„Everytime“ von Sandra Wollner“ | Sommers Weltliteratur to go |
Trauer ohne Tränen
Double Feature 32/26
Trauer hat Phasen. Sagt man jedenfalls. Verleugnung, Wut, Verhandeln, Depression, Akzeptanz – fünf Stationen, die ein wenig klingen wie eine ziemlich unerfreuliche Bahnfahrt in einem dunklen Tunnel. Nur hält sich Trauer leider selten an den Fahrplan.
Manchmal kommt die Wut vor der Verleugnung, manchmal die Akzeptanz nur für einen Nachmittag, und manchmal denkt man, man sei schon ziemlich weit, bis irgendein Lied, ein Geruch oder ein Foto einen wieder ganz an den Anfang stellt. Vielleicht liegt der Fehler deshalb schon in der Vorstellung, man könne beim Trauern überhaupt etwas „richtig“ oder „falsch“ machen. Manche Menschen weinen viel. Andere fast gar nicht. Manche müssen reden, andere funktionieren, reisen, arbeiten oder schauen einfach sehr lange aufs Meer.
Vielleicht besteht Trauer weniger darin, jemanden loszulassen, als darin, einen neuen Platz für jemanden zu finden, der nicht mehr da ist.
Genau davon erzählt ein erstaunlicher Film. Und natürlich ein wenig anders, als man erwartet.
Main Feature
Manchmal beginnt ein großer Kinoabend mit einer ziemlich kleinen Frage: Wie finanzieren die sich eigentlich?
Die Tilsiter Lichtspiele in Friedrichshain sind eines jener Berliner Kinos, bei denen man schon beim Betreten das Gefühl bekommt, dass die Zeit hier eine andere Richtung genommen hat. Seit 1910 wurden an diesem Ort Filme gezeigt, nach jahrzehntelanger Pause eröffnete das Kino 1994 erneut – klein, eigensinnig, mit Café und einem Programm, das offenbar der Vorstellung folgt, Kino müsse zuerst kultureller Ort und erst danach Geschäftsmodell sein. Sehr sympathisch… Für sechs beziehungsweise acht Euro kann man hier einen Film sehen. Bei meiner Vorstellung von Everytime saßen wir zu fünft im Saal. Was einerseits wunderbar intim war und andererseits die Frage noch einmal dringlicher machte: Wie genau kann das funktionieren? Wie auch immer: Möge es funktionieren.
Denn gerade Filme wie Sandra Wollners Everytime brauchen solche Orte.
Wollner, österreichische Regisseurin und Spezialistin für jene leicht verschobenen Wirklichkeiten, in denen etwas Vertrautes plötzlich unheimlich wird, erzählt von Ella, gespielt von Birgit Minichmayr, und ihren beiden Töchtern Jessie und Melli. Kurz vor einer geplanten Reise nach Teneriffa geschieht ein Unglück. Ein Jahr später ist Jessie tot, das Leben aber erstaunlicherweise nicht stehen geblieben. Ella arbeitet, Melli wächst weiter, und alle tun zunächst das, was Menschen nach Katastrophen eben häufig tun: funktionieren. Erst als Jessies Freund Lux wieder auftaucht und die drei schließlich jene nie angetretene Reise nach Teneriffa nachholen, beginnt etwas aufzubrechen.
Dabei betrachtet man den Film zu Beginn durchaus noch mit einer gewissen Distanz. Man spürt seine Konstruktion, seine Setzungen, vielleicht sogar ein wenig zu deutlich. Man sieht, was Wollner vorhat, bevor man es bereits ganz fühlt. Aber genau das löst sich nach und nach auf. Je länger der Film dauert, desto weniger schaut man auf seine Konstruktion und desto mehr gerät man in seinen eigentümlichen Sog.
Das Großartige an Everytime ist, dass Wollner Trauer nicht erklärt. Sie bebildert auch keine therapeutische These über „Loslassen“ oder „Abschiednehmen“. Vergangenheit und Gegenwart beginnen vielmehr ineinanderzugleiten. Erinnerungen, Handyvideos, Landschaften und Wahrnehmungen verschieben sich. Der Film wird auf Teneriffa immer entrückter, ohne je völlig ins Fantastische zu kippen. Kameramann Gregory Oke findet dafür spektakuläre Bilder: Figuren erscheinen winzig in Landschaften, Sonne und Meer wirken gleichzeitig real und künstlich, manchmal fast wie digitale Konstruktionen. Trauer ist hier kein Gefühl, sondern eine veränderte Physik der Welt.
