 × 2,5 × 5,5 m großen Korridor. Schrittweise verschieben sich Farbmischungen, sobald sich der Betrachter oder das Licht verändert. Der Meister der kinetischen Kunst demonstriert, dass Farbe nicht fix ist, sondern relational – ein Labor für optische Experimente, das man durchwandert statt betrachtet.Robert Longo
Vier monumentale Segmente – Combines, Zeichnung, Film – bilden „We Are The Monsters (Four Parts)“ (2025). Graphitbilder nach Dürers apokalyptischen Engeln gehen in einen überdimensionalen “Doom-Scroll” über: Eine hochgetaktete Schwarz-Weiß-News-Loop, algorithmisch unterbrochen von Stille. Longo übersetzt ein Jahr globaler Krisen in visuelle Überlastung und fragt, wie sehr ein Bildsturm unser Blickvermögen strapazieren darf.Cosima von Bonin
In „Da geht sie, die Leseratte one to six“ (2025) watschelt Daffy Duck über sechs großformatige Paneele aus Samt, Baumwolle und Fleece. Die Sequenz funktioniert wie ein analoges GIF und reflektiert Bonins Interesse an Pop-Ikonen als Projektionsfläche für Humor und Ambivalenz. Der Cartoon-Loser wird zum vielschichtigen Spiegel menschlicher Verhaltensmuster.Erik Bulatov
Das Diptychon „Вперёд“ (2015–16) brüllt „Vorwärts“ in 6 × 6 m großen Buchstaben vor rot-schwarz-weißer Kulisse. Der Slogan, in der Sowjetzeit allgegenwärtig, wird hier zum visuellen Stoppsignal: Die Schrift zieht hinein, stößt aber zugleich zurück. Bulatov verwandelt Propaganda in eine stille Aufforderung, Richtung und Ziel des Fortschritts zu hinterfragen.Atelier Van Lieshout
Mein persönlicher Höhepunkt: „The Voyage – A March to Utopia“ (2025) besteht aus einer monumentalen Karawane: rund 80 miteinander verbundene Objekte, Maschinen und Skulpturen, die vom Halleneingang zum Ausgang rollen. In vier Jahren entstand er, der Konvoi aus Recycling-Material, Autarkie-Geräten und skurrilen Körperfragmenten. Er feiert Pioniergeist und entlarvt ihn zugleich als endlosen Kreisverkehr: Optimismus als Motor, Zweifel als Beifahrer. Sehr beeindruckend, für unsere Terrasse leider zu gross zum Installieren.
Side Feature
Natürlich ist es leicht, Jeff Bezos’ venezianische Muskel-Yacht-Hochzeit als Champagner/Ozempic/Botox/Schaumparty-Overkill abzutun – bis wir merken, dass wir eventuell selbst nächstes Frühjahr wieder mit Biennale-Bändchen in den Giardini posieren werden, wohl lediglich mit Champagner. Wer im Murano-Glashaus sitzt, sollte nicht mit Cicchetti werfen…
Wie auch immer, heute scheint es wieder gängiger, Reichtum und Hedonismus schamlos zu inszenieren. Was sagt das über unsere Zeit? Auch alte Rollenklischees feiern ein Comeback: Bezos als Muskel-Milliardär mit Mega-Yacht, Sánchez als schmoll-lippige Luxus-Lady in 20 verschiedenen Designerkleidern. Vorbilder? Eher ein hohles Klischee-Duo in Extremform.
Venedig steht staunend da – Opfer und Profiteur zugleich. Und hoch über dem Trubel blickt Tintorettos gewaltiges „Paradiso“ im Dogenpalast gelassen herab: Für die ewigschönene Leinwand ist der ganze Zirkus wahrscheinlich “totalmente irrilevante”.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es zu zwei ProphetInnen nach Zürich, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: Am Opernhaus verabschiedet sich der Intendant mit einer szenischen Umsetzung des “Elias”-Oratoriums und das Museum für Gestaltung ehrt die schillerndste Schweizer Königin der Nacht: Susanne Bartsch. Erhellen die Prophezeiungen?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
