„Stereophonie“, Schaubühne Berlin | „Katastrophe“, arte |
Dreams are my Reality
Double Feature 38/26
Es gibt Alben, die altern nicht. “Rumours” von Fleetwood Mac, 1977 erschienen, gehört dazu. Entstanden in einem emotionalen Trümmerfeld aus Trennungen, Eifersucht und reichlich Kokain, klingt es bis heute erstaunlich schwerelos. Beziehungschaos, perfekt produziert. Eine sehenswerte arte-Dokumentation hat die Details dazu.
Mein Lieblingsstück: Dreams. Dieser federnde Bass, das fast hypnotische Schlagzeug, darüber Stevie Nicks mit einer Stimme, die längst weiß, was das Herz noch nicht akzeptieren möchte. „You say you want your freedom“. Welch elegante Form, jemanden loszulassen. Ohne Vorwurf, ohne Besitzanspruch.
Doch dann fordert Nicks dazu auf, ganz genau auf den Klang der eigenen Einsamkeit zu hören. Und schließlich: „Thunder only happens when it’s raining“. Eine wunderbar lakonische Erkenntnis. Zum Leben gehören eben auch die Gewitter. Und wer Freiheit sucht, entdeckt bisweilen, dass sie ihre eigenen Widersprüche mit sich bringt.
Überhaupt ist Dreams ein erstaunlich kluges Lied über die menschliche Neigung, gleichzeitig Nähe und Unabhängigkeit zu wollen. Über das, was wir festhalten, was wir loslassen und was uns erst im Rückblick kostbar erscheint. Keine große Lebensphilosophie, eher eine kleine Gebrauchsanweisung für zwischenmenschliche Turbulenzen. Mit einem unwiderstehlichen Groove.
Main Feature
1976 trafen sich Fleetwood Mac im kalifornischen Sausalito, um “Rumours” aufzunehmen. Stevie Nicks und Lindsey Buckingham hatten sich getrennt, Christine und John McVie ließen sich scheiden, Mick Fleetwoods Ehe zerbrach ebenfalls. Gesprochen wurde wenig, gestritten viel. Kokain gehörte praktisch zur Studioausstattung. Besonders Fleetwood erinnerte sich später an wochenlange Schlaflosigkeit und geradezu groteske Mengen der Droge.
Heraus kam eines der großartigsten Alben der Popgeschichte.
Davon inspiriert erzählt David Adjmis Broadway-Erfolg Stereophonic von einer fiktiven Band, die zwischen musikalischem Ehrgeiz, Beziehungskrisen, nicht funktionierenden Kaffeemaschinen, Drogenexzessen und den anschließenden Hangovers ihr nächstes Album produziert.
Thomas Ostermeier, dessen Realismus stets auch die sozialen Verhältnisse hinter menschlichen Konflikten sichtbar machen will, findet dafür zunächst an der Schaubühne in Berlin einen faszinierenden Rahmen: Magda Willis unglaublich detailreiches Tonstudio. Mischpult, Instrumente, Siebzigerjahre-Dekor – man könnte sich stundenlang darin verlieren.
Und genau das wird zum Problem.
Ostermeier inszeniert die zwischenmenschlichen Verwerfungen mit großer Genauigkeit, zwischen komödiantischer Banalität und heftigen Eruptionen. Doch er nimmt dabei fast jedes Wort ernst. Adjmis Text ist kein Ibsen oder Tschechow. Seine Qualität liegt gerade im Kontrast zwischen alltäglichem Geplänkel und musikalischer Größe.
Dabei gibt es durchaus großartige Sprechmomente. Etwa wenn sich Bassist Reg (Marcel Kohler) in vermutlich drogeninduzierter Rage über Hausbootkriege ereifert. Oder wenn Keyboarderin Holly (Eva Meckbach) im zweiten Teil zu einer eindrucksvollen Suada ansetzt. Das hat Witz, Energie und Drive. Wenn sich dagegen das zentrale Paar Diana und Peter an einer Aussprache versucht und dabei kläglich scheitert, wird nahezu jedes Wort wie ein Diamant ins Licht gehalten. Nur wird aus alltäglicher Sprachlosigkeit durch besondere Ausleuchtung noch keine große Dramatik.
Großartig dagegen die Musik von Will Butler, ehemals Arcade Fire, live gespielt und gesungen vom Ensemble. Hier entsteht tatsächlich eine Band. Besonders Magdalena Lermer und Eva Meckbach überzeugen mit beeindruckender musikalischer Präsenz.
Das ist die eigentliche Erkenntnis des Abends: Große Kunst entsteht unter manchmal erstaunlich banalen Bedingungen. Und ein Gefühl braucht eben auch einmal 35 Takes, bis daraus ein Song wird.
In einer Szene empfiehlt der Toningenieur dem Schlagzeuger einen Click-Track, damit er das Tempo hält. Ostermeier hätte für die Dialogszenen vielleicht ebenfalls einen gebrauchen können.
Eine solche Ästhetik und eine derartige Bekenntnis zu einem well-made play findet man derzeit kaum anderswo in Berlin. Trotzdem wäre ich gerne 45 Minuten früher aus der im Untergeschoss noch immer in Sanierung befindlichen Schaubühne getreten. Für eine längere Diskussion mit meiner geschätzten Theaterbegleitung reichte der Abend allemal. Und auch das gehört schließlich zum Theater.
Side Feature
Mann trifft Frau. Sechs ziemlich leidenschaftliche Nächte, eine Schwangerschaft, und schon wird aus einer Affäre eine Familie. Klingt nach einer romantischen Komödie, deren Pointe man bereits nach fünf Minuten kennt. Zumal die beiden sich kaum kennen und eigentlich auch nicht vorhatten, das zu ändern. Ein denkbar unspektakulärer Ausgangspunkt. Und daraus entsteht eine der komischsten britischen Serien der letzten Jahre.
Catastrophe wurde von Sharon Horgan und Rob Delaney geschrieben, die auch gleich die Hauptrollen übernehmen. Sie spielt eine scharfzüngige Irin, er einen amerikanischen Werbemann mit Hang zur Selbstüberschätzung. Die Chemie zwischen den beiden ist sensationell. Vor allem beherrschen sie jene seltene Kunst, einander so liebevoll zu beleidigen, dass man sofort an die Zukunft dieser Beziehung glaubt.
Die Dialoge sind schnell, frech, oft herrlich ordinär und gelegentlich von verblüffender Zärtlichkeit. Die Serie liebt die romantische Komödie und zerlegt gleichzeitig genüsslich deren Konventionen. Hier gibt es Sex, Kinder, Ehekrisen und schlechte Entscheidungen. Nur keine weichgezeichneten Lebensweisheiten. Und auch die Nebenfiguren sind erfreulich weit davon entfernt, als moralische Unterstützung zu taugen.
Für einen verregneten, herbstlich kühlen Sonntagnachmittag genau das Richtige: ein kleines, nicht ganz harmloses, aber wunderbar unangestrengtes Vergnügen. Und eine schöne Erinnerung daran, dass “Katastrophe” nur eine andere Bezeichnung für “Zusammenleben” sein kann. Oder?
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Schauspielhaus Zürich, das in der neuen Spielzeit auf Stücke mit Publikumspotential setzt. Erfolgreich und sehenswert?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es ins Kino, zu einem der grossen Oscar-Anwärter diesen Jahres. In “Hamnet” geht es um Trauer und Kunst – und tränenreiche Katharsis-Momente. Benötigten wir ebenfalls ein Taschentuch?
Ich werde berichten…
