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DF 34 -25
„De Profundis“, Berliner Ensemble | Carsten Brosda |

Wortkunstzelle

Double Feature 34/25

Als ich neulich Radio hörte, kam mir eine Idee: Gibt es eigentlich  – wie beim Fussball – einen Transfermarkt für Schauspieler*innen. Ablösesummen? Geheime Verhandlungen? Natürlich kennen wir die negative Antwort, aber stellen wir uns kurz vor:

Schauspieler X kommt aus Hamburg nach Berlin, muss erst einmal zum Medizin- oder Stimmcheck, bevor der Vertrag unterschrieben wird.

Schauspielerin Y wird vom Stadttheater A zum Grosstheater B transferiert und muss erst einmal eine Pressekonferenz geben, wie ihr denn die grosse Stadt gefalle und ob der Ehemann auch mitkommen oder sich zuhause um die Kinder kümmern wird – und jeder ihrer Sätze beginnt mit „Ja, gut, ich sag´ mal…“

Schauspieler X posted auf seinem Insta-Account aus dem Regionalzug von München, dass er sich schon sehr auf die Ankunft in Frankfurt freue und total gespannt auf die Stadt ist – am Bahnhof warten bereits Scharen von Theater-Abonnenten, begeistert Spielzeithefte schwenkend…

Einverstanden, legen wir diese Überlegungen unter „Ideen, die nirgendwohin führen“ ab und widmen uns dennoch einem der „heissesten“ Schauspieler-Transfers dieser Saison: Jens Harzer. Er gibt am Berliner Ensemble sein Debut in der neuen Stadt.

Main Feature

Aus tiefster Verzweiflung heraus schrieb Oscar Wilde 1897 im Zuchthaus von Reading seinen „De Profundis“ – einen leidenschaftlichen Brief an seinen Geliebten Lord Alfred „Bosie“ Douglas. Der Anlass dieser epistolaren Selbstabrechnung war tragisch: Wilde war wegen „Unzucht“ zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt – Homosexualität galt im viktorianischen England wie in den meisten europäischen Monarchien jener Zeit als Verbrechen, verfolgt mit Gefängnis und gesellschaftlicher Ächtung. In diesem Monolog rechnet Wilde schonungslos mit Bosies Verrat und seinem Verhalten ab und hinterfragt zugleich seine eigene Schuld. Anfängliche Bitterkeit schlägt in reumütige Selbstbesinnung um, durchzogen von spirituellen Betrachtungen über Leid, Buße und Erlösung.

Nach seiner Entlassung 1897 war Wilde ein gebrochener Mann und starb 1900 verarmt im Exil. Der Brief selbst blieb lange unter Verschluss: Erst 1905 erschien eine stark gekürzte Fassung, die vollständige Veröffentlichung erfolgte erst Jahrzehnte später – ein spätes Echo jener Stimme aus der Tiefe, die nun am Berliner Ensemble von Oliver Reese auf die Bühne gehoben wird.

Die alleinige Rolle in dieser Inszenierung übernimmt Jens Harzer, der im deutschsprachigen Raum sicherlich zur absoluten Schauspiel-Oberliga gehört – nicht zuletzt, da der verstorbene Bruno Ganz ihm seinen Iffland-Ring vermachte, eine der höchsten Schauspiel-Insignien. Harzer war an mehreren Häusern zuhause, lange in München, als Gast in Jürgen Goschs legendärer “Onkel Wanja” Inszenierung am Deutschen Theater, und in Hamburg war er in einer von Robert Wilsons letzten Inszenierungen zu sehen. Nachdem sich Pläne für einen Wien-Transfer zerschlagen hatten, griff das BE zu und präsentiert nun zur Spielzeiteröffnung Harzer als neues Ensemblemitglied in Wildes „De Profundis“.

Im zunächst absolut Dunklen zeichnen sich langsam die Umrisse einer weissen Zelle heraus, die mit ihren noch nicht einmal 2×2 Metern einen engsten Raum markiert. Montiert ist dieser Kleinraum auf einer etwa zwei Meter hohen Empore – Altar, Zelle, Schafott, alles ist dieser Bühnenraum gleichzeitig und derart beengter Raum wird Jens Harzer gegeben, kein Kubikmeter mehr.

Wenn sich am Anfang nur Harzers Stimme im Dunkel aufschwingt und erst langsam seine Konturen und Gesicht, Hände hervorschauen, dann ist vor allem meine große Bewunderung für ein derartiges Vokal- und Wortorgan sofort wieder präsent. Harzers Stimme vermag es perfekt zwischen Leiden, Anklage, glockenhaftem Bitten und galligem Vorwerfen zu changieren und bleibt dabei immer unverwechselbar.

