Lucerne Festival 2026 | „Das Manko“, ZDFneo |
Dein Traum ist mein Traum
Double Feature 30/26
Es gibt derzeit Gründe genug, morgens die Nachrichten nicht zu öffnen. Oder jedenfalls erst nach dem Kaffee. Vielleicht erklärt das den Aufstieg dessen, was sich Solutions Journalism nennt: Journalismus, der Probleme nicht kleiner redet, aber nach vorne schaut und die mindestens ebenso interessante Frage stellt, was eigentlich funktionieren könnte. Der SPIEGEL hat gerade mit SPIEGEL Solutions angekündigt, diesen Blick stärker in seine Berichterstattung einzubauen. Weniger Wegsehen als Weitersehen.
Das klingt schnell nach Zweckoptimismus, muss es aber nicht sein. Denn möglicherweise ist es gerade in Zeiten, in denen Dystopien fast schon als Zeichen besonderer Klarsicht gelten, eine ziemlich radikale Übung, sich eine bessere Zukunft überhaupt noch vorstellen zu können.
Sehr schön macht das auch Melissa Kirsch mit ihrem neuen Newsletter The Good List für die New York Times. Einmal pro Woche versammelt sie Ideen, Rituale, kulturelle Fundstücke und kleine Vergnügungen, die nicht „the best“ sein müssen, sondern einfach: gut. Kirsch versteht ihre Liste ausdrücklich nicht als Verdrängung all dessen, was schlecht läuft, sondern als eine Art Gegenbuchhaltung des Lebens: Was ist schön, was macht Freude, woran lohnt es sich, sich zu erinnern?
Keine Weltrettungsmaschine also, eher eine freundliche Erinnerung daran, genauer hinzuschauen.
Und vielleicht beginnt Veränderung tatsächlich so: mit der Vorstellung, dass es auch anders sein könnte. Mit einem Traum also. Womit wir am Vierwaldstättersee wären.
Main Feature
Der Vierwaldstättersee glitzerte, es war an diesem Nachmittag fast absurd heiß, und das KKL sah aus, als sei es gestern eröffnet worden. Nach mehr als einem Vierteljahrhundert ist Jean Nouvels Bau noch immer nicht gealtert – und sein Konzertsaal für mich einer der perfektesten überhaupt. Die Berliner Philharmonie wird vermutlich für immer außer Konkurrenz bleiben, aber danach wird die Luft dünn.
Zur Eröffnung des Lucerne Festival versammelte sich die übliche Mischung aus Kultur, Politik und Wirtschaft, nur eben Luzern-typisch angenehm unprätentiös. Keine Salzburger Robenparade, kaum große Auftritte vor Fotowänden. Hier scheint man sich tatsächlich noch darauf geeinigt zu haben, dass der eigentliche Star hinterher auf der Bühne steht.
Das diesjährige Motto lautet American Dreams. Im Jahr des 250. Jubiläums der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ein Begriff mit erheblich mehr Spannung, als man bei der Programmplanung vielleicht ahnen konnte. Sebastian Nordmanns erstes Sommerfestival als Intendant spannt dabei den Bogen von Jazz, Musical und Filmmusik über Minimal Music bis zu jenen europäischen Komponisten, die in Amerika eine neue Heimat und damit oft auch eine neue musikalische Sprache fanden.
Stiftungsratspräsident Markus Hongler und Nordmann erledigten den offiziellen Teil angenehm zügig, pointiert und dynamisch. Der unerwartete Reden-Höhepunkt gehörte allerdings Bundespräsident Guy Parmelin. Ausgerechnet Parmelin, dessen waadtländische Verschmitztheit in internationalen Verhandlungen manchmal das leichte Gefühl auslöst, man würde lieber vorher noch einmal nachfragen, was genau jetzt als Nächstes passiert.
Bei der Fußball-WM hatte er gerade mit einer knallroten Kappe für Aufsehen gesorgt: „Switzerland Great Since 1291“. MAGA auf eidgenössisch – und vermutlich einer der besseren Schweizer Beiträge zur derzeitigen transatlantischen Diplomatie.
Auch in Luzern funktionierte der Humor. Parmelin scherzte über den „pirouettenreichen Weg zwischen Bern und Washington“ und wurde dann bemerkenswert grundsätzlich. Der American Dream, erinnerte er, sei ursprünglich eben nicht nur der Traum vom Tellerwäscher zum Millionär gewesen. James Truslow Adams habe damit vielmehr die Vorstellung einer Gesellschaft gemeint, in der das Leben für alle besser werden und jeder seine Fähigkeiten unabhängig von Herkunft und sozialer Stellung entfalten könne. „Dieser Gedanke reicht weit über Amerika hinaus“, sagte Parmelin. Jede Person, jedes Land träume davon, was morgen sein könnte.
Und genau deshalb gehört der amerikanische Traum eben nicht allein den Amerikanern. Er beschreibt letztlich den Traum jeder funktionierenden demokratischen Gesellschaft: Freiheit, Chancen, Verantwortung – und die Hoffnung, dass das Morgen etwas besser sein könnte als das Heute.
Dann wurde nicht mehr geredet.
Den Anfang machte Steve Reichs New York Counterpoint in der Fassung für elf Klarinetten: dieses pulsierende, sich verschiebende Klanggewebe, in dem Wiederholung niemals Stillstand bedeutet. Ein ziemlich perfekter Beginn für ein Festival über Amerika – New York als Rhythmusmaschine.
