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Lygia Clark, Neue Nationalgalerie Berlin | „And Just Like That“, HBO Max

Kunstluft in Tüten

Double Feature 29/25

Der Sommer in Berlin ist ja im Grunde eine Einladung zur Improvisation. Erst friert man im T-Shirt, dann schwitzt man im Regenmantel. Die hippen Berliner*innen lösen das mit einem Mix aus Sandalen, Lyrca-Trainingshosen, Schal und innerer Unentschlossenheit. In Zürich hingegen wirkt selbst das Schwitzen etwas gepflegter – dort trägt man Leinen, das aussieht wie Absicht.

Die Sommer-Erdbeeren sind endlich gut, obwohl die Karl´s Erdbeerhof-Variante in Berlin etwas fast aufdringlich aromatisch Schmeckendes hat. Naturaplan in Zürich ist da berechenbarer, unaufdringlicher: Schweizerischer halt.

Und das Arbeiten im Sommer, wenn alle anderen in den Ferien sind, ist eine stille Freude, die sich in Zürich ideal mit einem kurzen Badi-Besuch abrunden lässt – bis man dann im Herbst selbst verreist und schlechtes Gewissen schiebt, wenn alle wieder schuften.

Man sagt im Sommer Sätze wie: „Also gestern war’s schöner.“ Und meistens stimmt das auch. Kurz.

In Brasilien ist das Wetter häufig auch sehr schön – und es ist das Geburtsland einer Künstlerin, die ich durch eine überraschende Schau in der Neuen Nationalgalerie erst entdeckt habe, obwohl wir uns einheitlich schon früher hätten kennenlernen sollen – wie zumindest ich finde.

Main Feature

Lygia Clark hat sich nie mit der Oberfläche zufriedengegeben. Ihre künstlerische Bewegung ging – ganz buchstäblich – vom Bild in den Raum, vom Objekt zum Körper, vom Körper zur Erfahrung. Dass ihre erste große Retrospektive in Deutschland ausgerechnet in der Neuen Nationalgalerie gezeigt wird, ist ein Coup. Denn Clarks metallische Frühwerke, diese zwischen Skulptur, Mechanik und Meditation oszillierenden Gebilde, scheinen wie gemacht für Mies van der Rohes gläsernen Tempel der Moderne. Sie scheinen eine überfällige Ergänzung zu den bestens bekannten Calder-Mobiles, die hier zur Wiedereröffnung des restaurierten Gebäudes vor ein paar Jahren zu sehen waren.

Im Zentrum der Ausstellung stehen die Werke der neo-konkreten Phase, die Clark ab den späten 1950ern gemeinsam mit Künstler:innen wie Hélio Oiticica und Lygia Pape in Rio de Janeiro entwickelte – als Widerstand gegen die dogmatische Geometrie des Konstruktivismus und zugunsten eines offenen, poetischen Raumbegriffs.

Ein Modell aus Spanholz und Metallplatten, das wie ein Vorläufer der Neuen Nationalgalerie en miniature wirkt, entstand 1955 unter dem Titel „Baue deinen eigenen Lebensraum“ und gehört zur Serie ihrer sogenannten Architekturen, mit denen Clark in den Raum geht und den Besucher aktiviert. Mir unbekannte Vorläufer einer Nationalgalerie-Bauwelt, wie sie Mies van der Rohe dann eben nicht wie geplant auf Kuba, sondern in Berlin umsetzte.

Die berühmten Bichos – klappbare Metallskulpturen mit tierischen Namen – sind hier mehr als Anschauungsobjekte. In der Halle stehen einige als Repliken bereit, zum Anfassen, zum Bewegen. Sie fordern das Publikum auf, Teil des Kunstwerks zu werden – ein Gedanke, der sich wie ein roter Faden durch Clarks gesamtes Werk zieht.

In den hinteren Räumen beginnt eine andere Reise. Ab dort heisst es: Mitmachen, mitfühlen! Hier treffen wir auf Clarks Sensorial Masks, auf duftende Stoffobjekte, zu bestastende Elemente, Luft in Tüten, Gummibänder, die sich dehnen und fühlen lassen, Körperrituale und medizinisch anmutende Vorrichtungen. Vieles wirkt verstörend, manches aus heutiger Sicht albern und allzu naiv im Wunsch nach der allumfassenden Raum/Körper/Sinnes-Erfahrung.

