„Der Fall McNeal“, Deutsches Theater Berlin | „K.“, Berliner Ensemble | „Annie Lennox“, Rizzoli Books |
KI und Kafka
Double Feature 39/25
„Viel lernte ich von meinen Lehrern, mehr von meinen Freunden, am meisten aber von meinen Schülern.”
Dieser Satz aus dem Talmud eröffnet die heutige Ausgabe: Erkenntnis entsteht im Dialog – jede Antwort macht nur die nächste Frage möglich. Im Talmud steht an manchen Stellen “teiku”: lass es stehen, quasi als Markierung produktiver Unentschiedenheit. In diesem Newsletter geht es also um den Talmud und um Originalität, Überlieferung, These, Zweifel und einen Schlussstrich, den es nie geben wird. Nur den besten nächsten Satz.
Main Feature
Ayad Akhtars „Der Fall McNeal“ läuft am Deutschen Theater als „well made play“ – also als klassisch gebautes, elegant verzahntes Stück mit sauberer Exposition, Konflikt, Wendung und folgerichtiger Zuspitzung, dramaturgisch auf Uhrwerk getrimmt. In Zeiten, in denen die KI Trainingsdaten und deren Urheberrecht verheddert, also eine klare dramaturgische Struktur, einerseits. Andererseits: ist diese Struktur vielleicht selber von einer KI gebaut worden? Was ist also Originalität, was Plagiat?
Die Handlung des Stücks thematisiert viel: Ein alter weißer Starautor, Nobelpreis erhalten, Leber am Limit, hat seinen aktuellen Roman wohl von seiner suizidalen Ehefrau gestohlen und testet ein Sprachmodell, das ihn (und die Branche) zu überholen droht. Der Autor Akhtar selbst hat zwei Jahre lang ein Modell in Richtung „Akhtar-Sound“ dressiert, sehen wir also KI-generierten Text auf der Bühne oder originell selbst Geschriebenes? So oder so, die Fabel folgt McNeal, der binnen zwei unglaublich kurzen Tagen einen „qualitativ hochwertigen“ Erstentwurf zustande bringt und gleichzeitig resigniert und erkennend seinen eigenen „Eisberg beim Schmelzen” beobachtet und Suizid erwägt. Aber: KI hat nun mal ein Problem mit dem Tod als Option und wir ahnen, dass Maschinen Texte nie sterben lassen werden. Toxic masculinity, MeToo, KI, Originalität – ein volles Thementableau, in dem man sich schnell verheddern kann.
Die Inszenierung von András Dömötör organisiert das als Kette von Zweierdialogen – Ärztin, Agentin, Journalistin, Ex-Redakteurin, Sohn – dazwischen flimmert es digital, Projektionen, Live-Kamera. Es sind konventionelle Dialogszenen, zwischen denen es etwas rauscht und flimmert. Die Mitspieler:innen haben schöne Momente, sind aber von der Regie oft arg allein gelassen – und so entsteht eher ein Dialog-Ping-Pong als szenischer Atem. Ulrich Matthes hält natürlich wie stets das Zentrum: virtuos zwischen „Arsch“ und Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, am Ende landet dieser Mann im Alkohol und Selbstmitleid – schauspielerisch ist das souverän wie immer. Die Bühne (bei allem Tech-Aufwand) bleibt jedoch erstaunlich konventionell, die Kostüme teils schrill plakativ. Und über allem kreist bei mir ein Gedanke: Nothing is original – von Jarmusch, sagen die einen, von Godard, die anderen. Dieser Satz wäre spannend verschränkbar mit Urheberrecht und KI, der Abend bleibt in dieser Frage jedoch im Ansatz.
Schönes Detail: der von KI in Prospero-Manier gebaute Schlussmonolog, bevor McNeal sein Ende sucht – ein Shakespeare-Nachhall in Nullen und Einsen: „Welche Ausgeburt wäre dies – geschmiedet aus Einsen und Nullen, oder in einer Schmiede, die vom menschlichen Feuer gewärmt ist?“. Man vermisst solche Sprachmusik manchmal an diesem recht konventionellen Abend.
