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„Vanya“, Komödie am Kurfürstendamm | „Drei Drachen vom Grill“ |

Wanja allein zu Haus

Double Feature 29/26

„Wir werden leben, Onkel Wanja.“ So beginnt in Tschechows Theaterstück Sonjas berühmter letzter Trostversuch. Nach all den verpassten Lieben, verschwendeten Jahren und geplatzten Hoffnungen verspricht sie nicht Glück, sondern Arbeit, Weiterleben – und irgendwann Ruhe. Ein erstaunliches Ende: resignativ und hoffnungsvoll zugleich. Vielleicht ist es gerade deshalb heute wieder so berührend. Nicht alles wird gut. Aber es geht weiter. Und vielleicht genügt manchmal genau das.

Tschechows Schlussmonolog ist Theatergeschichte – und längst auch Filmgeschichte. In Ryūsuke Hamaguchis Drive My Car wird er von der gehörlosen Schauspielerin Park Yu-rim als Sonja in koreanischer Gebärdensprache gespielt: fast lautlos und gerade deshalb von ungeheurer Wucht. Für mich einer der bewegendsten Momente dieses ohnehin großartigen Films. Manchmal muss man einen Text eben nicht hören, um zu verstehen, was er sagt.

Main Feature

Es passiert eigentlich fast nichts. Und gleichzeitig passiert das ganze Leben. Vielleicht ist Onkel Wanja deshalb für mich Anton Tschechows bestes Stück. Menschen sitzen auf einem russischen Landgut herum, arbeiten, trinken, verlieben sich in die Falschen, beklagen ihre vertane Zeit und träumen davon, endlich etwas zu verändern. Was sie selbstverständlich nicht tun.

Wanja hat sein Leben der Verwaltung des Gutes seines Schwagers Serebrjakow geopfert und erkennt irgendwann, dass der verehrte Professor vielleicht doch nur ein ziemlich mittelmäßiger Mann ist. Arzt Astrow liebt die schöne Jelena, Sonja liebt Astrow, Jelena möglicherweise auch – und Wanja liebt natürlich ebenfalls Jelena. Ein perfektes System unglücklicher Zuneigungen. Dazu kommen Müdigkeit, Klimasorge avant la lettre, Provinz, Alkohol und die Erkenntnis, dass das eigene Leben möglicherweise schon weitgehend vorbei ist, bevor man überhaupt angefangen hat, es zu leben. Tschechow eben.

Wie ungeheuer modern das sein kann, zeigte Jürgen Goschs legendäre Inszenierung am Deutschen Theater, die 2008 Premiere hatte und zum Theatertreffen eingeladen wurde. Johannes Schütz stellte die Schauspieler in einen mit frischer Erde bestrichenen Bühnenkasten, einen Samowar in die Mitte – und Gosch vertraute ansonsten beinahe demonstrativ auf Tschechow und sein Ensemble. Ulrich Matthes als Wanja, Jens Harzer als Astrow, Constanze Becker als Jelena und Meike Droste als Sonja spielten nicht russische Melancholie, sondern Menschen. Komisch, erbärmlich, verliebt, verzweifelt. Dreieinhalb Stunden lang. Ich erinnere mich bis heute an diese eigentümliche Mischung aus großer Traurigkeit und fast beiläufigem Humor – und daran, wie nah einem diese Menschen kamen.

Ähnlich nah kommt ihnen Louis Malle in seinem wunderbaren letzten Film Vanya on 42nd Street von 1994. André Gregory hatte über Jahre mit Schauspielern Tschechow geprobt, ohne eine öffentliche Aufführung zu planen; Malle filmte schließlich diese Arbeit im damals halb verfallenen New Amsterdam Theatre. Die Schauspieler tragen Alltagskleidung, irgendwann ist nicht mehr klar, wo Gespräch aufhört und Tschechow beginnt. Wallace Shawn ist ein hinreißend unspektakulärer Wanja, Julianne Moore eine Jelena, bei der eine minimale Veränderung des Gesichts mehr erzählt als andernorts ein Monolog. Gerade die intimen Szenen wirken nicht gespielt, sondern ausgesprochen – als würden die Figuren ihre Gedanken erst im Moment des Sprechens entdecken.

Und nun also nur noch einer.

