„The Odyssee“ von Christopher Nolan | „Greek Myths“, Taschen Verlag |
Männerschweine in 70mm
Double Feature 28/26
Die griechische Antike war für mich nie nur Schulstoff, sondern früh schon ein gewaltiger Erzählraum. Gustav Schwabs Sagen des klassischen Altertums habe ich damals regelrecht verschlungen: Götter, Helden, Monster, Verrat, Liebe, Hybris und Absturz – im Grunde ist dort bereits alles angelegt, wovon Geschichten bis heute handeln. Gerade deshalb bleibt die Antike so faszinierend. Besonders dann, wenn das scheinbar Übermenschliche und Göttliche plötzlich ins Menschliche, Allzumenschliche kippt: Zeus wird eitel, Odysseus müde, Helena zur Projektionsfläche. Dann ist uns der Olymp erstaunlich nah. Wie war es alles wirklich, damals, in der Antike? Darüber kann man viel recherchieren und lesen. Viel wichtiger scheint mir, was wir im Hier und Jetzt denken, das es gewesen ist. Zumal bei Temperaturen, wie man sie sonst eher auf der Akropolis vermuten würde.
Main Feature
Christopher Nolan dreht Filme, als müsse das Kino seine Existenzberechtigung alle drei Jahre erneut beweisen. Seine Szenarien sind bombastisch, seine Bilder gewaltig, seine Musik meist noch etwas gewaltiger. Und doch besitzt dieses Kino etwas erstaunlich Direktes, beinahe Handwerkliches. Bei Nolan ist die Welt nicht bloß CGI-errechnet: Metall hat Gewicht, Schiffe geraten tatsächlich in Wellen, Staub setzt sich auf Gesichter, und Menschen wirken, als hätten sie die Wege, von denen erzählt wird, wirklich zurückgelegt. Selbst das Unmögliche erscheint bei ihm nicht digital glatt, sondern zivilisatorisch roh.
In The Odyssey dominiert dieses Prinzip so vollständig wie selten zuvor. Nolan und sein Kameramann Hoyte van Hoytema drehten 91 Tage lang in Marokko, Griechenland, Italien, Island und Schottland: auf dem Meer, in Höhlen, Wäldern und kargen Landschaften, die nicht als pittoreske Antike verkleidet werden müssen, weil sie schon von selbst älter als jede Erzählung wirken. Die sizilianische Insel Favignana steht für Ithaka, die Küste bei Essaouira für Teile der Irrfahrt, Islands schwarze Landschaften liefern eine Welt, in der Menschen tatsächlich den Göttern ausgeliefert scheinen.
Erstmals wurde ein vollständiger Spielfilm mit IMAX-Filmkameras aufgenommen. Das ursprünglich gedachte Format ist IMAX 70 Millimeter mit einem fast quadratischen Bild. In Deutschland existiert allerdings kein Kino, das diese analoge Fassung projizieren kann. Aber in 70mm sollte man sich dieses Opus definitiv anschauen, wenigstens.
Erzählt wird Homers Geschichte von Odysseus, der nach der Zerstörung Trojas nach Ithaka, zu Penelope und seinem Sohn Telemachos zurückkehren möchte. Aus der Heimfahrt werden zehn Jahre. Der Zyklop Polyphem, die Zauberin Circe, die Sirenen, das Totenreich, Kalypso und der Zorn Poseidons: Nolan berücksichtigt nahezu jede Station, ordnet sie aber nicht brav hintereinander. Erinnerungen, Berichte und Gegenwart greifen ineinander. Wie schon in Oppenheimer wird Chronologie bei ihm nicht aufgehoben, sondern emotional neu sortiert.
Dabei sind die Massenszenen ungeheuerlich. Das Trojanische Pferd, der Fall der Stadt, die Schiffe und die immer weiter schrumpfende Mannschaft besitzen die Wucht des alten Monumentalkinos, aber nicht dessen saubere Heldenpose. Ebenso stark sind die stilleren Szenen: Penelopes Warten, Telemachos’ Unsicherheit oder die Gespräche eines Mannes, der zwar überlebt hat, aber längst nicht mehr weiß, wer von ihm heimkehren wird.
