„Elias“, Opernhaus Zürich | Susanne Bartsch, Museum für Gestaltung Zürich
Falsche Und Richtige Propheten
Double Feature 26/25
Neulich, an einem sehr warmen Sommerabend, musste ich – angeregt durch einen Opernbesuch in Zürich, dazu gleich mehr – über Prophezeiungen nachdenken. Keine, die die Temperatur betreffen, sondern etwas “kultureller”. Mir fiel also bei noch 28 Grad um 21 Uhr ein Name ein: Rilke und seine „Duineser Elegien“:
“Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel Ordnungen?
und gesetzt selbst, es nähme einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein.
Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht, uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.”
Oha, also besser gar keine Prophezeiungen und Propheten? Ich denke, nicht:
Der wahre Prophet spiegelt die blinden Flecken seiner Zeit, stört und fordert Verantwortung, diese zu erkennen und zu benennen. Eine Rolle, die vielleicht auch in aufgeklärten Zeiten heute nicht unwichtiger geworden ist, wenn nur die Selbstzweifel und die goldenen Kälber nicht wären. Beispiel aus der Oper Zürich gefällig?
Main Feature
Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Wagner – zwei musikalische Propheten mit gegensätzlicher Mission. Mendelssohn, der gläubige Bach-Verehrer und Schöpfer großer Oratorien, trifft auf Wagner, den faszinierenden, aber egozentrischen und megalomanischen Opern-Revolutionär, der mit berüchtigtem Antisemitismus über Komponisten jüdischer Herkunft herzog. Nun, der Intendant des Opernhaus Zürich hat in seiner Amtszeit einen ganzen “Wagner-Ring” auf die Bühne gewuchtet – klar, gediegen, werktreu, faszinierend und etwas bieder zugleich. Aber ausgerechnet Mendelssohns biblisches Oratorium „Elias“ verhilft nun Andreas Homoki zu einem triumphalen Finale seiner Intendanz am Opernhaus Zürich – quasi ein später Sieg für Mendelssohn, den Wagner ihm nie gönnte. Homoki inszeniert das Werk zum Abschied als vollwertiges Musiktheater und knüpft damit an eine Aufführungstradition an, die das dramatische Potenzial des „Elias“ schon früher erkannt hat. Kann ein Oratorium auf der Bühne bestehen? Ja, und wie: Christian Gerhaher in der Titelrolle beschert Homoki einen Abend, der in Erinnerung bleibt.
Inhaltlich bietet „Elias“ biblisches Theater mit erschreckend zeitlosen Zügen. Eine schwere Dürre plagt Israel, doch der Prophet Elias sieht die Schuld beim Volk, das falsche Götter wie Baal verehrt. „Solange man den falschen Göttern huldigt, wird es nichts mit dem Regen“, donnert dieser Elias sinngemäß – und tatsächlich bleibt der ersehnte Regen aus, bis er selbst eingreift. Mendelssohn selbst schwebte – so schrieb er seinem Librettisten – ein Elias vor, „wie wir ihn etwa heut zu Tage wieder brauchen könnten – stark, eifrig, auch wohl bös und zornig … und doch getragen wie von Engelsflügeln“. Genau so gestaltet Gerhaher die Partie: Sein Elias ist kein sanfter Seelsorger, sondern ein grimmig-grantiger Eiferer, der das zweifelnde Volk verspottet und selbst nach dem wundersamen Regen kaum milder gestimmt ist. Gerhahers berühmter Lied-Bariton klingt hier wie mit alttestamentarischem Feuer getränkt, ohne an klanglicher Wärme einzubüßen – eine phänomenale Präsenz.
Homokis Inszenierung rahmt diese wuchtige Prophetengeschichte in eindringliche Bilder. Bühnenbildner Hartmut Meyer verzichtet auf realistisches Beiwerk; stattdessen dominiert eine kreisrunde Drehscheiben-Bühne mit verschiebbaren Wänden, ständig in Bewegung wie die Ereignisse selbst. Der hervorragend vorbereitete Chor ist allgegenwärtig und immer in Aktion, mal jubelnd, mal fluchend, mal erzählend. Homoki kleidet die Masse in heutige Alltagskleidung, ganz nach seinem Motto „Wir sind das Volk auf der Bühne“. Dieser zeitgenössische Look erzeugt beklemmende Nähe: Die wankelmütigen Israeliten von damals könnten wir Heutigen sein, verführbar durch jede New-Age-Ideologie oder Twitter-Blendwerk. Homoki wählt teilweise einfachste Bilder: Als Gott im „säuselnden Wind“ erscheinen soll, segeln Papierflieger von oben herab. Wenn Elias am Ende im feurigen Wagen gen Himmel fährt, schießt tatsächlich eine Feuersäule empor und verschlingt den Propheten – ein visuell überwältigender Moment, der einen Schauder durch den Saal jagt.
