„Fearful Symmetries“, Staatsballett Berlin | „Confessions II“ von Madonna |
Sprung in den Ballett-Pool
Double Feature 26/26
Das Kulturjahr 2026 war bislang kein Jahr der Zurückhaltung — und vor allem ein erstaunlich starkes Kinojahr. Es begann mit Sorrentinos Schönheit des Zweifels “La Grazia”, führte über Berlinale-Fieber, Lola-Abend, filmische Wiederbegegnungen, grosse Gesten und kleine Nervenzusammenbrüche im Kinosessel. Das Kino wirkte dabei auffallend lebendig: nicht immer geschlossen, nicht immer zwingend, aber oft wach, riskant, eigenwillig. Also ziemlich genau so, wie man es gern hat.
Besonders geblieben sind mir auch die Momente, in denen Kultur nicht erklärte, sondern einfach traf: Wolfgang Laibs stille, fast sakrale Konzentration; Sorrentinos Fähigkeit, Schönheit und Melancholie so zu verschränken, dass man beidem nicht entkommt; der Deutsche Filmpreis als Abend der Frauen; Marisols lange unterschätzte Grösse im Kunsthaus Zürich; die Art Basel Unlimited als wohltuend grosszügiger Gegenraum zur Messe-Eitelkeit; und das V&A East Storehouse in London als Museum, das sein Archiv nicht versteckt, sondern zum Hauptdarsteller macht.
Jetzt aber macht Double Feature im Juli eine kleine Sommerpause. Nicht aus Kulturmüdigkeit, sondern aus reiner Notwendigkeit: Auch Programmhefte wollen irgendwann kurz liegen und selbst die schönste Erkenntnis klebt bei 40 Grad irgendwann am Hemd.
Main Feature
Bei 40 Grad Aussentemperatur wirkt der erste Teil von “Fearful Symmetries” im Staatsballett Berlin schon vor dem ersten Schritt wie eine Rettungsaktion. George Balanchines “Symphony in C” liegt da vor einem frisch blauen Hintergrund, der weniger Farbe als Klimazustand ist: kühl, klar, erhaben. Man möchte hineinspringen wie in einen sehr vornehmen Ballett-Pool.
Grundlage ist die wunderbar klare und perlende Musik von Bizet, seine Symphonie in C. Und Balanchines Stil ist hier fast idealtypisch: keine Handlung, keine Psychologie, keine Erklärtafel mit innerem Konflikt, sondern Musik, Linie, Architektur. Der Körper wird nicht zum Ausdrucksträger eines Dramas, sondern zum Instrument einer Ordnung, die trotzdem lebt. In vier Sätzen treten jeweils andere Solist*innenpaare und das Corps de ballet hervor; es ist ein permanentes Wechselspiel aus Brillanz und Präzision, aus Einzelglanz und Ensemble-Disziplin. Alles ist technisch schwer, aber es sieht leicht aus. Genau darin liegt der Genuss. Man sieht Virtuosität, ohne beim Zuschauen an Arbeit denken zu müssen – und über das Dauer-Lächeln der TänzerInnen schaut man schnell hinweg. Bei dieser Hitze ist das fast unanständig angenehm.
Nach der Pause dann John Adams. “Fearful Symmetries”, die Minimal Music-Komposition, ist grossartig: treibend, pulsierend, amerikanisch im besten Sinne, mit motorischer Energie, rhythmischem Druck, glänzenden Streichern, Bläsern und jener Helligkeit, die bei Adams nie einfach optimistisch ist, sondern immer auch etwas Gefährliches hat. Die Musik läuft nicht, sie schiebt. Sie hat Schubkraft, Verkehr, Maschinenraum, plötzliches Aufleuchten. Man hört, warum Adams zu den wichtigen Komponisten der Gegenwart gehört: Diese Klangwelt ist zugänglich, aber keineswegs bequem.
