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„In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski | „Die Küblböck-Story“, ARD |

Geister in der Altmark

Double Feature 33/25

Fortschritt ist oft gut, kann aber auch sehr grell sein: Der legendäre Delphi-Filmpalast in Berlin-Charlottenburg hat seine ikonischen und handgemalten Filmplakate gegen eine LED-Wand getauscht. Größere Aktualität bei der Programm-Bewerbung und schärfere Bilder gibt das sicher, aber ansonsten überwiegt bei mir die nostalgische Traurigkeit. Jahrzehntelang zauberte Plakatmaler Götz Valien Hollywood-Stars in Übergröße an die Kino-Fassade  – mit so viel menschlicher Note, dass sogar Kunstprovokateur Martin Kippenberger einst auf Valiens Talent zurückgriff und dieser nun als Mitautor des berühmten Bilds “Paris-Bar” genannt werden muss: Lieber Maler, male mir…

Sicher, manchmal verrutschte auf dem Plakat eine Perspektive, geriet eine Nase oder Hand etwas aus der Proportion, ein Hingucker war das häufig umso mehr.

Und nun? Flimmernde Pixel statt Pinselstriche. Vielleicht handelt es sich hier um einen Fall von notwendiger Plakat-Pensionierung, in jedem Fall würde ich mir wenigstens hin und wieder einen künstlerischen Pixel-Digital-Umgang mit der Fassade eines der schönsten Berliner Kinos wünschen. Wenigstens das ikonische Plakat zu Billy Wilders “Eins, Zwei, Drei”, das im inneren Treppenaufgang hängt, hat die Digitalisierung überstanden und hängt wie ein stolzes Relikt einer erinnerungswürdigen Zeit. Auf geht es in den Delphi-Palast zu einem deutschen Film, der bereits von sich Reden machte.

Main Feature

Mascha Schilinski ließ sich für „In die Sonne schauen“ von einem Hof in der Altmark inspirieren. Dort entdeckte sie ein altes Foto dreier Frauen aus den 1920er-Jahren, das ihre Neugier auf deren Schicksale weckte. Zugleich fragte sie sich, was Menschen dort früher erlebt haben. Daraus entstand die Idee zu einem generationenübergreifenden Film, der in Cannes 2025 begeisterte und bereits jetzt als Einreichung für die Auslands-Oscars feststeht.

“In die Sonne schauen” folgt vier perfekt besetzten weiblichen Hauptfiguren aus unterschiedlichen Epochen (von den 1910er bis zu den 2020er Jahren), die im Abstand mehrerer Jahrzehnte auf demselben Hof aufwachsen. Jede erlebt dort ihre Kindheit oder Jugend, und ihre Schicksale sind auf rätselhafte Weise miteinander verwoben.

Es entspinnt sich jedoch kein Sittengemälde deutscher Geschichte oder ein erwartbares Familien-Generationen-Drama. Über ein Jahrhundert entfaltet der Film vielmehr in assoziativen, nicht-linearen Episoden die Schicksale der vier Frauen auf dem abgeschiedenen Hof. Ihre zeitlich getrennten Leben spiegeln einander und sind dennoch unsichtbar verbunden; nach und nach treten durch beiläufige Symbole, Handlungen, eine Offstimme oder verborgene Motive, die Ängste und Geheimnisse aus der Vergangenheit zutage, welche die Gegenwart der Figuren erschüttern. Anstelle einer stringenten Handlung erwartet einen ein vielstimmiger und virtuos gearbeiteter Erinnerungsstrom, dessen Bedeutung sich erst in der finalen Montage erschließt. Geister des Orts, Ort der Geister.

Schilinski nutzt, was Kino bietet – vor allem Bildgestaltung und Ton – um ein überzeitliches, manchmal fast tranceartiges Erlebnis zu schaffen. Das Bild wechselt von beklemmend eng zu atemberaubend weit. Szenen spalten sich in verschiedene Optionen auf – “Du bist immer nur das, was Du tatsächlich tust”, heisst es an einer Stelle im Film.

Kamerabewegungen wirken oft entrückt – „die Kamera ist wie ein Geist“, beschreibt Schilinski eine Szene – und verbinden mit weichen Übergängen unterschiedliche Epochen. Die Tonspur erhält eine ganz eigene Stimme: Geräusche und reduzierte Musik – ein zentral eingesetzter Song erzeugen eine konstante, unterschwellige Unruhe. Die Montage formt einen „Strom aus Fragmenten und Assoziationen“, in dem die Kausalität aufgehoben ist. Bis zum letzten Bildrauschen bleibt vieles bewusst rätselhaft.

Schilinskis Film ist ein in nur ganz wenigen Momenten etwas zu bedeutungsschwer raunender Geisterreigen – vor allem aber ein geisterhaft gewinnender, erzählerisch und ästhetisch sehr souveräner Film, der einen neuen “Ton” in das deutsche Filmschaffen setzt. Man muss bereit sein für die altmärkische Trance, dann jedoch ist der Film ein einnehmendes Erlebnis

Side Feature

Die erste Staffel von DSDS, der RTL-Superstarsuche: ich habe sie gesehen. Es blieb die einzige. Ich erinnere mich noch kaum mehr daran, wer sie gewonnen hat, aber an den Drittplatzierten erinnere ich mich – Daniel Küblböck. Die dreiteilige ARD-Doku-Serie „Die Küblböck-Story – Eure Lana Kaiser“ rekonstruiert das Leben von Daniel Küblböck – der 2003 als schillernder DSDS-Teilnehmer zum „Trash-TV-König“ wurde, Castingshow-Normen sprengte und die Nation polarisierte  – bis zu seiner Wandlung zu “Lana Kaiser” und ihrem tragischen Verschwinden auf einer Kreuzfahrt nach New York, vor der Küste Neufundlands. Trotz fehlenden Gesangstalents besaß Küblböck eine „einzigartige Menschlichkeit“, die Fans und Kritiker berührte. Die sehenswerte Dokumentation beleuchtet einfühlsam seinen Werdegang und zeigt die tragische Sinnsuche eines jungen Menschen, der vom Unterhaltungszirkus ausgenutzt wurde.

Gleichzeitig reflektiert die Serie ein Medienzeitalter vor Social Media: „es [brauchte] nicht erst die sozialen Medien, um Menschen öffentlich hinzurichten“. Zudem wird deutlich, wie queerfeindlich die Nullerjahre noch waren, obwohl Küblböck als frühe queere Ikone gilt. Küblböck, der zuletzt als Transperson Lana Kaiser lebte, brach Konventionen und „ebnete den Weg für Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht mit den gesellschaftlichen Rollenbildern übereinstimmt“, ob er das nun bewusst wollte oder nicht. Die Aufarbeitung bietet nostalgische Rückschau und einen aktuellen Impuls zur Empathie. Sie kann vielleicht etwas Ruhe und Echtheit in die hysterische Trans- und Selbstbestimmungsdebatte bringen – durch Menschlichkeit statt Polemik.

Next Feature

In der nächsten Ausgabe geht es zur Spielzeit-Eröffnung ins Berliner Ensemble: der Ausnahmeschauspieler Jens Harzer lässt hier einen monumentalen Text von Oscar Wilde auf der Bühne entstehen. Faszinierend?

with cultural regards,

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