Robert Wilson |
Bye, Bob
Double Feature 30/25
Mitten in die Sommerpause kommt die Nachricht von Robert Wilsons Tod. Von keinem Regisseur habe ich mehr Stücke gesehen, kein Bühnenkünstler hat mich mehr beeindruckt und geprägt. Persönlich mit ihm gesprochen habe ich nie, obwohl wir häufig im gleichen Raum waren – vielleicht wäre ein Moment der Stille und lediglich ein kleines Aufstellen des linken Zeigefingers unsere beste Konversation geworden.
Daher unterbreche ich die Sommerpause für einen kleinen, sehr persönlichen Nachruf. Wie es auf Social Media zu lesen war: Endlich wird der Himmel nun anständig und stilsicher beleuchtet werden.
Main Feature
Robert Wilsons Bühnenkunst zeichnet sich durch strenge Formensprache, extrem verlangsamte, mechanisch wirkende Bewegungen und betonte Künstlichkeit aus. Seine Schauspieler werden zu lebenden Bildern: Statt naturalistisch zu „spielen“ (Wilson mahnte oft „Don’t act!“), agieren sie präzise choreografiert in puppenhafter Langsamkeit. Licht, Raum und Klang zählen bei Wilson mehr als gesprochene Dialoge, könnte man meinen. Aber in dieser strengsten Form ergab sich häufig eben gerade der Raum, um Text oder Musik erscheinen zu lassen, wie man sie vorher noch nie wahrgenommen hatte. Diese radikale Ästhetik – teils einem Maschinen-Ballett gleich – wurzelt in seiner eigenen Biografie.
Als Kind litt Wilson unter schwerem Stottern; erst die Tänzerin Byrd Hoffman lehrte ihn mit 17, „sich Zeit zum Sprechen zu nehmen“, wodurch er die Sprachblockade überwand. Fortan entdeckte er in der Verlangsamung die Möglichkeit, Dinge neu und intensiver wahrzunehmen. Wilson, 1941 in Waco (Texas) geboren, fühlte sich als schwuler Jugendlicher in der konservativen Heimat als Außenseiter. Auf Drängen der Eltern kehrte er nach ersten Studienjahren in New York resigniert nach Texas zurück – und unternahm einen Suizidversuch. In der psychiatrischen Klinik erkannte er mit Hilfe eines verständnisvollen Arztes jedoch, dass ihm „nichts fehlte“ außer dem falschen Umfeld. Wilson verließ Waco endgültig und stürzte sich ab Mitte der 1960er in New York in künstlerische Projekte. Dabei arbeitete er von Anfang an mit Menschen am Rande der Gesellschaft: So inszenierte er in einem Hospital ein „Ballett“ mit Polio-Patienten in eisernen Lungen – ihre Betten ließ er in den Gemeinschaftsraum rollen und verband die Mundstäbe der gelähmten Patienten mit Fäden zu einem leuchtenden Netzwerk, das im Schwarzlicht wie tanzende Linien erschien.
1967 rettete Wilson in New Jersey einen tauben afroamerikanischen Jungen namens Raymond Andrews vor der Polizei. Der 26-Jährige erfuhr, dass der verwaiste Teenager ohne Vormund war, und setzte vor Gericht dessen Adoption durch. Raymonds nonverbale Wahrnehmung beeinflusste Wilson zutiefst. Gemeinsam entwickelten sie die siebenstündige „stumme“ Oper „Deafman Glance“ (1970), ein bizarres Bildertheater ohne gesprochenen Text, das in New York startete und vom europäischen Feuilleton begeistert aufgenommen wurde – hier begann Wilsons Siegeszug, der immer vor allem ein europäischer, kein amerikanischer war. Wenig später begegnete Wilson dem 13-jährigen Christopher Knowles, einem Autisten, dessen experimentelle Sprach-Tonbänder („Emily likes the TV, because she watches the TV…“) ihn faszinierten. Knowles’ poetische Sprachmuster integrierte Wilson in mehrere Stücke. Sie prägten vor allem das gemeinsam mit Philip Glass geschaffene Meisterwerk „Einstein on the Beach“ (1976) – eine fast fünfstündige Oper ohne Handlung im herkömmlichen Sinn, die statt einer Story Zahlenreihen, Solfeggio-Silben und abstrakte Bilderfolgen aufbot. Dieses visionäre Werk machte Wilson, Glass und Choreografin Lucinda Childs weltweit bekannt und schrieb Operngeschichte.
In den 1980er und 1990er Jahren avancierte Wilson zum prägenden Avantgarde-Regisseur auf den internationalen Bühnen, besonders in Europa. 1990 schuf er in Hamburg mit Tom Waits (Musik) und William S. Burroughs (Text) das Musical „The Black Rider“, eine düstere Variation von Webers “Freischütz”, die Kultstatus erlangte. Der “Rider” war meine erste Begegnung mit Wilson und seiner Kunst. Zugleich wandte er sich klassischen Stoffen zu: So inszenierte er zum Beispiel Brechts „Dreigroschenoper“ am Berliner Ensemble (in deutscher Sprache) und brachte seine unverkennbaren visuellen Tableaus in Werke von Shakespeare, Beckett und anderen ein. Performance-Kunst und Popkultur bezog Wilson ebenfalls ein: 2011/2013 erarbeitete er mit Marina Abramović “The Life and Death of Marina Abramović”, eine gefeierte biografische Theater-Collage mit der Aktionskünstlerin auf der Bühne. Noch in seinen späten Jahren blieb Wilson enorm produktiv. 2022 inszenierte er zum Beispiel mit „Dorian“ am Düsseldorfer Schauspielhaus ein Solo über Oscar Wilde, Dorian Gray und Francis Bacon (mit dem faszinierenden Christian Friedel als einzigem Darsteller – dieser dankte ihm jetzt, dass er eine “Farbe in Wilsons Gemälde” sein durfte). Es folgte das eindringliche Ensemble-Stück „H – 100 Seconds to Midnight“ am Thalia Theater Hamburg, inspiriert von Stephen Hawkings Mahnungen vor dem Weltuntergang.
