„Der Rosenkavalier“, Opernhaus Zürich | „Somebody Somewhere“, HBO Max |
Kavalier in Tricolor
Double Feature 37/25
“Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen? (…)”
Wenn Hugo von Hofmannsthal 1894 über die Vergänglichkeit sinniert, dann sind wir mittendrin im Thema der Eröffnungsproduktion des Opernhaus Zürich und der neuen Intendanz des aus Berlin eingereisten
Matthias Schulz – programmatisch groß, klanglich luxuriös, mit dem Selbstbewusstsein eines Hauses, das substanziell ausgestattet ist und zeigen will, was es kann. Berlin, Etat-Kürzungen, war da was?
Main Feature
Der „Rosenkavalier“ ist als Spielzeit-Auftakt ideal: Nach den schneidenden Modernitäten der Opern „Salome“ und „Elektra“ entdeckten Richard Strauss und Hofmannsthal 1911 in Dresden die Kunst des bittersüßen Leichttons neu – Rokoko als Spiegel der Zeit, Melancholie als Form der Erkenntnis. Wer das heute hört, hört auch die Risse unserer Zeit mit.
Regisseurin Lydia Steier erzählt pointiert und temporeich die bekannte Geschichte: Die Marschallin liebt Octavian. Als Rosenkavalier überbringt er im Auftrag Baron Ochs ´ die silberne Verlobungsrose an Sophie, verliebt sich. Maskeraden entlarven Ochs. Marschallin verzichtet; Octavian und Sophie finden schließlich zusammen.
Marschallin und Octavian im ersten Morgenglanz, Ochs’ träge, männliche Grobheit, Sophies Erwachen – eine wirklich komische Komödie der Verkleidungen, die aber im Ernst zusammenläuft. Musikalisch liegt der Nabel der Oper am Ende des ersten Akts: der Monolog der Marschallin („Die Zeit, die ist ein sonderbar Ding“) mit seinem feinen Pulsen, den schwebenden Holzbläsern. Hier verschmilzt Konversationston mit verhaltener Arie; ein inneres Zeitstück, das in Diana Damraus Diktion nie zur Pose gerät, sondern zur Selbsterkenntnis.
Das Trio am Schluss („Hab’ mir’s gelobt…“) spannt diesen Bogen aus Loslassen, Ironie und Trost – drei Linien, die ein Einverständnis formen und aufbrechen in eine Zukunft aus Liebe, Hoffnung und Abschied.
Gottfried Helnwein prägt Bühne und Kostüme – nicht, wie zu erwarten war, als Schockmaler, sondern als Farbraum-Architekt. Ein Kavalier in Tricolor – drei Akte, drei Farben, drei Stimmungen: ein kühler, intimer Blau-Ton im Boudoir der Marschallin; ein schrill-gelber Faninal-Haushalt; schließlich ein roter, industriell anmutender Maskenball der Enttarnung. Videos legen Vanitas-Schichten darüber: Frauen-Porträts, die zu Schädeln kippen; ein Sternenhimmel, der die Zeit anzeigt; blinkende Frauenbilder, die in die Leere zurückschnappen. Das ist opulent, gelegentlich grell, aber nicht „helnweinsch“-provokativ. Die berühmten Helnwein-Kinderikonen bleiben hier bloße Reminiszenz: ein kurzer Einsatz des Kinderchors, aber keine Bildstrategie.
Dass diese Bildsprache eine Geschichte hat, verschweigt der Abend nicht: Steier sah 2007 eine Helnwein-„Rosenkavalier“-Arbeit in Los Angeles und wollte das Konzept in eigener Handschrift weiterführen – nun ist es in Zürich zur Neuverschmelzung gereift. Hatte noch 2007 Maximilian Schell Regie geführt – was angesichts postumer Pädophilie-Vorwürfe an ihn gerade bei dieser Oper einen üblen Beigeschmack hat – so hat in 2025 Regisseurin Steier einen festen und feministischen Blick auf die Figuren. Dies aber nicht auf Kosten der Geschichte und ihrer Tiefe, vielleicht bis auf ein paar allzu comic-hafte Zuspitzungen.
Joana Mallwitz hält Strauss’ Orchester-Riesenapparat geschmeidig und mit festem Takt in Fluss, lässt atmen und Bögen schimmern – richtig geschwelgt wird bei ihr nicht, es war auch nicht zu erwarten. Und im Zentrum Diana Damrau: eine Marschallin mit silbrigem Kern, die ihren Zeit-Monolog von innen her leuchten lässt und dem Finale eine sanfte Autorität gibt.
Vergänglichkeit – bei Hofmannsthal ist das ein Wissen, nicht Resignation. 1911 klang sie wie unbeschwerte Melancholie im Schatten eines neuen Jahrhunderts und vor einem noch nicht ausgebrochenen, ersten Weltkrieg; heute schwingt im Witz der Strauss-Walzer ein anderer Ernst mit. Gerade darin gewinnt dieser „Rosenkavalier“ aber seine Gegenwart: Er zeigt, wie sich Schönheit im Vorbeigehen der Zeit auflädt. Und er zeigt, wozu ein großes Haus fähig ist, wenn Mittel, ein bisschen Mut und Handwerk zusammenfinden. Zürich liefert dafür einen glänzenden Auftakt.
Side Feature
Neues aus Streaminghausen: „Somebody Somewhere“. Aufmerksam geworden bin ich durch Jeff Hillers flamboyante, sehr ehrliche Emmy-Dankesrede 2025. Die in die Zeit leider perfekt passende Serie von Hannah Bos und Paul Thureen mit der phänomenal authentischen Bridget Everett zeigt die Abgehängten, aber mit Liebe – und ist dabei oft schlicht umwerfend komisch. Hiller als Joel ist das sanfteste Sicherheitsnetz dieser Welt und ein wahrer – nochmals das Wort – Kavalier und Freund. Die Songs sind präzise gesetzt; mehrmals hatte ich Tränen beim Zuschauen in den Augen. Zärtlich, warm, echt, draußen wird es jetzt wieder kälter.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es zum Zürich Film Festival und einer neuen Interpretation eines alten Ibsen-Stoffs: Hedda Gabler. Geht die Modernisierung auf?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