Doch gerade in dieser buchstäblichen Re-Konstruktion, im Zulassen des Fremden, liegt vielleicht der größte Wert der Werke Clarks heute: dass hier nicht geschaut, sondern gespürt, gerochen, getastet wird – und nicht gescreent, verspannt und dekonstruiert. Dass Kunst sich nicht mehr präsentiert, sondern vermittelt. Und dass dabei nicht nur das Sehen, sondern der ganze Körper angesprochen wird.

Es ist nicht alles gleich stark – manches wirkt wie aus einem esoterischen Workshop entlehnt. Aber in der Gegenwart eines Kunstbetriebs, der inzwischen oft auf Instagrammability setzt, erscheint Clarks insistierende Körperlichkeit überraschend frisch. Diese Ausstellung lässt sich nicht im Vorbeigehen „machen“. Man muss sich ihr aussetzen. Und genau darin liegt ihr Geschenk, zusammen mit einem herrlich antiquiert wirkenden, papiernen Mitmachheft, das mit einem Bleistift ausgefüllt werden kann.

Side Feature

Carrie, wir müssen reden – würde ich die Besprechung eines Theaterstücks schreiben, wenn erst zwei Drittel vorbei sind? Nein. Aber in diesem Fall, nach 8 von 12 Folgen, habe ich Gesprächsbedarf.

Carrie Bradshaw (Sarah Jessica Parker) grübelt einsam in ihrem Luxustownhouse in „And Just Like That – Staffel 3“ – glänzende Kulissen ersetzen aber keine echten Gefühle. Die dritte Staffel der „Sex and the City“-Fortsetzung hat die alte Magie verloren. Einst lebten Carrie & Co. eine perfekte Mischung aus nahbarem Alltagswahnsinn und glamourösem Großstadtmärchen – doch diesmal stimmt die Balance nicht. Alles wirkt aus dem Takt: Dialoge, Beziehungen, ja selbst die immer eine Nummer „too much“ aufgetragenen Outfits – es ergibt keinen Rhythmus, keine Erzählung, keinen Trost, keine Haltung, und die Serie verliert sich in bloßen Oberflächlichkeiten, statt mit echtem Interesse spannende Fragen über das Älterwerden zu stellen. Die Hauptfiguren sind durchweg wohlhabend und privilegiert, Identifikationsmomente für Normalsterbliche fehlen völlig. Soweit ok, aber ist das Gezeigte ernstgemeint, ist es Parodie, soll es irgendetwas über Trumptown oder Dems-Krise erzählen? Das bleibt leider auch nach 8 Folgen unklar. Und: Einmal Zuschauer-Lächeln pro Folge ist nicht genug. Am Anfang spricht die Serie einmal vom „Hate-Watching“ einer billigen TV-Dokusoap. Meinten die Macher am Ende sich selber? Was einst charmant und “relatable” war, fühlt sich nun an wie ein elitäres Raumschiff, das als New York getarnt durch seelenlose Story-Galaxien schwebt.

Auch die Handlung dümpelt vor sich hin. Carrie und ihre Jugendliebe Aidan zelebrieren eine endlose On-off-Romanze in Zeitlupe – hallo, wie alt seid ihr eigentlich? Mit aller Mühe versucht die Serie, daraus Tiefe oder Humor zu schöpfen, doch heraus kommen nur Langeweile und der Wunsch, ein Crowdfunding für eine Paartherapie der Beiden zu starten – welche sie sich natürlich locker selbst leisten könnten. Und als Krönung des Chaos stirbt Lisa Todd Wexleys Vater – schon wieder! Der arme Mann wurde in Staffel 1 bereits für tot erklärt, tauchte in Staffel 2 quicklebendig auf und musste nun zum zweiten Mal dran glauben. Die Serienmacher scheinen selbst den Überblick verloren zu haben. Kurz gesagt: And just like that… ist der Lack ab. Carrie, das geht besser, mach´ es für uns Ü50 ”Guys and Girls” – und für New York.

Next Feature

„Double Feature” geht in die Sommerpause und meldet sich Anfang September mit einem Bericht von den Salzburger Festspielen. Aber keine Sorge – eine kleine „Sonderausgabe“ wird es geben, ich habe in meinem Archiv gestöbert. Ich wünsche euch den Sommer, den wir alle verdienen und freue mich auf das Wiederlesen.

Ich werde berichten…

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