„Marisol“, Kunsthaus Zürich | „Confessions II“ von Madonna |
Pop It, Queens!
Double Feature 25/26
Pop ist eines dieser Wörter, die schon so klingen, als hätten sie keine Zeit für lange Erklärungen, oder? Kurz für populär, später Pop Art, Pop Music — und immer irgendwo zwischen Masse, Markt, Oberfläche und Offenbarung. Pop kann trivial sein, aber selten ist das Triviale so präzise. Es macht aus Suppendosen Kunst, aus Tanzflächen Kirchen und aus Stars Projektionsflächen.
Damit wären wir bei zwei sehr unterschiedlichen Hohepriesterinnen des Pop: Marisol im Kunsthaus Zürich — und Madonna, Queen of Pop, mit neuem Album.
Main Feature
Zürich glüht. Selbst die Stadt, die sonst so zuverlässig temperiert ist zwischen See, Schatten und Selbstkontrolle, fühlt sich derzeit an wie ein Fondue-Topf.
In solchen Momenten gibt es kaum einen besseren Ort als das Kunsthaus (jaja, ich weiss, die wunderbaren Badis am Zürisee sind eine große Konkurrenz): Kultur als Klimaanlage mit Erkenntnisgewinn. Und bei Marisol kommt noch etwas dazu: Diese Ausstellung kühlt nicht nur den Körper, sondern schärft auch den Blick.
Marisol, geboren 1930 als María Sol Escobar in Paris, Tochter venezolanischer Eltern, später New Yorkerin aus künstlerischer Notwendigkeit, war in den 1960er-Jahren ein Star. Andy Warhol nannte sie die erste Künstlerin mit Glamour, was freundlich gemeint war, aber auch zeigt, wie schnell man Frauen in der Kunst lieber zur Erscheinung als zur Autorin macht. Ihre bemalten Holzfiguren, oft lebensgross, oft mit echten Gegenständen, Gipsabgüssen ihres eigenen Körpers, Gesichtern, Händen, Mündern, verbinden Pop Art, Volkskunst, Dada, Gesellschaftssatire und Selbstbefragung. Sie war mittendrin und doch nie richtig einzuordnen. Genau das wurde ihr später zum Verhängnis: zu weiblich für den männlichen Pop-Kanon, zu handwerklich für die glatte Coolness, zu eigenwillig für die Schublade. Nach 1968 zog sie sich zeitweise zurück, reiste, tauchte, arbeitete weiter – und verschwand dennoch aus dem offiziellen Gedächtnis.
Das Kunsthaus zeigt nun die erste grosse europäische Retrospektive, klug gegliedert von frühen Arbeiten über Zeichnungen und gesellschaftliche Tableaus bis zu den Unterwasser-Werken und späteren Selbstporträts in Teilen. Besonders stark ist „The Car“ von 1964: ein Auto als amerikanisches Freiheitsversprechen, voll besetzt mit steifen Figuren, die eher nach sozialer Enge als nach Highway riechen. Und dann „Mi Mama y Yo“ von 1968, ein Werk, in dem Biografie, Trauma und Selbstinszenierung nicht erklärt, sondern gebaut werden.
Diese Ausstellung macht Marisol nicht kleiner, indem sie sie wiederentdeckt. Sie zeigt, wie gross sie immer war. Man verlässt das Kunsthaus angenehm gekühlt – und leicht beschämt darüber, dass diese Künstlerin überhaupt wiedergefunden werden musste.
Side Feature
Jetzt hat sie es also geschafft: Madonna schafft das Alter ab. Sie hat einmal gesagt, was man ihr wohl am meisten vorwerfe, sei, dass sie immer noch da sei. Nun: Sie ist da. Und wie. Zur Promotion von Confessions II setzt sie 21 Jahre nach Confessions on a Dance Floor wieder dort an, wo ihre Kirche immer am glaubwürdigsten war: auf der Tanzfläche. Passend dazu die etwas aufdringliche Partnerschaft mit Grindr, der schwulen Dating-App, wo einem zwischen weniger tanzorientierten Kurzzeitangeboten plötzlich entgegenschallte: „Hello, it’s Motha!“
Der knapp viertelstündige Promotion-Film zeigt Madonna als Überbietungsmaschine: frisch, blond-silbergrau, alterslos, mit einer Hauptszene auf der Männerclubtoilette, die sich zwischen Danceteria-Mythos, Celebrity-Wimmelbild und sehr teurer Darkroom-Fantasie bewegt. Julia Garner, Sabrina Carpenter, Kate Moss, Debi Mazar, Benedict Cumberbatch, Lourdes: alle kurz da, alle Teil des Spektakels. Natürlich wirkt manches inzwischen formelhaft und auch nicht mehr sonderlich provokativ. Aber spätestens, wenn Tänzerinnen grüne Laserstrahlen aus dem Schoss schiessen, ist klar: Das kann nur sie.
„Come on, meet me on the dancefloor“ zitiert da aus einem Song — und die Frage nach der queeren Sommerhymne dürfte geklärt sein.
Next Feature
Im nächsten Double Feature räumt der Bundespräsident seinen Amtssitz für Kunst, während das Staatsballett Berlin Angst vor Symmetrien hat. Furchtlos furios?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
