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„Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war“ von Regina Schilling | Dolly Parton und Yayoi Kusama | 

Irrtum Ingeborg

Double Feature 31/26

Noch bevor es losgeht, der erste von drei Abschieden in diesem Newsletter. Ein Abschied, der für einen Newsletter mit diesem Namen nicht ganz nebensächlich ist – „Science Fiction/Double Feature” ist schliesslich ein Song aus dem Musical Rocky Horror Show. Tim Curry, der unvergessliche Frank-N-Furter aus The Rocky Horror Picture Show, ist mit 80 Jahren gestorben.
Und wie es am Ende von Rocky Horror so schön heißt: I´m going home.

Und damit zu einem Gedicht, das mir in den letzten Tagen viel durch den Kopf ging: 

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Ingeborg Bachmann schrieb diese Zeilen Anfang der fünfziger Jahre, in einer Welt, in der die Katastrophe gerade erst vorüber war und trotzdem keineswegs sicher schien, dass nun alles besser würde. Heute lesen sie sich wieder erstaunlich gegenwärtig. Krieg in Europa, politische Verhärtung, Klimakrise – härtere Tage lassen sich problemlos finden.

Und doch leben wir in einer anderen Welt als Bachmann: freier in vielem, gleichberechtigter zumindest dem Anspruch nach und mit Möglichkeiten, die für eine Frau ihrer Generation keineswegs selbstverständlich waren.

Vielleicht liegt genau darin das Faszinierende. Bachmanns „gestundete Zeit“ ist keine konkrete historische Diagnose, sondern dieses unangenehme Gefühl, dass die vermeintliche Sicherheit jederzeit enden kann. Nicht unbedingt die fröhlichste Botschaft für einen hundertsten Geburtstag. Aber eine ziemlich passende, um Ingeborg Bachmann wiederzuentdecken.

Main Feature

Ingeborg Bachmann wäre in diesem Sommer hundert Jahre alt geworden. Am 25. Juni 1926 wurde sie in Klagenfurt geboren – und genau hundert Jahre später kam Regina Schillings Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ins Kino.

Meine erste Begegnung mit Bachmann war Malina. Zunächst der Roman, später Werner Schroeters Verfilmung mit Isabelle Huppert. Eine verworrene, dunkle und für mich damals ziemlich befremdliche Geschichte über männlich und weiblich, über Liebe, Abhängigkeit und jene Verhaltensweisen, die man beiden Geschlechtern vermeintlich so eindeutig zuordnen konnte. Vieles daran verstand ich nicht. Vergessen habe ich es trotzdem nie.

Bachmann studierte Philosophie, Germanistik und Psychologie, promovierte über Heidegger, arbeitete beim Radio und wurde 1953 mit dem Preis der Gruppe 47 für Gedichte aus Die gestundete Zeit schlagartig berühmt. Danach Italien, Rom, Zürich, Berlin, Hörspiele, Libretti, Prosa, die Frankfurter Poetikvorlesungen – und ein Werk, das immer wieder danach fragt, was Gewalt mit Menschen macht: die verschwiegene Gewalt des Nationalsozialismus ebenso wie jene zwischen Männern und Frauen.

Regina Schilling ist für eine solche Wiederbegegnung nahezu ideal. Ihre Dokumentarfilme interessieren sich weniger für chronologische Vollständigkeit als für das, was unter Bildern verborgen liegt. In ihrem großartigen Kulenkampffs Schuhe machte sie aus harmlos wirkenden Fernsehabenden der Wirtschaftswunderzeit eine Archäologie deutscher Verdrängung.

Auch hier verweigert sie das konventionelle Biopic. Gleich zu Beginn sieht man, wie Sandra Hüller eine blonde Perücke aufgesetzt bekommt. Sie IST nicht Bachmann, sie nähert sich ihr. Schilling und Hüller beschreiben das als eine Art „Geisterbeschwörung“, eine Séance. In einer römischen Wohnung, Bachmanns Lebenswelt nachempfunden, raucht Hüller, sitzt an der Schreibmaschine, fährt durch Rom, geht ans Meer. Fast wortlos. Keine nachgespielten Liebesszenen mit Paul Celan, kein Max Frisch mit angeklebtem Schnurrbart. Zum Glück.

