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„Hinkemann“, Deutsches Theater Berlin | Claus Peymann

Männer Mit Mängeln

Double Feature 28/25

“er steht
er wird gestanden
er fällt
er kriecht
er bleibt liegen”

So lautet der “Zertretene Mann Blues” von Ernst Jandl. Männlichkeit – das ist wahlweise Axt im Wald oder Matcha-Latte? Zwischen Testosteron-Pathos und lackierten Fingernägeln irren Männerbilder durch die Gegenwart. Wer bin ich, wenn mir die Kraft fehlt, aber der Schmerz bleibt? Ernst Toller fragt das in “Hinkemann” – ein Mann, verstümmelt im Krieg, zerrissen im Frieden. Ein Held ohne Heldenpose.

Main Feature

Licht aus und Licht an: wir schauen auf eine giftgrüne, schief gewürfelte Küche auf der Bühne und denken an Ernst Toller. Vor über hundert Jahren, 1921, schreibt der 29-jährige Toller im Festungsgefängnis Niederschönenfeld – als politischer Häftling der Münchner Räterepublik – sein Stück Hinkemann. Darin verarbeitet der kriegstraumatisierte Linkssozialist die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs und stellt einen Mann ins Zentrum, dem an der Front „das Genital weggeschossen“ wurde. Eugen Hinkemann, einst stolzer Arbeiter, kehrt als „entmannter“ Kriegsheimkehrer heim, physisch wie seelisch verstümmelt. Tollers Tragödie eines Mannes ohne Geschlecht ist zugleich Anklage gegen die Nachkriegsgesellschaft, die ihre „Helden“ verspottet, ihre Menschlichkeit verliert.

Anders als Brecht, sein Zeitgenosse, der Epik statt Empathie bevorzugte (Brecht nannte Tollers Frühwerk einmal eine „gedichtete Zeitung“ – also allzu pathetisch zeitdokumentarisch), setzt Toller ganz auf Emotionalität und gesellschaftskritischen Expressionismus. Beide Autoren teilen zwar die revolutionäre Gesinnung, doch persönlich konnten sie einander wenig befruchten – ein arrangiertes Treffen 1926 verlief „ganz schief“.

So bleibt „Hinkemann“ ein eigenwilliges Zeugnis jener radikalen Weimarer Theaterzeit, in der Toller aufwühlte, während Brecht eher distanziert verfremdete.

Nun also 2025: Regisseurin Anne Lenk – bekannt dafür, klassische Stücke respektvoll mit einer zeitgenössischen Sicht und sehr styslish zu modernisieren – wagt sich an “Hinkemann”. Sie fokussiert voll aufs Männerthema und stellt klischierte Männlichkeits-Bilder aus.

Bühnenbildnerin Judith Oswald hat ein Kabinettstück von einem Setting geschaffen: eine expressionistisch verzerrte Mini-Küche, in grelles Grün getaucht, wie ein Albtraum à la “Caligari”. Darin lehnt zu Beginn Eugen am Fenster, ein gelbes Vögelchen zärtlich in der Hand – ein blind gemachter Kanarienvogel, Sinnbild seiner eigenen Versehrtheit und des verlorenen Glücks. Lenk und ihr Team schieben dieses Kammerspiel kurzerhand in eine surreale Revue: Mit kühnen Schwarzblenden und Video-Projektionen flirrt die Inszenierung zwischen den 1920ern und 2020ern. 

Mal tragen die Figuren Schiebermütze und Bluse, mal plötzlich Grete im bauchfreien Top – ist das jetzt 1920 oder 2020? Naheliegende Pointe: Die Zeit springt, doch die Mechanismen bleiben. Immer wieder zuckt ein absurd-komisches Herrenballett in Unterhosen über die Szene, jeden ein Plastiktier an den geballten Bizeps gedrückt, und markiert übertrieben das, was Hinkemann fehlt. Der schmierige Jahrmarktsbudenbesitzer brettert gar in einem raketenförmigen Phallus-Mobil auf die Bühne – die Bezos-Rocket lässt grüssen.