Danach Gershwin. Erst die Cuban Overture, rhythmisch, sonnendurchflutet und von einer Frische, die angesichts dessen, was man derzeit aus Kuba hört, fast einen merkwürdigen Beiklang bekam. Dann das Concerto in F – für mich eine bislang weitgehend unbekannte, großartige Fortschreibung der Rhapsody in Blue: Gershwin zwischen Konzertsaal, Jazzclub und Broadway.
Frank Dupree spielte das hochvirtuos, souverän und zugleich mit genau jener Freiheit und Leichtigkeit, die diese Musik braucht. Ein Pianist, bei dem Virtuosität nie als Demonstration daherkommt, sondern eher wie das selbstverständlichste Fortbewegungsmittel der Welt. Ein dynamischer erster Teil, der einen ziemlich beschwingt in die Pause entließ.
Danach Charles Ives’ Erste Sinfonie. Und plötzlich wurde aus dem amerikanischen Traum eine musikalische Atlantikbrücke. Ives ist hier noch nicht der radikale spätere Ives. Man hört, wie ein junger amerikanischer Komponist Europa inhaliert: Tschaikowsky, Dvořák, Schumann, Brahms – die große romantische Tradition ist überall anwesend. Dazu reicht der musikalische Blick weit in den russischen Raum hinein. Amerika sucht hier seine eigene Stimme, indem es zunächst sehr genau zuhört, was anderswo bereits gesagt worden ist. Und Ricardo Chailly als Dirigent ist in einer unerwarteten Frische und Dynamik zu erleben, die man in den letzten Jahren schon verloren glaubte.
Vielleicht war genau das die passende Musik für diesen Abend: Man muss das Vorherige nicht zerstören, um etwas Neues zu beginnen, auch wenn Yves dies erst in seinen späteren Symphonien wirklich getan hat.
Sebastian Nordmanns erste Saison signalisiert Kontinuität und Aufbruch zugleich. Die großen Orchester bleiben, der Anspruch bleibt, die unglaubliche Qualität bleibt. Gleichzeitig kommen neue Formate, neue Öffnungen, etwas mehr Stadt und ein etwas breiterer Blick auf das, was ein Festival heute sein kann.
Das Lucerne Festival bleibt mit seinen außergewöhnlichen Orchestern, diesem Saal und dieser Kulisse für mich das beste europäische Musikfestival.
Ich werde zurückkehren. Luzern bietet in dieser Saison Musik, von der man träumen kann.
Side Feature
Elf Menschen sitzen in einem beige-grauen Behördenbüro und schaffen es schon mit ihrem bloßen Dasein, nahezu jede Vorstellung von Effizienz, Produktivität und professioneller Selbstoptimierung zu widerlegen. Das ist der Ausgangspunkt von Das Manko, einer vierteiligen, jeweils rund 25-minütigen Serie von Regisseur Arne Feldhusen, die derzeit im ZDF zu streamen ist.
Feldhusen kennt sich mit dysfunktionalen Arbeitswelten aus. Er hat mit Stromberg deutsche Bürokomik praktisch neu definiert und mit Der Tatortreiniger bewiesen, dass sich aus minimalen Situationen maximaler Irrsinn entwickeln lässt. Bei Das Manko treibt er diese Kunst nun noch weiter: Sprache ist fast abgeschafft, Handlung wird zu Choreografie, Kommunikation zu Blicken, Gesten, Verrenkungen und gelegentlich vollkommen sinnfreien Lauten.
Und natürlich dachte ich sofort an den Regisseur Herbert Fritsch. Das ist auch kein Zufall. Mehrere Mitglieder des elfköpfigen Ensembles haben regelmäßig mit Fritsch gearbeitet, allen voran Bastian Reiber. Man erkennt dessen Theaterwelt sofort wieder: die überzeichneten Körper, die präzise gesetzten Bewegungen, die absurden Kostüme, das Kippen einer zunächst scheinbar normalen Situation ins vollkommen Groteske. Murmel Murmel lässt grüßen. Es wirkt mitunter tatsächlich, als hätte Fritsch hier heimlich Fernsehregie geführt.
Dabei erzählt Das Manko durchaus etwas über unsere Gegenwart. Eine Horde erklärter Low Performer wird durch eine Verwechslung für High Potentials gehalten und auf eine Weiterbildungsreise geschickt. Von dort aus geht es durch Krankenhaus, Logistikzentrum und schließlich sogar in den Himmel. Wo auch immer die Gruppe auftaucht, geraten die vermeintlich vernünftigen Systeme sofort außer Kontrolle.
Man muss dabei hinschauen. Wirklich hinschauen. Diese Serie eignet sich nicht dafür, nebenbei E-Mails zu beantworten oder den Geschirrspüler auszuräumen. Ihre Pointen sitzen in einem Fuß, der drei Sekunden zu spät reagiert, einem Blick, einem Gleichschritt, der aus dem Takt gerät.
Ein ziemlich wunderbares Kleinod. Und vielleicht sogar der schönste Gegenentwurf zum Optimierungswahn: Wir haben alle unser Manko. Zum Glück.
Next Feature
Im nächsten Double Feature widmet sich ein neuer Film der großen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, Sandra Hüller spielt die Österreicherin. Prosaisch und poetisch?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