Musikalisch fährt Gianandrea Noseda mit der Philharmonia Zürich volles Dramatisierungsprogramm. Der Generalmusikdirektor malt Mendelssohns Partitur „mit dem dicken Pinsel“ und treibt Orchester und Chor zu machtvollem Klang. Die Romantik Mendelssohns kommt dabei nicht zu kurz: Zwischendurch blitzen Momente inniger Kantilene und warmer Streicherfarben auf, wie Oasen in der von Blitz und Donner erfüllten Klangkulisse. Vor allem aber glänzen die Solistinnen und Solisten: Gerhaher überragt mit subtiler Wortdeutung und schierer moralischer Wucht als Elias. Julia Kleiter verleiht der Witwe mit ihrem Sopran anrührende Menschlichkeit, Wiebke Lehmkuhls Alt klingt tatsächlich engelsgleich und mütterlich. Eine kluge, vielleicht etwas überstrapazierte Idee des Regisseurs war es, die kleine Knabenrolle (der Bote des Regens) durch eine stumme Frauenfigur zu ersetzen: Sie tritt als geheimnisvolle Beschützerin und unerreichbare Geliebte des Propheten auf – ein stummer Engel der Verzweiflung, der Elias nahe ist und doch entrückt bleibt.
Was nimmt man aus diesem Abend fürs Heute mit? Homoki entlässt uns mit einem versöhnlichen Bild: Im Schlussquartett reichen sich Elias und seine Widersacher die Hände, und im finalen Chor treten alle Darsteller an die Rampe, um auch das Publikum bei erhelltem Saallicht in diese Versöhnung einzubeziehen. Hier geht es nicht mehr um alttestamentarische Rache oder um „Juden gegen Christen“, wie Homoki betont, sondern um „einen Humanismus, der sich möglicherweise gerade aus dem Nichtwissen um die letzten Dinge nährt“. Vielleicht liegt darin die größte Aktualität: Elias zeigt einen fanatischen Glaubenskämpfer, der Zweifel kennt – und ein Volk, das sich allzu gern verführen lässt. Man braucht keine große Phantasie, um in dieser Konstellation heutige „falsche Propheten“ und ihre Gefolgschaften zu erkennen. Doch am Ende siegt eine humanistische Botschaft: Kein Feuer vom Himmel wird unsere Probleme lösen, sondern nur Einsicht, Versöhnung – und vielleicht ein bisschen guter Glaube an das Richtige. In Zeiten allgegenwärtiger Irrlichter tut so ein Finale fast wohltuend naiv gut. Gerade deshalb entpuppt sich Homokis Abschiedsinszenierung als lebensfrohe Versöhnungs-Stunde und kluges Statement gegen Fanatismus – ein Opernabend, der zeigt, wie ein altes Oratorium im Heute leuchten kann. Beim Verlassen des Opernhauses erstrahlte der Sechseläuten-Platz davor in einem sommerlichen Abendrot, wie ich es selten erlebt habe – schön, nicht schrecklich.
Side Feature
Susanne Bartsch — Transformation! im Museum für Gestaltung in Zürich ist weniger Ausstellung als Clubnacht: 35 legendäre Looks der in New York lebenden Party-Ikone aus Bern glitzern wie Discokugeln, ein Soundloop lässt das Adrenalin steigen. Die heimgekehrte „Swiss Miss“ nennt den Pride-Monat als idealen Zeitpunkt und „ein unglaubliches Geschenk“ – ein zeitlich passendes, süffiges Homecoming. Kuratorin Meret Ernst strukturiert den Rundgang wie eine Nacht: vom Alltag hinein in die Ekstase, ganz nach Bartschs Credo, Mode sei „about living your life“.
Zwischen Pailletten erzählen die Silhouetten ihre Ahnen: Punk-London, New-Romantics, Leigh Bowerys Körperkunst, Westwoods Anarchie, Gallianos Theater. Bartschs mit vielen KollaborateurInnen erarbeitetes Patchwork zeigt, dass Identität angezogen, verworfen, neu erfunden werden kann. Gerade in Zeiten, die Geschlecht und Meinung gern binär sortieren, predigt Bartsch das Recht auf dauernde Verwandlung: heute Korsett, morgen Latex-Engel, immer „more to come“. Rollenwechsel ist hier kein Eskapismus, sondern Empathie-Training – wer kurz in fremder Haut tanzt, erkennt das Gegenüber. So wird Glitzer Politik und diese kompakte Schau zum funkelnden – und wunderbar prophetischen – Versöhnungsangebot.
Next Feature
Im nächsten Double Feature wird es tänzerisch: das Nederlands Dans Theater zeigt in Berlin “Figures in Extinction” – es geht nicht nur um uns, sondern auch um die aussterbende Welt, in der wir leben. Wie faszinierend ist das Erzählte und tänzerisch Gezeigte?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
