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Lucerne Festival | „Call My Agent: Berlin“, Disney+ | „The Studio“, Apple TV |

Aufgeblasenes Gebet

Double Feature 35/25

Im letzten Side Feature erwähnte ich einen Aufsatz von Carsten Brosda und seine Sicht auf die Rolle der Kultur und Kunst in polarisierten Zeiten. Danke für ein paar kontroverse Reaktionen darauf – Dialog Double Feature.

Als ich in der vergangenen Woche beim ältesten Sprechtheater Berlins einmal hinter der Bühne und in den Direktionsbüros zu Gast war, sah ich dort ein (eigentlich für Anti-Kulturetatkürzung-Demos gedachtes) Plakat von einem Schriftsteller, der mich schon sehr lange fasziniert. Es vermittelt eine andere, aber auch mögliche, vielleicht nicht allzu hoffnungsvolle Sicht auf die gleiche Thematik:

„Kunst war nie ein Mittel, die Welt zu ändern, aber immer ein Versuch, sie zu überleben.“ – Thomas Brasch

Nun, etwas hoffnungsvoller war ein Projekt gedacht, dessen “Renaissance” ich nun im Rahmen des Lucerne Festivals am Ufer des Vierwaldstätter Sees erleben durfte.

Main Feature

Ark Nova ist mehr als ein Konzertsaal, es ist ein mobiles Zeichen. 2011 als künstlerische Antwort auf Erdbeben und Tsunami in Japan gedacht, entwarfen Anish Kapoor und der 2022 verstorbene Architekt Arata Isozaki eine begehbare Skulptur, die Kunst, Architektur und Musik verschmilzt. In Luzern stand die „neue Arche“ erstmals am Vierwaldstättersee: auberginenrosa, typisch Kapoor-organisch gerundet, in Minuten aufgeblasen und aufgestellt, mit rund 300 Plätzen – ein eindrucksvoller, symbolischer, aber auch intimer Raum mit großer Geste, von der Lidowiese aus ans Wasser gelehnt. Elf Tage Programm, Spazierabstand zum Verkehrshaus inklusive. 

Zum Abschluß des Lucerne Festival bespielte die „artiste étoile“ Winnie Huang diesen Körper wie einen Altarraum. Die chinesisch-australische Geigerin und Performance-Künstlerin forscht seit Jahren an der Schnittstelle von Klang und Geste; in Luzern ist sie keine Unbekannte. Ihr gestisches Vokabular ist präzise, still und konzentriert, ritualhaft statt dekorativ. Dass Huang über Monate mit Stockhausen-Vertrauten wie Alain Louafi und Kathinka Pasveer trainierte, spürt man in jeder Pose – es erinnert an Meredith Monks Körpermusik oder Abramović’ Ausdauerkunst und bemüht sich um künstlerische Eigenständigkeit, ohne zur bloßen Imitation zu werden. 

Auf dem Programm: Karlheinz Stockhausens „Inori“, ein 70-minütiges Adorations-Ritual für einen oder zwei Mimen und Orchester – oder, wie hier, für Solistin und leider nur Tonband. Gebetsgesten unterschiedlichster Traditionen sind exakt notiert und mit einer „Formel“ verschränkt, die den Verlauf von Rhythmus über Dynamik, Melodie und Harmonie bis zur Polyphonie abbildet. Die Geste „spielt“ gleichsam das Orchester, jede Handbewegung korrespondiert mit Klang. Das wirkt wie eine Oper mit nur einer Figur, ohne Worte: hypnotisch, ernst, fast liturgisch. Neue Musik, typisch Stockhausen.

Dass ein Werk mit japanischem Titel in einer Halle aufgeführt wird, die als Hoffnungsgeste für Japan entworfen wurde, schließt schön den Kreis: Inhalt, Medium, Ort stimmen. Aber: Ohne Live-Orchester verliert „Inori“ etwas von seiner körperlichen Wucht. So bewundernswert Huangs Aneignung des komplexen Bewegungskanons ist – die reine Tonbandversion verlangt dem Publikum einiges ab; nach einer Weile kämpft die Aufmerksamkeit gegen die Monochromie des Klangs.

Bleibt der Blick auf den Intendanten Michael Haefliger, unter dessen Ägide Lucerne Festival in neuen Formaten zu sich selbst fand – Ark Nova in Luzern ist dafür die vielleicht schönste Fußnote. Und sein Abschieds-„Les Adieux“ einen Tag später im wunderbar gealterten, stilistisch aber alterslosen KKL, einem der besten Konzertsäle Europas? Überopulent, 5 Stunden lang, ja, aber mit Funkenflug: Riccardo Chailly, Sol Gabetta, Patricia Kopatchinskaja, Igor Levit, Uraufführungen – und mittendrin erneut Winnie Huang mit einem neuen Gestenstück. Man gönnt es einem Intendanten, der 26 Jahre lang die Türen weit aufgestoßen hat. 

Side Feature

Neues aus Streaminghausen: „Call My Agent: Berlin“  – die Serie über eine strauchelnde Schauspiel-Agentur mitten in Berlin – startet verheißungsvoll: schick ausgestattet, guter Look, Tempo, Witz, guter Cast. Doch je länger, desto unentschiedener: Will die Serie schnippische Screwball-Energie oder die etwas tiefere Dramedy sein? Die Star-Cameos sind hübsch selbstironisch, aber die Fallhöhe bleibt gering; wirklich riskieren muss hier kaum jemand etwas. Das exzellente französische Original („Dix pour cent“, 2021 mit dem International Emmy ausgezeichnet) bleibt die Messlatte. Die Berliner Stern-Agentur taumelt nach dem Tod des Gründers; der Betrieb ist Chaos mit Charme – nur: die großen Überraschungen bleiben rar. Den Titel eines vermeintlichen und fiktiven  Arthouse-Films, der wie eine Drohung über dem Szenario hängt, sollte man sich allerdings merken: Winterschattenglockenzeit. Das alles macht in Summe Spass, die deutsche Filmbranche hätte sicher aber mal ruhig etwas mehr Selbst-Demontage gönnen können.

Die mit Emmys in diesem Jahr förmlich überschwemmte Serie “The Studio”riskiert da mehr. Ein eigentlich völlig überforderter Studioboss stürzt sich mit seinem Chaos-Team in die Hollywood-Branche. In den letzten Folgen bricht schliesslich die komplette Anarchie aus – aber seht selbst.

Next Feature

Im nächsten „Double Feature“ geht es im Rahmen des Musikfests Berlin vom “Bauhaus zum Broadway” und zur Uraufführung der wohl einzigen kubistischen Oper der Welt. Ein Ereignis?

with cultural regards,

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