„Figures in Extinction“, Niederlande Dans Theater | Paul Klee, Bode Museum Berlin
Tiere, Tanz, Tränen
Double Feature 27/25
John Berger war ein britischer Kunstkritiker und Essayist, bekannt durch sein Buch und die TV-Serie „Ways of Seeing“. Wer gerne in Museen und Galerien geht, muss diesen Text und/oder die Serie kennen, muss einfach.
Berger betonte, dass Sehen ein aktives Tun ist: „We only see what we look at“ – zu Deutsch etwa „Wir sehen nur, was wir betrachten“. Unser Blick formt also die Welt mit. Berger zeigte zum Beispiel, wie das Tier im Zoo zum symbolischen Wunschbild wird: „Das Leben des wilden Tiers wird zum Ideal, … ein internalisiertes Ideal, das einen verdrängten Wunsch in Form eines Gefühls umkleidet.“. Ein Satz, der besser wird, je öfter man ihn liest – ich habe es ausprobiert…
Nun, wilde Tiere sind am Aussterben, der Blick auf die Bühne ist, wenn es gut läuft, ein Blick ins Innere – und auf der Bühne werden häufig verdrängte Wünsche thematisiert. Damit ist der Bogen gespannt für eines der faszinierendsten Tanztheater-Erlebnisse seit längerer Zeit.
Main Feature
Das Aussterben der Flora und Fauna, menschengemacht – das Sterben des Menschen und der Umgang der Lebenden mit den Toten, schicksalhaft und selbstbestimmt gleichermaßen. Willkommen in der Deutschen Oper Berlin bei einem Gastspiel des Nederlands Dans Theater. In “Figures in Extinction”greifen Choreographin Crystal Pite und Theater-Regisseur Simon McBurney vom Theatre Complicité die Texte John Bergers und noch einiger mehr in drei etwa halbstündigen Teilen auf – insbesondere aus seinem Essay “Why Look at Animals?”. Schon im ersten Teil dient Bergers Text als melancholischer Unterton, wenn wir ausgestorbene Lebewesen betrachten.
Teil 1: The List – Das Aussterben der Arten
Der erste Teil “The List” stellt eine düstere Galerie ausgestorbener Spezies dar. Aus dem Off rezitieren die Erzähler (ein junges Mädchen und Simon McBurney himself) mit nüchternen Stimmen alle Tiere, Pflanzen und Gewässer, die der Mensch unwiederbringlich ausgelöscht hat. Auf der Bühne imitieren die Tänzer*innen diese verloren gegangenen Wesen in ausdrucksstarken und faszinierenden Bildern – der Giftfrosch, der Säbelzahntiger, das Karibu, der Handfisch und viele mehr ziehen in fast traumhafter Choreografie vorbei. Ein Tänzer trägt überlange Hörner an den Armen: Er verhält sich wie dieses ausgestorbene Tier und zeigt damit gleichzeitig, wo das Tier in unserem Körper lebt. Zwischen diesen Porträts blitzt sarkastischer Humor auf: Ein schmieriger Klimawandel-Leugner samt Trump-Übertiteln mischt sich dazwischen, wie ein politischer Kabarettist am Ende des Abends. Die eingesetzten Texte geben dem ersten Teil Tiefe und Substanz, bei aller tänzerischen Meisterschaft. Diese Kombination aus eindrucksvollen Tier-Imitationen, übersteigerten, ausholenden Bewegungen im typischen Stil Pites und sprachlich-poetischer Spiegelungen ist präzise, überwältigend dicht, mitreißend. „Will they come back?“ fragt am Ende die Kinderstimme – wir kennen die Antwort.
Teil 2: But then you come to the humans – Der Mensch im Spiegel
Der zweite Teil “But then you come to the humans” richtet den Blick auf uns selbst. Monologe und Tonaufnahmen – darunter der britische Psychiater Iain McGilchrist – warnen eindringlich davor, unsere emotional-intuitive Seite zugunsten kalter Rationalität zu vernachlässigen. Die Tänzer*innen interpretieren dies als Befreiungstanz: Nach einer starren, auf Handyscreens starrenden Stuhlchoreographie wird es anarchischer, reissen alle ihre steifen Business-Anzüge ab, werfen die Bürostühle zur Seite und feiern in Alltagskleidung ungehemmte Lebenslust. Crystal Pite fasst zusammen: „In diesem zweiten Teil geht es darum, unser eigenes Aussterben zu verstehen: Wie sind wir hierhergekommen? … Was ist der Kern der Krise… die gestörte Beziehung, die wir zur lebenden Welt haben? Die Entfremdung von uns selbst?” Typisch Pite zeigt sich hier ihr klarer, fast kriminalistisch präziser Bewegungsstil, überwältigend genau auf einen Text gelegt. Dies verstärkt, abstrahiert, illustriert und karikiert in mitreissender Abfolge und Balance. Gemischt ist es mit der theatralischen Dramaturgie von McBurneys Complicité: Schauspiel, Literatur-Textauszüge und Projektionen verweben sich dicht. Die Bilder sind hier wieder extrem suggestiv und vielschichtig – ein Aufschrei nach Begegnung und Mitgefühl, bei dem jede Figur zum Teil eines organischen Ganzen wird.