Es stimmt, trotz ungebrochener Schaffenskraft wurden kritische Stimmen laut, die eine gewisse Erstarrung in Wilsons Spätwerk sahen. Der Stil des einstigen Innovators wirke mit der Zeit „keimfrei“ und leblos, monierte etwa Manuel Brug jüngst: Wilson habe seinen ästhetischen Ansatz so oft reproduziert, dass die Bühnenbilder mit ihren starren Schauspielerfiguren zeitweise wie ein rein ästhetisches Wachsfigurenkabinett anmuteten.
Unbestreitbar aber hat Robert Wilson mit seiner einzigartigen Bildsprache und der Verschmelzung von Kunst und Biografie das Theater der letzten Jahrzehnte nachhaltig geprägt. Es hat mich in den perfekten Momenten – und es gab viele davon – zutiefst beeindruckt und bewegt.
Was mir in Erinnerung bleiben wird:
The Black Rider – Entlang von Scharen kartensuchender Menschen (und dank meiner eifrig Karten besorgenden Mutter) sah ich bei einem Gastspiel im Schiller-Theater Berlin, wie sich die magische Black Box öffnete und Wilsons unverwechselbare Freischütz-Figurinen ihr entstiegen – zur Musik von Tom Waits und mit Texten von William Burroughs. Eine Erweckung – I´ll shoot the moon…
Der Ozeanflug – Bertolt Brechts Text am Ort des Autors, dem Berliner Ensemble. Der alte Bernhard Minetti sass auf einem typischen Wilson-Stuhl und sprach den Wind, der den Flieger ins Taumeln bringt, mit einer Magie und Eindringlichkeit, wie nur Wilson sie freilegen konnte.
Dreigroschenoper – Brechts Grosswerk am Ort der Entstehung (nun, fast). Wilsons Lesart von “Erst kommt das Fressen, dann die Moral” war stylish, textklar, musikalisch und darstellerisch umwerfend – und Angela Winkler als “Seeräuber-Jenny” ein nie mehr zu erreichender Markstein.
The Life and Death of Marina Abramovic – Am Anfang umkreisen drei Hunde drei offene Särge, in einem liegt Marina Abramović herself. Die Erzählung von Marinas Leben, dargeboten vom unverwechselbaren Conférencier Willem Dafoe, wird gleichzeitig zu einer Sternstunde für Antony Hegarty (aka Anohni), der seinen Song “Cut the World” mitten ins Herz des gebannten Publikums schneidet.
Ring des Nibelungen – Mein erster “Ring”, in Zürich. Es war eine glückliche Fügung, dass ich Robert Wilsons Version von Wagners Riesenwerk sehen durfte. In der Reduktion und Szenerie legte sich Wagners Wahn und Genie besonders gut frei – auch deshalb, weil “Bob” wie stets nicht den Anspruch hatte, interpretatorisch dem Werk etwas hinzuzufügen, es einfach nur “zeigen wollte”.
Einstein on the Beach – das Masterpiece, das ich 2014 in einer rekonstruierten Aufführung in Berlin erleben durfte. Ein Trip, ein einziger Sog, eine Meditation, mit Philipp Glass´ rotierender Musik und den derwischartigen Circeln von Lucinda Childs. Eine kleine Foyerbar-Schrippe mit Belag verlangte mein hungriger Körper in den pausenlosen 5 Stunden, ansonsten habe ich noch nie so gebannt auf einem der unbequemen Sitze des Haus der Berliner Festspiele verharrt. Theater-Olymp, nichts anderes war es.
The 75th Birthday – Geburtstagsfeier zu Wilsons 75. Geburtstag, eingeladen waren gütige Spender, wie stets, wenn die europäische Artsy World ihren “Bob” feiern wollte. Der Abend hiess “House of Madness”. Nach mit StipendiatInnen erarbeiteten Performances dann grosses Dinner auf der Bühne. Und während sich die Gäste an den wilsonesk hergerichteten Tischen mit Weisswein oder gar extra bestelltem Rum-Cola stärkten, hielt der Maestro eine Rede, die mehr aus Pausen, als aus Worten bestand. Vorher zu viel gefeiert – oder eben einfach Wilson? “Daniel, thank you for last night! (…) It was the best birthday I ever had. Lots of Love, Bob”
Lots of love to you, Bob! And farewell…
Side Feature
“If you slow things down, you notice things you hadn’t seen before.”
Robert Wilson
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„Double Feature” geniesst weiter den Sommer – aber die versprochene Tour durch mein Theaterprogramm-Archiv folgt noch in diesem Monat.
Ich werde berichten…
with cultural regards,