Denn gesprochen wird anders: Hüller liest aus Bachmanns Texten, und sie tut das fantastisch. Aus Malina, Briefen und Prosa entsteht nach und nach eine Biografie des Denkens: Frausein und Selbstbehauptung, Begehren und Abhängigkeit, Krieg, Erinnerung, Sprache und die permanente Suche nach einem Ich, das sich gesellschaftlichen Zuschreibungen entziehen kann.

Bachmann bezeichnete sich einmal selbst als einen „Irrtum“. Gleichzeitig konnte sie 1971 einem Fernsehinterviewer lachend erklären: „Die Männer sind unheilbar krank. Wissen Sie das nicht? Alle!“

Das Wunderbare an Schillings Film ist, dass Bachmann dabei niemals zur Freundin Celans oder Geliebten Frischs schrumpft. Die Männer kommen vor, selbstverständlich. Aber sie umkreisen ihr Leben – nicht umgekehrt.

Und dann sieht man diese zarte, scheinbar unsichere Frau bei der Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden und hört jenen Satz, der vielleicht alles zusammenfasst: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Regina Schilling nimmt ihn ernst. Ihr Film macht aus Bachmann weder Heilige noch Opfer, sondern eine eigenwillige, widersprüchliche und erstaunlich moderne Frau. Sandra Hüllers zurückgenommenes, beinahe nonverbales Spiel veredelt diese Annäherung noch.

Ein besseres Geschenk zum hundertsten Geburtstag hätte man Ingeborg Bachmann kaum machen können.

Side Feature

Pailletten und Punkte: Dolly Parton und Yayoi Kusama – zwei Frauen, bei denen man zunächst nicht unbedingt auf die Idee käme, sie in einem Satz zu nennen. Die eine Country-Ikone aus Tennessee, blond, glitzernd, mit fast schon kunstvoll übersteigerter Weiblichkeit. Die andere japanische Avantgardistin, deren Punkte inzwischen Taschen, Museen und Instagram-Feeds überziehen.

Und doch steckt bei beiden hinter der Oberfläche erstaunlich viel mehr.

Dolly Parton, die nun mit 80 Jahren gestorben ist, hat ihr eigenes Image immer mit großer Klugheit gespielt. Sexbombe, Witzfigur, Country-Barbie – alles durfte sein. Gleichzeitig war da diese tiefe Zugewandtheit zu Menschen, gerade zu jenen, die gesellschaftlich nicht immer im Zentrum stehen. Sie setzte sich für LGBTQ+-Menschen ein, unterstützte Katastrophenhilfe und Forschung und schenkte mit ihrer Imagination Library über Jahrzehnte Millionen Kindern Bücher.

Auch bei Yayoi Kusama, die Mitte August mit 97 Jahren gestorben ist, konnte man sich leicht in der Oberfläche verlieren: Punkte, Spiegelräume, Kürbisse, endlose Wiederholungen. Dabei entstand vieles aus etwas sehr Persönlichem. Kusama litt seit ihrer Kindheit unter Halluzinationen und psychischen Krisen; Kunst wurde für sie eine Methode, Angst, Trauma und Kontrollverlust zu verwandeln.

Beide haben aus Übertreibung Schutz gebaut. Aus Glitzer beziehungsweise Punkten eine Sprache. Und aus etwas sehr Eigenem etwas erstaunlich Universelles. Manchmal ist das Dekor eben nicht die Oberfläche. Sondern die Form, in der man überlebt. Rest in Power…

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es wieder ins Kino. Sandra Wollners Everytimeerzählt mit Birgit Minichmayr von einer Mutter, einer Tochter, einem Jungen – und von Trauer und Schuld, die sich nicht einfach abschütteln lassen. Oder doch?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?

Ich werde berichten…

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