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Aix-en-Provence | Arles | Avignon | 

Aix und Top

Double Feature 27/26

Von der Pflicht, glücklich zu sein: Resignation ist ein merkwürdiges Wort. Der Duden nennt sie das „Sichfügen in das unabänderlich Scheinende“. Das Entscheidende ist das letzte Wort: scheinend. Vielleicht liegt darin bereits ein Rest von Freiheit. Man kann anerkennen, was sich nicht mehr ändern lässt, ohne deshalb auch alles Kommende preiszugeben.

Der plötzliche Tod eines meiner engsten Freunde hat mir keinen unbeschwerten Sommermonat beschert, im Gegenteil, ich beginne erst langsam zu realisieren, was für eine große Lücke er hinterlassen hat. Zwischen den Vorbereitungen für seine Verabschiedung, die vor einer Woche stattgefunden hat, und dem Versuch, das Unfassbare wenigstens organisatorisch fassbar zu machen, wurde eine Reise in die Provence in einigen Momenten auch eine Zeit des Nachdenkens und der Kontemplation. Mehrmals fiel mir Alain und sein schmales, unerschöpfliches Buch Die Pflicht, glücklich zu sein in die Hände. Dort steht der einfache, beinahe unverschämte Satz: „Man muß sein Glück wollen und es machen.“ Nicht als Verdrängung der Trauer, sondern als Arbeit an dem, was trotz allem weitergeht.

Dazu passt Max Reinhardts 1943 geschriebener Text, den Senta Berger bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele las. Theater, schreibt er, brauche „Ruhe und Frieden. Kontemplation und Konzentration.“ Dazu mehr weiter unten. Vielleicht braucht auch das Leben manchmal genau dies: einen anderen Ort, einen anderen Rhythmus und für einige Tage das Rauschen von Platanen.

Main Feature

Drei Städte, ein Requiem: Aix-en-Provence, Arles und Avignon liegen nahe beieinander und könnten doch kaum verschiedener sein: Aix ist die elegante Schönheit, Arles eine römische Stadt mit zeitgenössischem Kunstimplantat, Avignon mittelalterliche Machtarchitektur, die jeden Sommer zur fröhliuchen und erhabenen Bühne wird.

Aix war während unseres Besuchs vom Fußballfieber erfasst – Frankreich spielte mitreißend im WM-Viertelfinale –, ohne dass Trikots und Trikoloren die Noblesse der Plätze überdecken konnten. Hier ist Cézanne beinahe Stadtklima. In seinem absolut sehenswerten Atélier des Lauves etwas außerhalb und erhöht über der Stadt arbeitete er von 1902 bis zu seinem Tod 1906. Seine Malerei zerlegt die sichtbare Welt in Farbfelder, baut Äpfel, Berge und Körper neu zusammen und öffnet damit die Tür zur Moderne. Frische Früchte neben Totenschädeln: Fülle und Vergänglichkeit, peinture und Memento mori. Bewegend – und in diesem Sommer beinahe erschütternd.

Einen ganz anderen, nicht minder konsequenten Weg in die Moderne zeigt die Fondation Vasarely: ein inzwischen ein halbes Jahrhundert altes, noch immer futuristisch wirkendes Gebäude, in dem Victor Vasarelys geometrische Bildwelten mit der Architektur zu einem ebenso stringenten wie überwältigenden Gesamtkunstwerk verschmelzen. Wie bei Cézanne wird auch hier das Sichtbare zerlegt und neu zusammengesetzt – nur mit sehr viel mehr rechten Winkeln. Sehenswert sind schon alleine die metallenen Displays, in denen Zeichnungen und Skizzen halbautomatisch präsentiert werden – und auch die Herrentoillette lohnt den Besuch: Wer vor den dortigen kugelrunden und engst nebeneinander angebrachten Pissoirs steht, muss sich erst einmal vorstellen, dass diese Konstruktion irgendwann tatsächlich als funktionale Lösung durchgewunken wurde.

Beim Festival in Aix wurde Romeo Castelluccis 2019 entstandenes Requiemwiederaufgenommen. Raphaël Pichon und sein Ensemble Pygmalion machen aus Mozarts Totenmesse eine trotzige Feier des Lebens. Der Chor singt, spielt und tanzt mit fast übermenschlicher Präzision; volkstanzartige Ketten und Kreise treffen auf das Dies irae. Ein Kind spielt mit einem Totenschädel Fußball, später kippt der Bühnenboden hoch, Erde und Trümmer rutschen ab, am Ende sitzt ein Baby in der Leere. Castelluccis Symbolmaschine läuft wie immer auf Hochtouren – diesmal greift fast jedes Zahnrad. Wir verließen den sommerlichen Hof stumm und fanden erst eine halbe Stunde später, unter wunderbaren Platanen und bei einem Glas Wein, wieder Worte für das Gesehene.