Für beträchtliche Aufregung sorgte schon vor dem Kinostart die vermeintlich „woke“ Besetzung. Lupita Nyong’o spielt Helena von Troja und deren Schwester Klytaimnestra, der trans Schauspieler Elliot Page den griechischen Krieger Sinon, der den Film sogar eröffnet. „Get woke, go broke“ lautete lange eine aus gewissen Richtungen mit erstaunlicher Freude vorgetragene Formel. Ob The Odyssey überhaupt irgendwelche „woken“ Statements abgibt, kann getrost offenbleiben. Entscheidend ist, dass Nyong’o und Page in ihren Rollen vollkommen überzeugen und sich nahtlos in Nolans Antike einfügen. Helena von Troja ist schließlich keine historisch dokumentierte Blondine, sondern eine mythologische Projektionsfläche – und die Vorstellung, ausgerechnet ein antikes Epos müsse nach heutigen ethnischen Kategorien „authentisch“ besetzt werden, besitzt eine gewisse unfreiwillige Komik.
Matt Damon ist dafür die ideale Besetzung: kein marmorner Halbgott, sondern ein kluger, sturer, zunehmend erschöpfter Mann. Anne Hathaway gibt Penelope in unglaublich lange gehaltenen Close-Ups Würde und unterdrückte Wut, Robert Pattinson macht aus dem Freier Antinoos weit mehr als einen dekorativen Bösewicht. Der Höhepunkt aber ist Samantha Morton als Circe. Sie spielt diese Frau zugleich kindlich, wahnsinnig, verführerisch und tief traumatisiert. Wie sie Odysseus’ Männer in Schweine verwandelt, muss man gesehen haben – auch, weil Nolan die Verwandlung weniger als Zaubertrick denn als Enthüllung ihrer ohnehin vorhandenen Natur inszeniert.
Etwas ab fällt Charlize Theron als Kalypso. Sie sieht wie immer überwältigend aus (vor allem auch in ihren Outfits bei der begleitenden Presse-Odyssee). Ihr allzu optimiertes, fast unwirkliches Erscheinungsbild wirkt jedoch eigenartig künstlich in einem Film, der ansonsten mit jeder Pore, jeder Wunde und jedem Stein auf Echtheit besteht.
Die Marketingmaschine rollt derweil ähnlich unaufhaltsam wie die griechische Flotte. Ob man Popcorn aus einem Trojanischen Pferd essen muss, darf bezweifelt werden. Dass The Odyssey der Sommerblockbuster des Jahres ist, dagegen kaum. Außerdem ist es im Kino angenehm kühl.
Entscheidend ist jedoch Nolans Blick auf den Krieg. Die Eroberung Trojas ist hier keine Heldentat, sondern ein Bruch der Zivilisation. Odysseus kehrt nicht als Sieger zurück, sondern als Mann, den der Krieg von sich selbst und seinen moralischen Gewissheiten entfernt hat. Der Aufbruch von Odysseus und Penelope am Ende ist deshalb kein bequemes Happy End. Er führt in eine ungewisse Zeit, in der der Mensch erst wieder herausfinden muss, was Menschlichkeit bedeutet. Eine dreitausend Jahre alte Geschichte – und eine erstaunlich heutige Botschaft, egal, ob Homer es nun so gemeint hat oder nicht.
Side Feature
Wer nach Nolans monumentaler Irrfahrt noch nicht genug von Göttern, Helden und Menschen hat, die regelmäßig an ihrer eigenen Hybris scheitern, sollte sich Greek Myths aus dem TASCHEN Verlag ansehen. Wobei „ansehen“ hier beinahe wörtlich zu verstehen ist: Das großformatige, 336 Seiten starke Coffee Table Book ist weniger ein Buch, das man pflichtbewusst von vorne nach hinten durcharbeitet, als eines, in dem man sich sehr gern verliert. Es ist aufwendig gebunden, erfreulich schwer und mit einem Lesebändchen ausgestattet – kurz: ein Buch, das auch geschlossen bereits eine gewisse Wirkung entfaltet.
Grundlage sind die Erzählungen aus Gustav Schwabs bereits erwähnter Sammlung der griechischen Sagen. Sie führen von den olympischen Göttern über Perseus, Herakles und Jason bis zum Trojanischen Krieg und schließlich zu Odysseus’ langer Heimreise. Damit liefert der Band nicht nur die Vorgeschichte und den mythologischen Resonanzraum zu Nolans Film, sondern macht auch sichtbar, wie eng all diese Figuren, Familien und Katastrophen miteinander verbunden sind.
Das Besondere ist die Gestaltung. Die klaren, kraftvollen Zeichnungen von Clifford Harper treffen auf historische Arbeiten bedeutender Künstler aus dem Goldenen Zeitalter der Buchillustration. Dadurch entsteht keine einheitlich geglättete Bilderwelt, sondern ein reizvoller Parcours durch unterschiedliche Epochen und Vorstellungen davon, wie Götter, Monster und Helden auszusehen haben.
Absolut lesens- und sehenswert – und für unter 50 Euro tatsächlich auch uneingeschränkt kaufenswert.
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with cultural regards,
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