„Maria Stuarda“, Salzburger Festspiele | Wim Wenders, arte |
Maria und die Maschine
Double Feature 32/25
Festspiel-Zeit in Salzburg. Es treten auf:
Die Festspielgasse mit perfektem Blick auf die Salzburg und teils neugierig, teils überrascht dreinblickenden Tagestouristen.
Ein durch die Gasse eilender „Hoffotograf“, bei dem die Frauen noch “fraulich” posieren sollen – und es grösstenteils auch tun.
Rosafarbene Mooshammer-Gedenk-Seidenjackets und Föhnwellen, die der Träger mit dem Halten eines orangefarbenen „Aperölchen“ (seine Worte) noch weiter in die StilUNsicherheit treibt.
Dankbare Musikstudenten, die dank Beziehungen eine Karte bekommen haben und nun dem begeisterten, zufällig angetroffenen Ehepaar alles über das kommende Werk referieren.
Wegen Preiserhöhung gravierend einbrechender Programmheft-Verkauf.
Industriellen-Gattin (Name der Redaktion bekannt) mit Entourage, die sich sehr auf einen schönen Opernabend mit Maria Stuart freut, da sie die Vorlage von Goethe schon immer sehr faszinierend fand (Goethe oder Schiller: Hauptsache Deutsche Nachkriegsliteratur, möchte man da beifügen).
Ein Festspielbezirk, der sich langsam für grössere Bauarbeiten bereitmacht.
Viele Wangenküsschen und fallengelassene Namen.
Nach der Vorstellung vor dem Festspielhaus wie schwarz glänzende Rassepferde aufgereihte Luxus-Limousinen, die auf Sponsoren-Gäste warten, mit den Reifen-Hufen scharrend.
Magische Nacht-Stimmung im Hof des St. Peter Stift, nachdem das Publikum wieder vom Festspiel-Hof geritten ist
Festival-Zeit in Salzburg – wunderbar.
Main Feature
Maria Stuart und Elisabeth I – zwei Königinnen, zwei Körper, zwei Mächte, ein Mythos. Schiller hat in seinem berühmten Drama die reale Begegnung der Cousinen zwar erfunden – die Oper von Belcanto-Komponist Donizetti folgt Schillers Szenen in “Maria Stuarda” jedoch bis an den Rand der Hinrichtung. In Salzburg spitzt sich daraus ein Abend, der den Doppelblick (Macht vs. Körper) lustvoll und hochästhetisch ins Heute verlängert. Belcanto heißt hier nicht Zuckerguss, sondern Drama durch Stimme: lange, atmende Linien, Verausgabung und Lamento – es ist bei genauem Hinhören alles andere als nur wohlklingendes „Geträller“.
Donizettis „Maria Stuarda“ steht als Mittelstück seiner Tudor-Trilogie (zwischen „Anna Bolena“ und „Roberto Devereux“) genau dort, wo lyrische Spannung und politische Kälte kollidieren. Wer Belcanto nur als Vokalakrobatik versteht, verpasst die Logik dieses Stils. Und dennoch kann es zunächst befremdlich sein, bei einer Hinrichtung auf der Bühne derartig schöne Töne und Melodien zu hören.
Ulrich Rasche, Spezialist für ritualisierte Bewegung und wuchtige Bühnen-Maschinen, transplantiert seine „brutalistische Ästhetik“ ins Belcanto – ein kalkulierter Widerspruch, der produktiv Funken sprüht, aller anfänglichen Skepsis zum Trotz. Rasches „Mensch-Maschinen“ sind wieder da, und sie denken mit: Rasches Theater der rhythmisierten Körper, der Reibung zwischen Form und Affekt, zügelt die Oper nicht – es spannt sie an und legt die Architektur der Musik und Handlung frei.
Konkret in Salzburg: zwei gigantische, langsam wandernde Drehscheiben als getrennte Sphären der Königinnen; darüber ein dritter Rundkörper, der als Leucht- und Videohimmel fungiert und sich im Schlussbild bedrohlich senkt – Symbolapparat und perfekte Bühne für die Sängerinnen. Die klare, harte Lichtführung modelliert die Körper wie Reliefs. Der Bewegungschor – hochästhetisch anzuschauende Tänzer – pulst sorgfältig aus der Partitur abgeleitet als atmende Masse zwischen Hof und Volk und um die Hauptdarstellerinnen herum; der Konzertverein des Wiener Staatsopernchores gibt der Volksmenge Klang aus dem Off. Im Graben: die Wiener Philharmoniker unter Antonello Manacorda.