Teil 3: Requiem – Das Abschiedslied
Der dritte Teil “Requiem” geht über zum Thema Tod und Abschied. Zur Musik von Mozarts Requiem/Lacrimosa umtanzen die Tänzer*innen in Schweigen ein Todesbett – ein letztes Mahl, eine Meditation über Vergänglichkeit. Das Licht-/und Projektionsdesign von Tom Visser wirft schattenhafte Geister-Bilder an die Wand, als befinde man sich in einer halb-gedankenversunkenen Totenmesse. Simon McBurney beschreibt diesen Teil als Erforschung unserer Entfernung von den Toten: „In diesem Stück geht es um die Vergänglichkeit der Menschheit und warum wir uns von den Toten entfernt haben.“ Wer bin ich, wer waren meine Vorfahren, wie kann ich mich ihnen verbunden fühlen – bewegende Tänzer*innen-Momente. Dieser Abschiedstanz wirkt wie ein stiller Ausklang, ein liturgisches Finale der Trilogie. Das gesamte Stück kulminiert hier in einem leidenschaftlichen Moment – ein unübersehbarer Abgesang auf das Aussterben, ein leidenschaftliches Statement und zugleich ein Aufruf, anders zu denken und anders zu handeln. Dass dies ein ästhetisch absolut packender Abend noch “on top” beim Betrachter auszulösen vermag, ist sein weiterer Verdienst.
Man spürt, wie kondensiert jede Szene ist, der ganze Abend ist hochkonzentriert, leidenschaftlich, intellektuell und melancholisch. So etwas war lange nicht auf Berliner Tanzbühnen zu sehen – es ist fast zu viel für unsere Sinne – und doch genau dadurch umso bewegender: “Figures in Extinction” führt uns an die Grenze des Seins, um von dort einen dringend nötigen Blick auf unsere Welt zu werfen.
Side Feature
Erinnert ihr euch eventuell noch an die letzte Woche in „Double Feature“: Rilke hatte den Engel als Wesen beschrieben, das „die Verwandlung des Sichtbaren in Unsichtbares“ leistet – und uns “schrecklich” macht.
Im Berliner Bode-Museum erscheinen Engel nun auch als Zeugen der Geschichte. Die Schau “Der Engel der Geschichte” rückt Klees “Angelus Novus”ins Zentrum – jenes Aquarell, das Walter Benjamin 1921 erwarb und in seinem letzten Text zum „Engel der Geschichte“ machte.
Klees Engel faßt als wertvolle Leihgabe aus Jerusalem „Schönheit und Schrecken“ des Jahrhunderts in sich. Die Schau versammelt zudem Engel aus Berliner Museen, die im Krieg verbrannten oder zerfielen. Durch den Raum hallt Wim Wenders’ “Himmel über Berlin”: Seine Engel Otto Sander und Bruno Ganz über dem geteilten Berlin weisen still auf Klees Aquarell und Benjamins Deutung.
Zwischen Rilkes Ferne und dieser kleinen, aber sehr feinen Schau pendelt unser Blick. Rilkes Engel lebt im Unsichtbaren – darum „schrecklich für uns“. Die Bode-Engel sind erdenschwer: Putten und Statuen aus zerbombten Kirchen. Sie beklagen die Trümmer und zeigen, wie Poesie und Trost aus Scherben wächst.
Next Feature
Im nächsten Double Feature wird es expressionistisch theatralisch. Die für kluge, respektvolle und stylische Textüberschreibungen inzwischen bekannte Regisseurin Anne Lenk bringt am Deutschen Theater Berlin das selten gespielte Stück “Hinkemann” von Ernst Toller auf die Bühne. Wie geschickt im Damals und Heute geht Lenk mit dem Text um?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
