„Das Paradies und die Peri“, Staatsoper Hamburg | „Mein Schwanensee“, Deutsches Schauspielhaus Hamburg | Huguette Caland, Deichtorhallen Hamburg |
Engel Über Hamburg
Double Feature 41/25
Eine Kultur-Bahn-Reise nach Hamburg beginnt zwar pünktlich, jedoch mit großer Verwirrung wegen kurzfristig gewechselter Bahngleise und Wagenreihungen: Anke Engelke, dem neuen Bahn-Sympathie-Labubu, hätte es gefallen. Dies quasi als traurige Bahn-Pflicht.
Die Kür liefern dann jedoch zwei szenische Miniaturen, die bereits – wenn auch sehr indirekt – auf den kulturellen Charakter der kommenden beiden Tage verweisen. Diese werden dargeboten von zwei durchaus bekannten Kulturschaffenden auf dem Weg zu Auftritten in Hamburg oder Lübeck – direkt vor unseren Augen, im Abteil, sozusagen eine unfreiwillige Privatvorstellung:
Pianist mit internationaler Reputation und großem politischen Engagement zeigt uns unaufgefordert die Farbe seiner Strümpfe, rhythmisch auf dem gegenüberliegenden Sitz wippend und krönt diese “Baseline” mit melodisch perfektem, hoch-öffentlich dargebotenem Einsatz von Zahnseide. Privacy is overrated, findet zumindest er.
Als ehemaliges Schaubühne Berlin-Ensemblemitglied und Berliner Tatort-Kommissar bekannter Schauspieler trifft auf der Reise zu einer Lesung in Lübeck intensive Vorbereitungen, die allerdings fast ausschliesslich aus dem hektischen Aus- und Umpacken seiner Tasche und später dann scheinbar planlosem Durcheinanderwirbeln der losen Skript-Sammlung zu bestehen scheinen. Als er sich beim Zwischenstop in Stendal zum etwa fünfzigsten mal hochnervös die Lesebrille von der Stirn riss, habe ich aufgehört zu zählen.
Die ersten beiden Rückmeldungen mit der korrekten Nennung der Namen dieser beiden Bahnkultur-Banausen erhalten eine kleine Aufmerksamkeit…
Willkommen in Hamburg.
Main Feature
Mit „Das Paradies und die Peri“ eröffnet Regisseur Tobias Kratzer seine Intendanz an der Staatsoper Hamburg – und sagt damit gleich, wofür er steht: ein offenes Haus, Diskurslust, präzise Aktualisierung, aber auch das klare Bekenntnis zu Pathos und Gefühl. Warum sonst Oper? Kratzer beschreibt den Auftakt als Programmatik „Everything opera can be“, Chefdirigent Omer Meir Wellber nennt ihn eine Einladung, sich einzumischen. Beides spürt man an diesem Abend.
Schumanns weltliches Oratorium (1843) folgt der Peri – Kind eines gefallenen Engels und einer Sterblichen –, die mit drei Gaben zurück in den Himmel will; der Stoff geht über Thomas Moores „Lalla Rookh“ auf persische Quellen zurück. Die Inszenierung fädelt Gegenwartsnöte als „Perlen“ auf: Krieg, Pandemie, Klimakrise. Nicht als plumpe Aktualität, sondern als klare Entsprechungen der Peri-Prüfungen.
Bühnenbild und Kostüme setzen auf einen breiten, flachen Spielraum, Video verschaltet Bühne und Saal; eine gläserne Miniaturwelt mit Fabrikschloten, eine Tischkamera, Federn – Kratzer baut prägnante Bilder. Der Chor agiert straff geführt und trägt beeindruckend und präzise agierend die Großform.
Entscheidend ist in dieser Inszenierung die Publikumsadresse: Am Ende jedes Teils rückt eine Live-Kamera die Zuschauer ins Bild – eine buhende Frau, ein dösender Mann neben einer Maskenträgerin, ein alter Herr, dem die Tränen kommen. Man durchschaut dies bald als einstudierte Setzung; sie wirkt dennoch, weil sie Mitverantwortung produziert. Im letzten Tableau steigt die Peri über Lehnen und Armlehnen quer durchs Parkett, um die Träne zu holen: kein Gimmick, sondern ein intensiv geteilter Moment, der die Himmelspforte buchstäblich im Saal verortet.
Omer Meir Wellber formt Schumanns Farben präsent, geschmeidig, warm – und nimmt die Stimmen hörbar beim Wort.
Diese Eröffnungsinszenierung an der Staatsoper Hamburg ist eine mutige, hochaktuelle Wahl: sensibel, ergreifend. Ein Engel über Hamburg.
Am nächsten Abend steigen wir vom Himmel hinab in den MalerSaal: Das Schauspielhaus zeigt in Hamburg mit Christoph Marthalers „Mein Schwanensee“ den dritten Teil seiner MalerSaal-Trilogie – nach Hölderlin und Dickinson nun frühe Jelinek-Texte: Gedichte, Hörspielsplitter, scharf, assoziativ, mit Blick auf Macht und Geschlechter. Der MalerSaal, abseits vom großen Haus, ist und bleibt der richtige Resonanzraum für Marthalers entschleunigte Andacht.
Zwischen Turngeräten, Kanzel und einer brummenden Trockenschleuder erzählt der Abend Miniaturen: Tarzan und Jane, das Lindbergh-Ehepaar, ein parodierter Maestro – zärtlich, komisch, melancholisch. Die Musik flaniert vom Kanon (Bach, Schumann, Schubert, Beethoven) zu Pop (Tears for Fears, Red Hot Chili Peppers) und Schlager-Anklängen; der Mix ist typisch Marthaler und trägt die Szenen wie Wellen. Andeutungen zum Verhältnis der Geschlechter sind überall, aber ohne Thesenhammer.
Am Ende gleitet das Ensemble auf Rollbrettern durch den fast dunklen Raum – eine stille, verquer sakrale Schlussfigur. Himmelsthema, zweite Variation, diesmal untertage und ein perfekter Abschluss eines stimmigen Wochenendes in Kultur-Hamburg.
Side Feature
Eine späte, dafür umso zwingendere Begegnung in den Deichtorhallen in Hamburg: Huguette Caland, 1931 in Beirut geboren, Tochter des ersten libanesischen Präsidenten, wird hier mit rund 300 Arbeiten als große Linienkünstlerin neu gezeigt. Von Beirut in den 1960ern, Paris ab 1970, später Venice Beach – Caland zieht eine einzige, selbstbewusste Lebenslinie durch Kontinente, Mode (Kaftans für Pierre Cardin) und Malerei. Ihre „Bribes de corps“: Körperlandschaften, erotisch und doch lakonisch, klare Konturen, sanfte Flächen, nie zynisch, immer zugewandt. Für mich: eine Neuentdeckung. Die Schau betont Autonomie, Nähe und Gemeinschaft, statt einfach nur Exotismus.
Und ja, in den begleitenden Texten erleben wir einen Höhepunkt der Reihe “Kuratoren-Sprachverbiegungen”, wenn von „autonomen Volumen“ gesprochen wird. Auch wenn es draussen stürmte und regnete, unsere Augen waren bereits beim Verlassen der Hallen vom Lachen gut genässt.
Next Feature
Im nächsten Double Feature geht es zu einer Uraufführung des hochgelobten Staatsballett Berlin: Wunderkammer. Wundervoll?
Ich werde berichten…
with cultural regards,