Arles ist rauer, römischer, ein wenig selbstgefälliger. Die Roche-Erbin Maja Hoffmann hat auf einem früheren Eisenbahngelände mit LUMA einen weitläufigen Kunstcampus geschaffen, überragt von Frank Gehrys Turm: ein typischer Gehry, diesmal überraschend funktional, mit einer Rotunde als Echo des Amphitheaters und einer Metallhaut, die an die nahen Alpilles erinnert. Ist dies ein idealer Ort für Kunst? Oder nur eine weitere Umlaufstation jenes globalen Ausstellungskanons, dessen Künstlerinnen und Künstler längst überall gesehen wurden? Das kann offenbleiben. Während der Rencontres de la photographie war die Stadt jedenfalls bevölkert von Individuen, wie man sie sonst nur bei Biennale-Eröffnungen sieht. Dazu hervorragendes Essen und Restaurantbesitzer, bei denen man sich als Gast erst qualifizieren musste. Auch das gehört offenbar zum Gesamtkunstwerk.

Die Gegenbewegung bietet Lee Ufan Arles. Der 1936 in Korea geborene Künstler und Theoretiker der Mono-ha verbindet Naturstein und industrielle Materialien; seine Bilder reduzieren sich bis zum einzelnen Zeichen, zum Zwischenraum, zur Leere. Die Grenze zum installativen Wellnesskitsch ist dünn. Hier wird sie nicht überschritten. Die Räume schaffen Einkehr, Konzentration – und in der provenzalischen Hitze auch etwas Kühle.

Avignon schließlich überwältigt. Seit 1309 residierte hier für ein paar Jahrzehnte der päpstliche Hof; der Palais des Papes ist eine in Stein gesetzte Demonstration geistlicher und weltlicher Macht. Wer noch nie vor dieser gewaltigen Fassade gestanden hat, muss es erleben. Und auch innen rauben einem die Dimensionen der großen, fast leeren Säle den Atem. In der Cour d’honneur, wo Jean Vilar 1947 den Grundstein für das Festival d’Avignon legte, erlebten wir Isabelle Huppert und Hyeyoung Lee in Oiseau, nach Han Kangs Roman Impossibles adieux. Die Geschichte der Literaturnobelpreisträgerin führt durch einen Schneesturm auf die Insel Jeju, zu einem zurückgelassenen Vogel, einer Familiengeschichte und einem lange verschwiegenen Massaker. Nicht jeder Moment der zweisprachigen Lesung war zwingend. Der Titel war es: unmögliche Abschiede. Und im wunderbaren Kontrast dazu das überbordende, die ganze Stadt erfassende Off-Theater und Strassentheater-Festival, in seiner Form einzigartig und einen eigenen Besuch wert. 

So wurde die Provence keine Flucht, sondern ein Resonanzraum – zum Sammeln, Stärken und Weitergehen. Was bleibt, sind das Rauschen der Platanen und der permanente Soundtrack der Zikaden: ausschließlich die Männchen, die den ganzen Tag in balzender Absicht ihr lautes Surren produzieren. Auch das ist Lebenswille. Nur deutlich weniger diskret.

Side Feature

 

Die richtige Stimme: Senta Berger war für diesen Auftritt nicht nur eine gute, sondern die einzig richtige Besetzung. Bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele las sie einen Text Max Reinhardts aus dem Jahr 1943 – genauer gesagt: Sie las ihn nicht bloß, sie stellte ihn in den Raum. Mit jener Mischung aus Grandezza, Lebenserfahrung und gefährdeter Wärme, die große Schauspielerinnen besitzen und die sich nicht durch Lautstärke ersetzen lässt.

Reinhardt, Mitbegründer der Salzburger Festspiele, schrieb im amerikanischen Exil über eine Welt, die selbst zur Bühne geworden sei. Die Hauptrollen spielten Machthaber im Licht tausender Scheinwerfer, ihre Befehle verkündeten sie unter dem Donner der Kanonen; die Menschheit sitze stumm im Zuschauerraum und zahle ein schrecklich hohes Eintrittsgeld. Ein Text von 1943, dessen Gegenwartsnähe nicht nur geistreich, sondern vor allem bestürzend ist.

Im Zentrum steht jedoch keine kulturpessimistische Kapitulation. Reinhardt fragt, wie Theater gegen die tausend wirklichen Tragödien bestehen könne, die täglich auf Menschen einstürzen. Seine Antwort liegt im gemeinsamen Erleben: Schauspieler und Zuschauer machen eine Unwirklichkeit wirklich, um zusammen zu lachen und zu weinen. Theater braucht dafür Ruhe, Frieden, Kontemplation und Konzentration – lauter Begriffe, die im gegenwärtigen Dauerfeuer der Nachrichten beinahe anachronistisch klingen und gerade deshalb radikal sind.

Senta Berger gab diesen Sätzen weder falsches Pathos noch abgeklärte Resignation. Sie sprach sie mit Zorn, Trauer und einer ungebrochenen Liebe zur Kunst. Gerade sie, die in ihrer langen Karriere Popularität und Ernsthaftigkeit nie gegeneinander ausspielen musste, verkörperte Reinhardts Hoffnung: dass Kunst die Wirklichkeit nicht verleugnet, ihr aber für einen Moment eine andere Form gibt. Eine passendere Stimme hätte Salzburg kaum finden können.

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Signature D

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