Er stürzt sich mit vollem Einsatz in den Text, erarbeitet ihn sich Zeile für Zeile gleichermassen, wie er ihn eitel und wirkungsbewusst ausstellt. Teilweise wirkt es, als wohnte man noch einer Probe bei, teilweise ist es ein schwindelerregend kraftvoller Vortrag. Nach und nach kommt auch ein kräftezehrender Körpereinsatz dazu, Hände fliegen, der Körper krümmt sich, schliesslich verbeisst sich Harzer märtyrerhaft wörtlich in sich selber, es fliesst Blut.

Mit dieser Souveränität und Wandelbarkeit erarbeitet sich Harzer alle Phasen des Textes: die bittere Anklage, das Wehklagen, das Ankämpfen, das Resignieren, die schliesslich erschöpfte Dankbarkeit dem eigenen Schicksal gegenüber.

Orgel- und Atmosphärenklänge aus dem Hintergrund verleihen der Szenerie Atmosphäre, sind allerdings häufig zu ähnlich angelegt, so dass sich in der Mitte des Abends eine leichte Monotonie einstellt. Harte Licht-Schnitte unterbrechen einzelne Passagen, mal ist die Kastenzelle in gleissendes Weiss, mal warmes Rosa, mal eiskaltes Blau getaucht, mal spielt der Sprecher ein an die Wand geklebtes Photo des Geliebten an, mal ermöglicht ihm ein von der Decke sinkendes Mikrophon Momente grösserer Intimität beim Sprechen.

Die Einrichtung der einzelnen Szenen ist effektvoll und bietet Harzer die Bühne, die er sich natürlich zu nehmen weiss: zwingend ist diese Regie nicht. Mittendrin stelle ich mir die Frage, wie – da die stilistische Nähe ohnehin nicht zu übersehen ist – Robert Wilson mit diesem Text umgegangen wäre in seiner unverwechselbaren Stilistik. Auch wäre es textlich vielleicht interessant gewesen, noch mehr in die abstrakten Abhandlungen über Kunst, Buße und Vergebung einzusteigen und nicht allzu sehr auf die „Love Story“ zu fokussieren. Aber: Diesem Text und damit der Person Oscar Wildes jenseits des weitreichend bekannten „Dandyismus“ Raum zu geben in all seiner Widersprüchlichkeit, Vielschichtigkeit und Non-Konformität – dies ist ein Verdienst an sich.

Schliesslich, nach all der Erschöpfung und Resignation, singt Harzer schliesslich die wenigen Zeilen, die Wilde nach seiner Entlassung aus der Haft noch zu texten vermochte: “Each man kills the thing he loves”. Dann Hinabstieg vom Sockel und Wunsch nach Aufbruch in ein Ungefähr, die Natur, die Rückkehr zum Geliebten gar. Wir wissen, dass sich dieser Wunsch für Wilde nicht erfüllt hat – bis zu seinem elendigen Ende.

„De Profundis“ am BE ist eine Feier des Worts und der Kunst des Jens Harzer, die Regie bietet dabei eine Bühne, nicht mehr und nicht weniger. Stehauf-Jubel am Premierenabend.

Tach, Herr Harzer – so sagen wir an der Spree – kommense jetzt öfta?

Hoffen wir’s.

Side Feature

Carsten Brosda, Hamburger Kultursenator und Bühnenvereinspräsident, schreibt in den Frankfurter Heften von der Sehnsucht nach einer „anderen Idee“. Er meint damit ein Narrativ, das Demokratie nicht nur verteidigt, sondern mitreißend erzählt. Denn während Rechte Ängste in simple Freund-Feind-Muster pressen, wirken progressive Kräfte oft bloß reaktiv, mit Infrastrukturplänen und Sozialpaketen, aber ohne großen kulturellen Atem. Brosda nimmt auch die viel beschworene „bürgerliche Mitte“ aufs Korn – ein Schlagwort, das eher beruhigt als Orientierung gibt.

Allerdings bleibt er selbst vage: Welche Idee könnte denn tragen? Immerhin gesteht er indirekt ein, dass progressive Bewegungen zuweilen übers Ziel hinausschießen, wenn „woke“-Diskurse moralisch trennend statt verbindend wirken. Überzeugend finde ich seine Erinnerung daran, dass Kultur nicht schmückendes Beiwerk ist. Ihre Freiheit ist die Voraussetzung, um Konflikte offen zu verhandeln und Zukunft überhaupt vorstellbar zu machen – ob in Theatertexten, Popsongs oder Filmbildern. Ohne diese Räume, das spürt man, wäre Demokratie schnell atemlos.

Next Feature

Im nächsten „Double Feature“ geht es in die Schweiz und a den Vierwaldstättersee. Im Rahmen des Lucerne Festival präsentiert sich am Ufer mit „Ark Nova“ eine spektakuläre und temporäre Konzerthalle, die vor Inbetriebnahme erst aufgeblasen werden musste. Neugierig?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

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