Berliner Philharmoniker | „Mirrors No. 3“ von C. Petzold | „Jesus Christ Superstar“, Komische Oper Berlin | Musikfest Berlin |
Wer Tröstet Wen?
Double Feature 36/25
Wer tröstet hier wen – und warum?
Ist Trost eine Geste, ein Werk, ein Arrangement?
Wird der Tröstende von den Bedürftigen geformt – oder umgekehrt?
Ist Trost immer auch Selbstversicherung?
Und: Wie viel Schönheit braucht es, damit Trost wirkt?
Drei verschiedene Konzerte-/Film-/Musical-Aufführungen der letzten Zeit beschäftigen sich mit diesen Fragen. Es beginnt in der Berliner Philharmonie, geht dann in das wunderbare Cinema Paris und schliesslich in den Hangar 4 des Flughafen Tempelhof.
Main Feature
Im Musikfest-Programm der Berliner Philharmoniker reißt Pascal Dusapin in Exeo – dem fünften „Solo für Orchester“ – Klangflächen auf und setzt sie wieder zusammen, als würde das Orchester eine Wunde selbst abtasten. Der lateinische Titel („ich gehe hinaus“) ist Programm: Hoch und Tief stehen unter Strom, die Mitte bleibt ausgedünnt – ein schwarzer Zwischenraum, der förmlich Sog erzeugt. Dusapin widmete das Stück Iannis Xenakis; es kommt ohne Schlagwerk aus, das schärft die innere Glut nur noch. Kiril Petrenko spricht von Musik, „gewaltig und wunderschön“. Dann Zimmermanns Oboenkonzert mit Albrecht Mayer – eine reizvolle Reibung – und schließlich Brahms’ Erste: exemplarisch gebaut, selbstbewusst unter Beethovens Blick, und doch ganz eigen. Themen befreien sich aus der Finsternis, das Finale öffnet Horizonte. Ein Versprechen: Neues ist möglich, selbst im Schatten der Überväter und des Chaos – das ist tröstlich.
Christian Petzolds neuer Film “Miroirs No. 3” nach einem Stück von Ravel setzt bei den Rissen an, die Menschen einander zufügen – und heilen. Eine junge Klavierstudentin (Paula Beer) überlebt einen Unfall; eine Fremde (Barbara Auer) nimmt sie auf. Vater (Matthias Brandt) und Sohn (Enno Trebs) kreisen darum, während die Spuren der abwesenden, suizidalen Tochter doch allgegenwärtig sind. Petzold erzählt das als geisterhafte Sommerstudie, mit klaren Achsen, gedimmter Spannung, Hitchcocks Vertigo-Echos – nur sind hier die Rollen vertauscht. Die Musik ist wieder einmal Motor und Spiegel bei Petzold: ein Ravel-„Miroirs“-Stück als heimlicher Taktgeber, Chopin als pulsierender Restschmerz; Petzold spricht selbst von „Hauntings and Doublings“. In Cannes (und wegen Verzögerungen leider nicht in Berlin) schloss der Film die inoffizielle Elemente-Trilogie nach “Undine” (Wasser) und “Roter Himmel” (Feuer) – hier weht die Luft durchs Bild, buchstäblich. Vieles wirkt mehr wie eine elegante Etüde als ein großer Wurf; dennoch bleibt die Frage stehen: Können wir Trost je selbstlos geben – oder wärmen wir dabei auch uns? Vielleicht beides. Das Kino hält hier den Spiegel.
Dann “Jesus Christ Superstar” im Flughafen-Hangar Tempelhof: Jesus, der große Tröster – und die Masse, die Trost fordert. Andreas Homoki formatiert Webbers Rock-Oratorium als eine Arenashow im Industrie-Dom; Koen Schoots bündelt Band-Druck und Orchesterleuchten (letzteres allerdings arg versteckt hinter der Bühne), Strobos, Pyro, viele (fast 350) Körper im Raum. Die Partitur mixt Rock, Soul, Gospel – Webber als großer Stil-Mixer, den man mögen muss; ich brauchte einen Moment, um hineinzufinden. Ryan Vona zeichnet einen überaus attraktiven Jesus zwischen Zorn und Erschöpfung, die riesige Komparserie macht die Menge spürbar. Die Bilder erinnern an “Metropolis” von Fritz Lang, die Kostüme lassen 90er-Clubkultur aufblitzen. Dass das Werk gerade wiederkehrt, zeigte zuletzt der Hollywood Bowl (Cynthia Erivo als Jesus, Adam Lambert als Judas) – vielleicht, weil unsere Gegenwart Rituale der Trostsuche verlangt. Und die Komische Oper? Wirkt seltsam immun gegen den finanziellen Kürzungsfuror – bemerkenswert, im Guten wie im Verwunderlichen.
Am Ende bleibt: Trost ist nie Einbahnstraße. Werke, Menschen, Institutionen – alle formen und werden geformt. Das Tröstliche liegt nicht im Heilsversprechen, sondern im ernsthaften Versuch, Form gegen das Chaos zu setzen – heute, wieder.
Side Feature
Nochmals Musikfest Berlin: Hier traf auch das Bauhaus auf den Broadway: Das Nachmittagskonzert „From Bauhaus to Broadway“ spannte den Bogen von Brecht/Weill bis Marc Blitzstein, sein wunderbarer Song „I Wish It So“ erklang so innig und bewegend, dass er zu einem Höhepunkt geriet, so ist zu hören.
Abends wurde in der Philharmonie Blitzsteins 1929 entstandene Oper „Parabola and Circula“ konzertant vom Norrköping Symphony Orchestra unter Karl-Heinz Steffens uraufgeführt – sie war für eine Premiere am Bauhaus in Dessau konzipiert worden, dazu kam es aber nie. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hob in seinem Grußwort die Notwendigkeit der Moderne hervor und mahnte, die Freiheit der Kunst als Teil der Demokratie zu verteidigen – ein deutlicher Seitenhieb auf die AfD, die das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“ diffamiert. Schon von daher war diese Welturaufführung eine überfällige Notwendigkeit.
Next Feature
Im nächsten Double Feature eröffnet die Oper in Zürich die Spielzeit unter neuer Intendanz mit einem neuen “Rosenkavalier”. Beeindruckend?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