Vielleicht bleiben einige dieser entrückten Teneriffa-Sequenzen ein wenig zu lange bei sich. Sie rätseln vor sich hin, verweigern Eindeutigkeit und drohen für Momente, sich in ihrer eigenen Schönheit zu verlieren. Aber auch das vergisst man merkwürdigerweise wieder. Vielleicht sogar deshalb, weil diese Überdehnung selbst etwas mit Trauer zu tun hat: mit Zeit, die plötzlich nicht mehr normal vergeht, mit Momenten, die sich ausdehnen, ohne dass man genau weiß, warum.
Und dann ist da Birgit Minichmayr. Ihre Ella ist vielleicht gerade deshalb so erschütternd, weil sie zunächst kaum erschüttert erscheint. Minichmayr spielt keine Frau, die demonstrativ leidet. Sie spielt eine Frau, die organisiert, reagiert, weitermacht, manchmal sogar lacht. Aber hinter dieser Funktionalität liegt permanent etwas, das jeden Moment brechen könnte. Ein Blick genügt, eine minimale Veränderung der Stimme, ein kurzes Erstarren. Dieses Spiel verweigert die großen Schauspielerinnenmomente – und ist gerade deshalb voll davon.
In Cannes gewann Everytime bereits den Hauptpreis der Reihe Un Certain Regard. Inzwischen hat Deutschland den Film sogar offiziell als Beitrag für den Oscar als bester internationaler Film eingereicht.
Es wäre also schön, wenn ihn bis dahin noch ein paar Menschen sehen würden.
Mehr jedenfalls als fünf.
Denn Everytime ist ein rätselhafter Film. Nicht alles an ihm ist vollkommen, manches ist vielleicht sogar bewusst ein wenig sperrig oder zu lang. Aber genau deshalb bleibt er. Er begleitet einen noch eine ganze Weile, nachdem man das Kino verlassen hat. Für mich ist er eine der unerwarteten Entdeckungen dieses Kinojahres.
Side Feature
Im NZZ Magazin bin ich über einen Mann gestolpert, der ein ziemlich überzeugendes Argument dafür liefert, dass Playmobil vielleicht doch zu Höherem bestimmt war.
Ich habe als Kind Playmobil geliebt. Ich baute Ritterburgen, bevölkerte sie mit Rittern und Burgfräulein und drehte irgendwann sogar mit einer Super-8-Kamera einen Stop-Motion-Film, in dem eine Burg brannte und anschließend selbstverständlich unter dramatischen Umständen gerettet werden musste. Vielleicht war damit meine spätere Begeisterung für Kino schon ausreichend erklärt.
Michael Sommer hat das Ganze nur sehr viel konsequenter weitergeführt. Auf seinem YouTube-Kanal Sommers Weltliteratur to go erzählt er große Werke der Literatur mit Playmobilfiguren nach. Faust, Anna Karenina, Buddenbrooks, die Odyssee, sogar die Bibel – meistens in ungefähr zehn Minuten.
Das klingt zunächst nach Bildungsfernsehen kurz vor Sendeschluss, ist aber erstaunlich klug und sehr komisch. Sommer reduziert Stoffe, ohne sie lächerlich zu machen. Gerade weil Goethe, Tolstoi oder Thomas Mann plötzlich von kleinen Plastikfiguren gespielt werden, verliert Weltliteratur ein wenig von jener ehrfürchtigen Schwere, mit der sie uns in der Schule häufig präsentiert wurde.
Und genau das ist der Punkt: Bildung beginnt nicht immer mit Ehrfurcht, sie beginnt mit Neugier. Sommer nennt seine Filme eine Tür zur Literatur. Ich würde sagen: eine ziemlich charmante.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es wieder in die Neue Nationalgalerie in Berlin, wo einer bestbezahltesten Hofnarren der zeitgenössischen Kunst zu einer Retrospektive einlädt: Maurizio Cattelan. Vernarrt in seine Kunst?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