Das Resultat ist visuell überwältigend – vor allem das Finale des ersten Akts, wenn die berühmte Beleidigung aus dem Hals der Stuarda wie ein Pfeil durch einen Raum aus rotierenden Kreisen schneidet und bedrohliche Nebel aufsteigen; und der letzte Akt, dessen blutrote Bilder und imaginäre Berührungen von Maria und Elisabeth lange im Kopf bleiben.
Lisette Oropesa gestaltet die Titelpartie mit gläserner Präzision – eine große Figur. Kate Lindsey zeichnet eine Elisabeth, deren stählerne Stimme ständig mit ihrer verletzlichen Seele ringt. Wo es in der eigentlichen Oper mehr um den zwischen beiden Frauen pendelnden Graf Leicester geht und ein Liebes-, Rache- und Eifersuchtsdrama aufgeführt wird, erweitert Rasche in seiner Lesart das Ganze zu einer Kollision der Scheiben-System-Maschinen, in denen die Frauen als Teil der Maschine zwar zentral, aber in Teilen auch nur ausführend sind. Sie stemmen sich gegen das immerwährend Rotierende ihrer Sphäre und die sie umgebenden Menschennetze – am Ende erfolglos. Eine raumgreifende Lesart, zweifellos.
Daher bleibt die Frage nach der Passung: Belcanto will den Gesang frei atmen lassen, Schiller will inhaltlich in den Abgrund, Rasche setzt eine Schicht Formstrenge obendrauf und will zusätzlich noch das alles umgebende Machtsystem zeigen: Drei Spannungsverhältnisse, die der Abend grösstenteils sehr gekonnt ausbalanciert. In Teilen hätte man gerne mehr das Malmende, Atmende, Gewaltvolle der Rotier-Scheiben und Menschenchöre gespürt – stattdessen herrscht in diesen Momenten das Dekorative und Ästhetische, sind zum Beispiel die Männer-Choreographien schlicht etwas zu harm- und belanglos.
In jedem Moment jedoch bietet sich der exquisiten und in dieser Setzung frei von Ballast zu erlebenden Musik eine perfekte Bühne, die die beiden Solistinnen hervorragend zu nutzen wissen. Es überwiegt die Wucht eines Abends, der das System „Oper“ mit dem System „Rasche“ verschaltet – und genau dadurch die Königinnen-Körper in neuem Licht erscheinen lässt.
Eine Produktion, wie sie nur Salzburg mit diesem Ensemble, diesem Chorapparat und dieser Technik stemmen kann
Side Feature
ARTE nennt es ein Porträt, und das ist es: „Wim Wenders: Der ewig Suchende“ von Marcel Wehn begleitet den nun 80-Jährigen durch Biografie, Bilder und Begegnungen – ein leises, konzentriertes Gespräch über Reisen, Fotografie, Musik und die Frage, wie daraus Filme werden. Zum Geburtstag gebündelt, wirkt der Film passend terminiert und klug kuratiert. Zu Wort kommen Weggefährt:innen wie Juliette Binoche, Nick Cave, Sebastião Salgado. Wenders spricht über den Unterschied zwischen Geschichten und „Storytelling“, über das Scheitern an amerikanischen Erzählformeln – und warum sein Kino Horizonte braucht. Manchmal blitzt dabei ein Hauch Jubiläums-Glanzfilm auf; insgesamt aber entsteht ein warmes, aufrichtiges Künstlerbild, das „Paris, Texas“, „Der Himmel über Berlin“, „Pina“, „Anselm“ und „Perfect Days“ als eine Bewegung des Suchens lesbar macht. Keine Denkmalpflege, eher ein Kompass: Woher kommt der Blick – und wohin geht er als Nächstes? Sehenswert.
Next Feature
In der nächsten Ausgabe geht es ins Kino und zu Mascha Schilinskis “In die Sonne schauen”, der bereits jetzt feststehende Beitrag für die nächsten Ausland-Oscars. Was schauen wir und wie erhellend erscheint uns diese Generationen-Geschichte in der deutschen Altmark?
with cultural regards,