Christian Spuck übersetzt das in ein Bühnenbild von Rufus Didwiszus, das zwischen Konstruktion, langsam herabsinkenden, oranmentalen Metallplatten und einer urbanen Versuchsanordnung changiert. Die Bühne arbeitet mit Linien, Flächen, Verschiebungen; die Körper geraten in Gruppen, Gegenbewegungen, Formationen. Man spürt den Wunsch, die rhythmische Energie der Musik sichtbar zu machen. Und doch bleibt die Choreographie für mich schwerer zu greifen als die Komposition. Sie sucht viel, sie bricht immer wieder die Symmetrie, sie behauptet manches, aber sie findet nicht immer den zwingenden Zugriff.
Das liegt auch an den vier Hauptfiguren, die wie Orientierungshilfen angeboten werden. Ich hätte sie nicht gebraucht. Sie überdecken die eigentliche Stärke des Abends: das Ensemble, seine Präsenz, seine Fähigkeit, auch unklare choreographische Setzungen mit Energie, Ernst und technischer Souveränität zu tragen.
In Summe ist Fearful Symmetries trotzdem ein wichtiger Abend: nicht der überwältigende Durchbruch, nicht der Coup wie andere Spuck-Momente, aber eine weitere Farbe im Portfolio des momentan wohl besten Ensembles in Deutschland. Ein Abend, der zeigt: Dieses Staatsballett kann nicht nur glänzen. Es kann auch suchen. Und manchmal ist schon das ziemlich sehenswert.
Side Feature
“Freiraum Kunst” im Schloss Bellevue ist zunächst eine sehr schöne Geste. Der Bundespräsident räumte seinen Amtssitz vor der Sanierung, die Akademie der Künste zieht ein, und aus einem Haus politischer Repräsentation wird für kurze Zeit ein Ort der Gegenwartskunst. Das Schloss ist dabei nicht nur Kulisse, sondern Teil der Versuchsanordnung: Machtzimmer, Leerstand, Demokratie-Symbol, Besucherstrom, Sicherheitskontrolle bei 40°C im Schatten.
Zu sehen sind Arbeiten von Künstler*innen wie Wolfgang Tillmans, Katharina Grosse, Monica Bonvicini, Bjørn Melhus, Gregor Schneider, Karin Sander und Jochen Gerz. Gerade Gerz’ Arbeit, dieses Video mit “Rufen bis zur Erschöpfung”, ist im politischen Kontext sehr gut gewählt. Es klingt mehrfach wie ein roter Faden durch die Ausstellung: als Kommentar auf Öffentlichkeit, Ansprache, Macht, Ermüdung und die Frage, wer eigentlich noch hört, wenn so viele rufen.
Besonders hübsch, fast zu hübsch, ist Sanders “Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier 1:5”, ein 3D-Farbscan als polychromer Druck. Liebling, ich habe den Präsidenten geschrumpft. Man steht davor und denkt: So klein wird Staatsmacht selten gezeigt, und doch bleibt sie erstaunlich korrekt gekleidet.
Das Problem: Die Ausstellung bleibt unter ihren Möglichkeiten. Man hört, dass nicht sehr viel Zeit für die Vorbereitung war, und man sieht es leider auch. Vieles steht eher nebeneinander, als dass es sich wirklich am Ort reibt. Bellevue hätte mehr Zumutung, mehr Raumdramaturgie, mehr politische Reibung vertragen. Aber die Geste bleibt lobenswert: ein hohes Haus der Kunst zu öffnen, ist in diesen Zeiten mehr als symbolische Dekoration. Nur hätte aus dem geöffneten Haus noch stärker ein irritierendes Haus werden dürfen.
Next Feature
Double Feature geht in die Sommerpause und kehrt im August mit neuen Ausgaben zurück – unter anderem mit einem Bericht aus der Provence und von den drei grossen “A” – Aix, Arles, Avignon. Passt auf euch auf und geniesst den Sommer.
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