McNeal entgeht der Verurteilung durch den Tod – womit wir bei Kafkas „Prozess“ wären und bei „K.“ am Berliner Ensemble: Der hochproduktive Barrie Kosky verschränkt den Roman (und u. a. die „Strafkolonie“) mit jüdischem Vaudeville um 1910/20. Biografisch ist das plausibel: Kafka, der zwischen Assimilation und Überlieferung oszillierte, fand über das ostjüdische Theater einen Zugang zum eigenen Judentum. Der Abend ist als „ein talmudisches Tingeltangel“ angekündigt: Deutsch, Jiddisch, Hebräisch; Musik von Bach bis zu jiddischen Chansons; Schumanns „Dichterliebe“ in jiddischer Übersetzung – auch dies macht Sinn: Librettist Heinrich Heine als Spiegel eines assimilierten Juden der Moderne. Im Licht und auf der Bühne: Faszinierende Blicke wie in eine Synagoge, mal Kabarett-Rampe, mal vor dem Tora-Schrein; die Räume fahren und kippen, nichts bleibt sicher.
„Jemand musste ihn verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ Von dort zieht Kosky Linien in die Theologie: wie im Talmud gebiert jede Frage die nächste, doch Erlösung gibt es nicht – No Escape. In der „Strafkolonie“ ritzt die Maschine Gesetz in Haut: Melancholie und die dunkle Vorahnung der kommenden Grausamkeit liegen schwer in der Luft.
Und dann: Kathrin Wehlisch als zentrale Kafka-Figur – ein virtuoser, sich verausgabender Glücksfall: K. als stummfilmhelle, wortkaskadierende Zentralgestalt; Arrangeur Adam Benzwi treibt das Ensemble musikalisch zwischen Jiddischem Chanson und tirilierendem Bach mit federnder Präzision. Ja, der Abend hat Längen und teils allzu wilde Tempowechsel – aber er trägt: man verlässt kein Tingeltangel, sondern ist ergriffen, ermattet – und dankbar für ein großes, musikalisch perfektes Ensemble und eine tragfähige, vielstimmige Dramaturgie.
Side Feature
Rizzoli legt mit „Annie Lennox: Retrospective“ einen opulenten, streng chronologisch montierten Bildband vor, der die von mir sehr verehrte Sängerin als souveräne Regisseurin ihres eigenen Bildes zeigt. Polaroids aus dem Privatarchiv, Plattencover und Videostills – über 200 Fotografien – werden von Lyrics-Splittern und knappen Erinnerungen flankiert. Die Liste der Bildautor:innen ist eine kleine Kunstgeschichte: Richard Avedon, Paolo Roversi, Bettina Rheims, Ellen von Unwerth – ergänzt um seltener gezeigte Arbeiten. Vogue nennt das folgerichtig ein „visuell geführtes“ Memoir, das sofort auf den Couchtisch will, meinen zumindest.
Gleichzeitig bleibt Lennox´ Gegenwart: Ihre jüngsten, deutlich formulierten Posts zu Gaza und Auftritte bei Solidaritätsformaten wie „Together for Palestine“ haben sie in Debatten verstrickt, aus denen sie nur schwerlich wieder hinausfindet – ihr langjähriges Engagement für Menschenrechte steht dennoch und ist ohne Frage. So oder so also: Ein Buch voller elektrisierender Bilder und Erinnerungen, das Pose und Person verschränkt – und eine Groß-Künstlerin zeigt, die ihr Bild stets neu erfindet.
Next Feature
Im nächsten Double Feature zeigt der südafrikanische Multi-Media Künstler William Kentridge eine Bühnenversion der Geschichte von Exil und Kolonie: “The Great Yes, The Great No” Sehenswert? Yes? No?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