Simon Stephens hat Onkel Wanja zu Vanya verdichtet und alle acht Figuren einem einzigen Schauspieler übertragen. Andrew Scott machte daraus 2023 in London einen Triumph und brachte die Produktion später nach New York. Die Idee ist faszinierend: Vielleicht stecken Wanja, Sonja, Jelena und Astrow ohnehin alle in uns.

Dass die Komödie am Kurfürstendamm das Stück nun im Neuen Haus des Berliner Ensembles bereits in der zweiten Saison zeigt, ist ein mutiger, aber folgerichtiger Schritt. Und mit Oliver Mommsen hat sie einen Schauspieler gefunden, der diesen Abend tatsächlich tragen kann. Er füllt den Raum, hält die Spannung und springt mit Stimme, Haltung und kleinen Requisiten zwischen den Figuren. Manchmal allerdings fast zu deutlich. Denn Stephens’ Text trägt die unterschiedlichen Temperamente und Perspektiven eigentlich bereits in sich; nicht jeder Rollenwechsel müsste zusätzlich ausgestellt werden.

Vor allem aber bleibt bei mir eine grundsätzliche Frage: Warum muss man ausgerechnet Tschechow auf eine Person reduzieren? Denn bei ihm entsteht die Wahrheit doch gerade zwischen den Menschen. Aus dem, was einer sagt, während ein anderer schweigt. Aus einem Blick, einer Pause, einer nicht erwiderten Bewegung. Seine große Melancholie liegt in dieser permanenten Aufbruchsstimmung, die niemals zum Aufbruch führt.

Ja, Oliver Mommsen macht daraus einen sehenswerten Abend. Und weckt bei mir gleichzeitig eine große Sehnsucht: nach Goschs Onkel Wanja. Nach Vanya on 42nd Street. Und nach diesem vielleicht vollkommensten Stück Tschechows – mit allen seinen Menschen.

Side Feature

Wurst Case Scenario: Berlin hat viele offene Wunden. Gentrifizierung, Wohnungsnot, Politikverdrossenheit, Avocado-Toast. Höchste Zeit also, dass Edith Schröder eingreift.

In Drei Drachen vom Grill, dem neuen „Neuköllnical“ der Ades Zabel Company im BKA-Theater, passiert etwas geradezu Verstörendes: Edith nimmt einen Job an. Sie hat einen Imbisswagen geerbt – ausgerechnet im schicken Mitte – und spannt Jutta und Biggy ein. Fortan treffen Bockwurst und Futschi auf Soja-Latte, Food-Influencer, Helikoptereltern und politische Gestalten. Mit Ades Zabel, Biggy van Blond und Bob Schneider ist das genau jene präzise Form Berliner Volkstheater, die man viel zu leicht unterschätzt.

Natürlich ist das zotig. Manchmal sehr zotig. Aber die Zoten sitzen eben ziemlich präzise. Hinter Katzen-Shirts, Leo-Leggings, Fleischbeschau und Fettgeruch steckt eine erstaunlich genaue Beobachtung einer Stadt, in der inzwischen Milieus nebeneinander existieren, die sich gegenseitig ungefähr so gut verstehen wie Edith Schröder eine glutenfreie Speisekarte. Das alte West-Berlin trifft auf das neue Mitte – und beide sehen dabei nicht unbedingt vorteilhaft aus.

Besonders schön ist, dass die Company ihre Figuren nicht verrät. Sie macht sich über sie lustig und liebt sie gleichzeitig. Das unterscheidet Volkstheater von bloßer Comedy. Und Bernd Mottls Inszenierung verbindet Songs, Videos, Kostümwahnsinn und Berliner Kodderschnauze zu einem erstaunlich präzisen Abend.

Endlich hat die Company neben ihrer Weihnachtsshow ein Stück, das bitte noch viele Sommer laufen darf. Ab September stehen bereits zahlreiche weitere Vorstellungen auf dem Programm. Tickets sichern. Und noch ein nicht ganz unwichtiges Qualitätsmerkmal des Berliner Kultursommers: Das BKA ist klimatisiert. Man kann also über heiße Würste lachen, ohne selbst gegrillt zu werden.

Next Feature

Im nächsten Double Feature wird in Luzern das Festival eröffnet und an den amerikanischen Traum erinnert. Traumhaft?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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