Trotz aller ironischen Brechungen lässt Moritz Kienemann als Eugen keinen Zweifel an Tollers tragischem Kern. Mit weicher Körperlichkeit und Wunden in der Stimme spielt er den Hinkemann als zerrissenen Kämpfer, dem man in jeder Faser anmerkt, wie der Verlust seiner Männlichkeit an ihm nagt. In einem Schlüsselmoment brüllt er verzweifelt ins Publikum: „Lacht doch! Lacht mich doch aus!“ Kienemann verkörpert den „vielschichtigen Schmerz“ dieser Figur mit suchender Intensität, hier hat ein Schauspieler eine grosse Gelegenheit erhalten und nutzt sie, während er allerdings gleichzeitig in einigen Momenten selbst noch wie ein Debütant wirkt. 

Und dann kommt der große Regie-Kniff: Anne Lenk gönnt Hinkemann ein Quäntchen Glück, das Toller ihm verwehrte. Am Ende deutet sie die finstere Tragödie zur Hoffnung um – von der zerstörten Männlichkeit zur Utopie einer neuen Männlichkeit. Während Toller seine Grete am Ende verzweifelt sterben lässt, setzt Lenk auf Versöhnung: Grete (stark und herzlich: Lorena Handschin) ist von Eugens machohaftem Freund Paul schwanger, doch Eugen zerbricht nicht daran. Er nimmt Grete in die Arme, akzeptiert das Kuckuckskind – ein Familienfrieden jenseits traditioneller Geschlechterrollen. Licht aus. 

Hier wird das Ende der alten Männlichkeit zur Chance, den Mann als Mensch zu sehen. Wie reagiert man darauf? Triumph der Humanität? Ja, sie gibt dem Abend etwas Tröstliches, sogar Zärtliches mit auf den Weg. Aber ein Teil von mir vermisst das Abgründige und hätte sich gewünscht, dass sich Anne Lenk mehr den expressionistischen und nihilistischen Tiefen des Texts ausgesetzt und sich nicht allzu schnell und ironisch brechend in die Utopie geflüchtet hätte. Schliesslich lässt sie dann nämlich doch noch Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ und Margot Friedländers „Sei ein Mensch“ erklingen – passt das zu Tollers Furor?

Lenks “Hinkemann” findet am Ende aus dem Trauma heraus noch Kraft zum Träumen – wann ist ein Mann ein Mann? Beim Verlassen des Theaters hat sich der berühmte Grönemeyer-Song für längere Stunden in meinem Kopf eingenistet – danke recht sehr, Herbert!

Side Feature

Claus Peymann ist tot – ein König des Theaters, der sich nie mit weniger als Totalität begnügte. Als Intendant in Stuttgart, Bochum, Wien und am Berliner Ensemble prägte er über Jahrzehnte das deutschsprachige Theater wie kaum ein anderer: streitlustig, brillant, oft unerträglich. Mit Thomas Bernhards “Heldenplatz” schrieb er 1988 in Wien Theatergeschichte – ein wütendes Stück gegen Österreichs Verlogenheit, ein Skandal mit Ansage. Am Berliner Ensemble führte er sich später oft auf wie ein absolutistischer Herrscher: misstrauisch gegenüber Kritik, unverrückbar im eigenen Urteil. Peymann war nie Demokrat, aber ein Fanatiker des Theaters – eines, das wehtun, kratzen, schreien soll. Er nannte sich selbst einen „Reißzahn im Hintern der Regierung“ – und war stolz darauf. Seine Inszenierungen waren oft furios, manchmal aus der Zeit gefallen, später eigenartig bieder, aber nie egal. Mit seinem Tod verliert das Theater eine Rampensau mit Revolutionspathos.

Next Feature

Im nächsten Double Feature  – dem letzten vor der Sommerpause – geht es in die Neue Nationalgalerie in Berlin. Hier wird Lygia Clark, einer prominenten brasilianischen Künstlerin des Neo-Konkretismus die erste Retrospektive in Deutschland bereitet. Was ist zu sehen und wird es zu einer Entdeckung?

Ich werde berichten…

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