Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20Bildschirmfoto 2025-10-29 um 12.12.20
  • Start
  • Anmelden
  • Archiv
  • Über Mich
✕
Profil DF
„Hedda“ von Nia DaCosta | Deutsche Bahn |

It´s Ibsen, Bitch! 

Double Feature 38/25

Das Filmfestival in Zürich zeigt, wie ein vielleicht nicht durch Weltpremieren, A-List Starauflauf und weltweiter Presserelevanz glänzendes Event trotzdem punkten kann: durch perfekte Organisation, mutige und nicht verschämte Einbindung von Sponsoren, ein Festivalcenter, das diesen Namen wirklich verdient, ein überschaubares, aber gut kommuniziertes Programm, Präsenz in der ganzen Stadt, kleine, aber feine Nebenveranstaltungen.

Liebes Berlinale-Team, wie wär’s mal mit einer Studienreise? Soooo teuer ist Zürich nun auch nicht…

Auf ebendiesem Zürich Filmfestival hatte eine Neuinterpretation eines alten Ibsen-Stoffs Europapremiere: “Hedda”

Main Feature

 

Henrik Ibsen schrieb Dramen von seismographischer Genauigkeit: bürgerlicher Realismus, psychologische Zerlegung, sanft gnadenlose Gesellschaftskritik. „Hedda Gabler“ (1890/91) ist darin das moderne Trauerspiel einer Frau, die in Status und Stillstand gefangen ist, ihre Umgebung manipuliert und an den eigenen Ansprüchen zugrunde geht – ein Klassiker der Theaterrealistik, dessen Uraufführungsgeschichte genauso bewegt ist wie die Figur selbst.

Hedda, Tochter eines Generals, hat aus Konvention den biederen Forscher Tesman geheiratet, langweilt sich in ihrer neuen Ehe, spielt mit den Gefühlen anderer – vor allem mit denen des genialischen, selbstzerstörerischen Eilert Løvborg – und treibt ihn schließlich zurück in den Alkohol und in den Tod, bevor sie sich selbst richtet.

Nia DaCosta verlegt ihre „Hedda“ (die nach kurzer Kinopräsenz vor allem auf Amazon Prime zu sehen sein wird) ins Großbritannien der 1950er, kondensiert die Handlung zur langen, eskalierenden Nacht – und macht aus Eilert Løvborg eine Eileen, die ehemalige Geliebte Heddas: ein queerer Dreh, der vieles aktualisieren könnte. DaCosta, die mit „The Marvels“ als erste schwarze Regisseurin ein Superhero-Movie Feature verantwortete, bringt das Material mit deutlichem Formbewusstsein auf die Leinwand; in den Hauptrollen Tessa Thompson, Imogen Poots, Tom Bateman, Nicholas Pinnock – und die deutsche Nina Hoss.

Und doch: So elegant Kamera und Ausstattung durch die goldgetönten Räume gleiten, so perfekt die Musik von Hildur Guonadottir den Beat vorgibt und zwischen Exaltiertheit und stockendem Atem pendelt – die Modernisierung bleibt auf halbem Wege stehen. DaCostas Film liebt Stil und Sticheleien, verwechselt aber zu oft Pose mit Ambivalenz. Ihre Hedda wird zu sehr zur kalt funkelnden Agentin des Unheils, eine eindimensional „Ibsen-bitchy“ Antagonistin, während Motive wie Rasse und verdrängte Sexualität angerissen, aber nicht wirklich durchdrungen werden. Der Fokus kippt schließlich von der Titelrolle auf eben diese Eileen – was als Kommentar funktionieren könnte, hier jedoch die tragische Dialektik des Originals verflacht. Das ist technisch brillant gemacht, dramaturgisch aber unentschieden.

Sehenswert bleibt „Hedda“ trotzdem – wegen Nina Hoss. Als Eileen hat sie Feuer, Schärfe, Verletzlichkeit; sie trägt die großen Räume, wenn der Plot sich im Dekor spiegelt. Hoss stiehlt Szenen, Herzen und eigentlich auch die Regie – selbst wenn man ihr ein allzu plakatives Kostüm verpasst hat. Diese Performance gibt dem Abend jene moralische Reibung, die der Titelfigur hier fehlt. Wer Ibsen als heutiges Macht- und Begehrenstheater sehen will, findet hier viel Glitzer  – und in Hoss das Gewissen des Films.

Side Feature

Die Deutsche Bahn singt und tanzt – mit Anke Engelke als ICE-Zugchefin – im neuen „Bahn Song“ der Webserie „Boah, Bahn!“. Witzig, gut getaktet, kein Ersatzverkehr notwendig. Federführend im Hintergrund: Martell Beck, einst Berliner Verkehrsbetriebe-Marketingchef („#weilwirdichlieben“), heute bei der DB. Er bleibt sich sehr treu – Berliner Schule lässt grüßen: “Alles kaputt, ausser unserer guten Laune”. Engelke ist die Bestbesetzung für so eine Charme-Aktion. Aber ohne klare parallele Kommunikation zu Sanierungsplan, Fortschritt und Meilensteinen wirken solche Clips rasch wie „Kundenveralberung“. Also: Humor ja, Transparenz bitte ebenso – und belastbare Zeitpläne dazu. 

Next Feature

Im nächsten Double Feature geht es zu Franz Kafka und einer theatralen Neuinterpretation seines “Der Prozess” und um das Thema “Kunst und KI”, das es nun auch auf die Theater-Bühne geschafft hat. Ergiebig?

Ich werde berichten…

with cultural regards,

Signature D
Impressum | Datenschutzerklärung | Webdesign von Lisa Koch